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Mittwoch, 12. August 2020

Die Lebenden werden die Toten beneiden

(Zuerst publiziert in www.Journal21.ch vom 12.8.2020)

In der New York Review of Books, 20. August 2020 (-> link to original article) bespricht Bill McKibben das Buch «The last warning: Six degrees climate emergency» («Die letzte Warnung: Sechs Grad Klimanotfall») von Mark Lynas, London: 4th Estate, 372 S., 27,99 USD. Hier diese Besprechung in deutscher Übersetzung: 

54 Grad Celsius

Durch COVID bekommen wir einen Begriff von einer umfassenden globalen Krise, die alles stört: Das normale Leben - Lebensmittel einkaufen, Hochzeit halten, zur Arbeit gehen, die Eltern sehen – alles verändert sich dramatisch. Die Welt fühlt sich anders an, und jede Annahme über Sicherheit und Vorhersehbarkeit ist auf den Kopf gestellt: Wirst du einen Job haben? Wirst du sterben? Wirst du jemals wieder mit der U-Bahn fahren oder ein Flugzeug nehmen? Es ist alles anders, als wir jemals gesehen haben.

Der Umbruch durch Covid-19 ist auch eine Art Generalprobe für die globale Erwärmung. Weil die Menschen die physische Funktionsweise des Planeten Erde grundlegend verändert haben, gehen wir einem Jahrhundert von Krisen entgegen, von denen viele gefährlicher sind als das, was wir jetzt durchleben. Hauptfrage ist, ob wir den Temperaturanstieg so eingrenzen können, dass wir diese Krisen wenn auch mit Aufwand und Leid bewältigen können, oder ob unsere Zivilisation überwältigt wird. Letzteres ist eine eindeutige Möglichkeit, wie Mark Lynas neues Buch «Our Final Warning» schmerzlich deutlich macht.

Lynas ist ein britischer Journalist und Aktivist. 2007 veröffentlichte er im Vorfeld der Klimakonferenz in Kopenhagen ein Buch mit dem Titel «Sechs Grad: Unsere Zukunft auf einem heißeren Planeten». Das neue Buch erinnert an die frühere Arbeit, die schon keineswegs fröhlich war. Aber weil Wissenschaftler im letzten Jahrzehnt das Verständnis der Erdsysteme dramatisch verbessert haben, während unsere Gesellschaft dasselbe Jahrzehnt dazu verschwendete, um immer mehr CO2 in die  Atmosphäre zu pusten ist dieses Buch weit, weit dunkler. Lynas stützt sich auf solide Quellen und eine breite Palette veröffentlichter Forschungsergebnisse. Eröffnend sagt er, dass er lange davon ausgegangen sei, dass wir „den Klimawandel wahrscheinlich überleben könnten. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher."

Die Nationen, welche fossile Brennstoffe in großen Mengen verbrauchen, haben die Temperatur des Planeten seit der industriellen Revolution um mehr als ein Grad Celsius angehoben. Die Marke wurde 2015 überschritten, zufällig auch das Jahr, in dem wir in Paris die ersten wirklichen globalen Abkommen über Klimaschutzmaßnahmen erreicht haben. Ein Anstieg um ein Grad klingt nicht nach viel, aber es ist viel: Jede Sekunde fangen der Kohlenstoff und das Methan, die wir abgegeben haben, Wärme ein, die der Explosion von drei Hiroshima-Bomben entspricht. Seit 1959 wird auf dem  Vulkan Mauna Loa in Hawaii die Kohlendioxidkonzentration erfasst. Ende Mai dieses Jahres war ein neues Rekordhoch von etwa 417 ppm CO2, das sind 100 ppm mehr als zur Zeit unserer Ururgrosseltern, und mehr, als es in den letzten drei Millionen Jahren je gegeben hat (ppm = parts per million).

Während wir fahren, heizen, beleuchten und bauen, geben wir jährlich etwa 35 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre ab. Momentan nehmen Ozeane und Wälder etwas mehr als die Hälfte davon auf, aber diese Gnade wird in Zukunft nicht anhalten, und auf jeden Fall bedeutet dies, dass wir der Luft jährlich etwa 18 Milliarden Tonnen hinzufügen . Dies ist bei weitem der wichtigste Einflussfaktor  für die Zukunft des Planeten.

Der Schaden, der bei einem Grad Erwärmung angerichtet wurde, ist beunruhigend und liegt in fast allen Fällen über dem, was Wissenschaftler vor dreißig Jahren vorhergesagt hatten (Wissenschaftler sind halt von Natur aus vorsichtig).  Lynas nimmt uns auf eine Horrortour,  von Grönland (wo die Eisschmelze bereits auf dem Niveau liegt, das einst für 2070 vorhergesagt wurde); in die Wälder der Welt (auf der ganzen Welt hat die Dauer der Waldbrandsaison um ein Fünftel zugenommen); in städtische Gebiete in Asien und im Nahen Osten, in denen in den letzten Sommern die höchsten zuverlässig gemessenen Temperaturen auf der Erde gemessen wurden, gegen 54 Grad. Das ist die Welt mit einem Grad Erwärmung, in der ein Gürtel aus gebleichten Korallen über den Tropen zu sehen ist - ein 90-prozentiger Zusammenbruch entlang des Great Barrier Reef, der größten lebenden Struktur des Planeten – oder die entsetzlichen Szenen aus Australien wo im Dezember Menschen ins Meer wateten,  um den Feuerstürmen zu entkommen.

Das wäre einmal die Ausgangsbasis. Wir werden definitiv nicht cooler. Aber betrachten wir jetzt das eigentliche Problem, die zukünftige Entwicklung, welche Wissenschaftler seit vielen Jahren zu vermitteln versuchen, welche aber weder in der Öffentlichkeit noch bei den politischen Führern wirklich angekommen ist. In den Worten von Lynas:

«Auf dem aktuellen Erwärmungspfad könnten wir bereits Anfang der 2030er Jahre zwei Grad Globalerwärmung haben, die drei Grad um Mitte des Jahrhunderts und vier Grad bis 2075. Wenn wir mit positiven Feedbackschleifen Pech haben - vom Auftauen des Permafrosts in der Arktis bis zum Zusammenbruch tropischer Regenwälder - könnten wir bis zum Ende des Jahrhunderts fünf oder  sechs Grad Globalerwärmung erreichen».

Das ist ein lesenswerter Absatz, eine unverbrämte Zusammenfassung der verfügbaren Wissenschaft (eine  Anfang Juli veröffentlichte Studie schätzt, dass wir die 1,5-Grad-Schwelle bis 2025 überschreiten könnten). Diese Sicht ist keinewegs abwegig und sie impliziert eine unvorstellbare Zukunft. Zwei Grad sind nicht doppelt so schlecht wie ein Grad, oder drei Grad dreimal so schlecht. Denn der Schaden nimmt nicht linear mit der Temperatur zu, sondern eher exponentiell, wobei bei steigender Temperatur jederzeit unvorhersehbare Kippunkte drohen. (Anmerkung des Übersetzers: eine bestimmte Globalerwärmung heisst ca. das doppelte oder mehr über den Landmassen, wo die Kühlung durch das Meer entfällt). 

Aber haben sich die Staats- und Regierungschefs der Welt im Pariser Klimaabkommen nicht  verpflichtet, den Temperaturanstieg auf „weit unter“ zwei Grad Celsius und so nahe wie möglich an 1,5 Grad zu halten? Sie taten es - in der Präambel. Aber dann fügten sie ihre tatsächlichen Zusagen Land für Land hinzu. Als Wissenschaftler diese Versprechen zusammenfassten - Emissionen zu senken, erneuerbare Energien aufzubauen, Wälder zu retten - und sie in einen Computer einspeisten, spuckte der die Nachricht aus, dass wir bei Einhaltung des Pariser Abkommens in diesem Jahrhundert auf eine Globalerwärmung um etwa 3,5 Grad zusteuern. Und nicht genug Länder halten die Pariser Versprechen - tatsächlich haben sich unsere USA, die in den letzten zwei Jahrhunderten weitaus mehr Kohlenstoff produziert haben als jedes andere Land, vollständig von den Abkommen zurückgezogen, angeführt von einem Präsidenten, der den Klimawandel als Scherz bezeichnet. Der En-ROADS-Online-Simulator, der von Climate Interactive, einem gemeinnützigen Think Tank, entwickelt wurde, sagt voraus, dass wir in diesem Jahrhundert einen globalen Temperaturanstieg von 4,1 Grad  erwarten können. Alles in allem ist Lynas 'sorgfältige schrittweise Analyse eine direkte Prognose für unsere Zukunft, und gleichzeitig eine Höllentour, es sei denn, wir ergreifen Massnahmen in einem Maßstab, den derzeit nur wenige Nationen planen.

Folgen wir Lynas auf dieser Tour in die Hölle:

Bei einer um zwei Grad erhöhten Globaltemperatur sind sagt die Wissenschaft ziemlich sicher einen im Sommer eisfreien Arktischen Ozean voraus. Schon jetzt hat der Eisverlust im Norden die Wettersysteme dramatisch verändert, den Jetstream geschwächt und die Wetterverhältnisse in Nordamerika und anderswo destabilisiert. 

Bei den zwei Grad könnten 40 Prozent der Permafrostregion abschmelzen, unter massiver Freisetzung von Methan und CO2, was uns näher an die drei Grad bringen würde. Aber wir greifen vor: Zwei Grad werden wahrscheinlich auch den irreversiblen Verlust der Westantarktischen Eisdecke auslösen. Selbst vorsichtige Schätzungen des resultierenden Meeresspiegelanstieges lassen erwarten, dass dadurch 79 Millionen Menschen vertrieben werden. Und der Schutz gefährdeter Städte entlang der Ostküste der USA hinter Deichen und Mauern würde bis zu 1 Million US-Dollar pro Person kosten. Lynas folgert: «Ich vermute, niemand wird mit so hohen Kosten für Deiche bezahlen wollen, und die am stärksten gefährdeten (und ärmsten) Gemeinden werden einfach aufgegeben».

Früher hofften die Forscher, dass eine Erwärmung um zwei Grad die Lebensmittelproduktion tatsächlich leicht steigern könne, aber „jetzt sehen diese rosigen Erwartungen gefährlich naiv aus.“ Lynas zitiert jüngste Studien, in denen vorausgesagt wird, dass zwei Grad die globale Lebensmittelverfügbarkeit um etwa 99 Kalorien pro Kopf und Tag verringern werden – und auch diese Last wird selbstverständlich nicht gleichmäßig oder gerecht verteilt werden.

Städte werden stetig heißer: Die derzeitige Erwärmung bedeutet, dass sich alle Menschen auf der Nordhalbkugel mit einer Geschwindigkeit von etwa 19 km pro Jahr effektiv nach Süden bewegen. Das ist ein halber Millimeter pro Sekunde, was mit bloßem Auge eigentlich leicht zu erkennen ist: „Ein sich langsam bewegendes riesiges Förderband“, das uns „immer tiefer in die Subtropen transportiert, mit der gleichen Geschwindigkeit wie der Sekundenzeiger einer kleinen Armbanduhr . ”

Aber dieser statistische Durchschnitt maskiert Extreme: Wir können immer stärkere Hitzewellen erwarten, so dass beispielsweise in China Hunderte Millionen Menschen mit Temperaturen umgehen müssen, denen sie noch nie zuvor begegnet sind. Die natürliche Welt wird dramatisch leiden - 99 Prozent der Korallenriffe werden wahrscheinlich sterben: Eine der faszinierendsten (und produktivsten) Ecken der Schöpfung wird auf „abgeflachte, algenbedeckte Trümmer“ reduziert.

Wenn wir darüber hinaus zu drei Grad Globalerwärmung gehen, "wird das unsere Zivilisation bis zum Zusammenbruch belasten." Die drei Grad bringen uns auf ein Niveau globaler Hitze, das noch kein Mensch erlebt hat – letztmals so warm war es vor drei Millionen Jahren im Pleistozän.

In seinem ersten Buch berichtete Lynas, dass Wissenschaftler den Zusammenbruch der Westarktischen Eisdecke bei vier Grad erwarteten. Wie oben ausgeführt erwartet man den Zusammenbruch heute  früher, bei zwei Grad Erwärmung ist er eine tödliche Möglichkeit, bei drei Grad eine Gewissheit. Höhere Meeresspiegel bedeuten, dass Sturmfluten wie der Superstorm Sandy vom Jahr 2012 durchschnittlich dreimal im Jahr zu erwarten sind.

In einer Dreigrad-Welt werden die rekordverdächtigen Hitzewellen von 2019 „als ungewöhnlich kühler Sommer gelten“. Über eine Milliarde Menschen würden in Zonen des Planeten leben, "in denen es unmöglich wird, außerhalb künstlich gekühlter Umgebungen sicher zu arbeiten, selbst im Schatten". Der Amazonas stirbt,  der Permafrost bricht zusammen. Die Veränderung verstärkt sich selber: Bei drei Grad wird die Reflexion des Planeten stark vermindert, weil weißes Eis, das den Sonnenschein zurück in den Weltraum reflektiert, durch blaues Meer oder braunes Land ersetzt wird, das diese Strahlen absorbiert und den Prozess verstärkt.

Und dann kommen die vier Grad: Der Mensch als Spezies ist damit nicht vom Aussterben bedroht - noch nicht. Aber die fortschrittliche industrielle Zivilisation mit ihrem ständig steigenden Materialverbrauch, Energieverbrauch und Lebensstandard - das System, das wir Modernität nennen – kommt ins Wanken.

In Orten wie Texas, Oklahoma, Missouri und Arkansas werden die Höchsttemperaturen jedes Jahr höher sein als die 50 und mehr Grad, die man jetzt im Death Valley findet. Drei Viertel der Weltbevölkerung werden „mehr als 20 Tage pro Jahr tödlicher Hitze ausgesetzt sein ” – in New York 50 Tage pro Jahr, in Jakarte alle Tage des Jahres. Ein „Gürtel der Unbewohnbarkeit“ wird durch den Nahen Osten verlaufen, den größten Teil Indiens, Pakistans, Bangladeschs und Ostchinas. Die Ausweitung der Wüsten wird ganze Länder "vom Irak bis nach Botswana" verbrauchen.

Je nach Studie steigt das Risiko von „sehr großen Bränden“ in den westlichen USA zwischen 100 und 600 Prozent; Das Hochwasserrisiko in Indien steigt um das Zwanzigfache. Derzeit ist das Risiko, dass die größten Getreideanbaugebiete aufgrund von Dürre gleichzeitig Ernteausfälle erleiden, „praktisch Null“, aber bei vier Grad „steigt diese Wahrscheinlichkeit auf 86%“. Riesige «marine Hitzewellen“ werden die Ozeane durchkämmen: „Eine Studie geht davon aus, dass die Meerestemperaturen in einer Welt mit vier Grad in vielen tropischen Meeresökoregionen über der thermischen Toleranzschwelle von 100% der Arten liegen werden.“ Das Aussterben an Land und auf See wird sicherlich das schlimmste seit dem Ende der Kreidezeit vor 65 Millionen Jahren sein, als ein Asteroid dazu beitrug, das Zeitalter der Dinosaurier zu beenden. "Der Unterschied", bemerkt Lynas, "besteht darin, dass der" Meteor "diesmal Jahrzehnte im Voraus sichtbar war, aber wir haben uns einfach abgewandt, als er am Himmel immer größer wurde."

Wir werden nicht lange bei Lynas' Beschreibungen darüber verweilen,  was bei fünf oder sechs Grad Globalerwärmung passiert. Diese sind leider nur allzu plausibel -  besonders wenn die Menschheit sich nicht auf eine Kursänderung einigt - aber sie sind pornographisch. Wenn die Erwärmung dieses Ausmass erreicht, werden die Lebenden die Toten wirklich beneiden: Eine Welt, in der die Menschen versuchen, sich nach Patagonien oder vielleicht auf die Südinsel Neuseelands zu drängen, eine Welt, in der massive Monsune den Boden bis zum Felsen wegspülen. wo die Ozeane anoxisch oder völlig ohne Sauerstoff sind. Vergessen wer die Praezedenzfälle der Kreidezeit und der Asteroideneinschläge - bei sechs Grad nähern wir uns dem Schaden, der zu Ende des Perms eintrat, der größten biologischen Katastrophe in der Geschichte des Planeten, als vor 250 Millionen Jahren 90 Prozent der Arten verschwanden. Ist das übertrieben? Nein, denn momentan erhöhen unsere Autos und Fabriken die CO2-Konzentration des Planeten ungefähr zehnmal schneller als die riesigen sibirischen Vulkane, die damals die Katastrophe ausgelöst haben.

Angesichts der Klimakrise ist die Rückkehr zum „Normalen“ kein realisierbares Ziel - niemand wird einen Impfstoff herstellen (*). Das heißt nicht, dass wir keine Möglichkeiten haben. Tatsächlich haben wir derzeit mehr Optionen als zu irgendeinem früheren Zeitpunkt, aber wir müssten sie in dramatischem Umfang und mit dramatischer Geschwindigkeit einsetzen.

Zum einen haben die Ingenieure ihre Arbeit gut gemacht. Vor etwa einem Jahrzehnt begann der Preis für erneuerbare Energien zu sinken, und dieser Rückgang beschleunigt sich weiter. Der Preis pro Kilowattstunde Solarenergie ist seit 2010 um 82 Prozent gefallen. In diesem Frühjahr wurde in den sonnigen Wüsten Dubais der Zuschlag für die weltweit größte Solaranlage abgegeben, sie produziert für etwas mehr als einen Cent pro Kilowattstunde. Der Preis für Windkraft ist fast ebenso dramatisch gefallen. Jetzt rasen die Batterien die gleiche Kurve hinunter. In vielen Jahren wird es vielerorts tatsächlich billiger sein, neue Solaranlagen zu bauen, als bereits gebaute und bezahlte Gas- und Kohlekraftwerke weiter zu betreiben. (Das liegt daran, dass die Sonne die Kraft gratis liefert).

Aus diesen Gründen und aufgeschreckt durch Kampagnen setzen sich Investoren für erneuerbare Energien ein. Damit wird auch die Macht der fossilen Brennstoffindustrie geschwächt, die ihre Schlagkraft seit drei Jahrzehnten genutzt hat, um den Übergang zu neuen Energieformen zu blockieren.

Aber die Wirtschaft selbst wird uns nicht schnell genug bewegen. Trägheit ist eine mächtige Kraft - Trägheit und die Notwendigkeit, Billionen an „gestrandeten Vermögenswerten“ aufzugeben: Riesige  Öl- und Gasreserven, die derzeit den Wert von Unternehmen (und von Ländern, die sich wie Unternehmen verhalten – man denke an Saudi-Arabien) stützen, müssten im Boden belassen werden. Infrastrukturen wie Pipelines und Kraftwerke müssten lange vor Ablauf ihrer Nutzungsdauer geschlossen werden. Dieser Prozess würde wahrscheinlich mehr Arbeitsplätze schaffen als beseitigen, denn fossile Energie ist in der Regel kapitalintensiv, während erneuerbare Energien arbeitsintensiver sind. Aber die politischen Systeme reagieren eher auf drohende Arbeitsplatzverluste als auf ihren möglichen Ersatz. Von den ärmsten Nationen sollte nicht erwartet werden, dass sie für den Übergang so viel bezahlen wie die reichen Nationen: Sie sind bereits belastet mit den horrenden Kosten des Meeresspiegelanstiegs und der Gletscherschmelze, zu deren Verursachung sie kaum beigetragen haben. Auch ohne Führer wie Trump ist der erforderliche Aufwand enorm - genau deshalb blieben die Zusagen der Unterzeichner in Paris so weit hinter den selbst gesetzten Zielen zurück. Und Führer wie Trump scheinen sich zu vermehren: Der Brasilianer Jair Bolsonaro kann die Klimamathematik im Alleingang umschreiben, indem er einfach weiterhin den Amazonas entwaldet. Es wird eine mächtige und andauernde Bewegung erfordern, um den Wandel zu beschleunigen.

Was Lynas 'Buch vielleicht etwas deutlicher hätte machen sollen, ist, wie wenig Spielraum wir haben, um diese Aufgaben zu erfüllen. In einer Coda schreibt er tapfer: „Es ist nicht zu spät, und tatsächlich wird es nie zu spät sein. So wie 1,5 ° C besser als 2 ° C ist, so ist 2 ° C besser als 2,5 ° C, 3 ° C ist besser als 3,5 ° C und so weiter. Wir sollten niemals aufgeben.“ Dies ist zumindest emotional unbestreitbar. Nur machen die von ihm zitierten Studien deutlich, dass zwei Grad Erwärmung Rückkoppelungen erzeugen können, die uns automatisch höher bringen. Ab einem bestimmten Punkt wird es zu spät sein. Die erste dieser Fristen könnte 2030 sein - das Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC)  teilte 2018 mit, dass wir bis zu diesem Datum eine „grundlegende Umgestaltung“ der Energiesysteme benötigen, da sonst die in Paris festgelegten Ziele unerreichbar blieben (Mit „grundlegender Transformation“ war ein Rückgang der Emissionen um 50 Prozent gemeint). Das heißt, die Jahre, in denen wir noch größte Hebelwirkung und Einfluss haben können wir unseren zehn Fingern abzählen.

Die Covid-Pandemie zeigt, wie wichtig der Zeitfaktor in solchen Krisen ist. Südkorea und die USA meldeten die ersten Fälle am selben Januartag. Amerikas Regierung und Präsident verschwendeten den Februar mit Zögern und Twittern. Und jetzt ist Seoul nahe an der Normalität, und in den USA sind wir dem Chaos nahe (An einem einzigen Julitag  meldete Florida mehr Fälle, als Südkorea in der ganzen Pandemie). Und so wie die USA den Februar verplemperten, verplemperten wir für den Planeten dreißig Jahre. Geschwindigkeit ist wichtiger denn je. Die Proteste gegen Black Lives Matter erinnern daran, dass Aktivismus erfolgreich sein kann und dass Umweltbemühungen stark mit anderen Kampagnen für soziale Gerechtigkeit verbunden sein müssen. Der von der Biden-Kampagne im vergangenen Monat angekündigte Klimaplan ist ein glaubwürdiger Start für die notwendigen Anstrengungen.

Die Pandemie gibt auch einen tauglichen Masstab dafür, wie viel wir ändern müssen, um die Klimakrise zu bewältigen. In diesem Frühjahr haben wir «business as usual» eine Zeit lang beendet, fast auf der ganzen Welt - und unseren Lebensstil weitaus mehr verändert, als wir je für möglich gehalten hatten. Wir haben aufgehört zu fliegen, haben aufgehört zu pendeln, haben viele Fabriken gestoppt. Im Endeffekt sind die Emissionen gesunken, aber nicht so stark, wie man hätte erwarten können: Nach vielen Berechnungen kaum mehr als 10 oder 15 Prozent. Das deutet darauf  hin, dass der größte Teil der Faktoren, die unsere Erde zerstören, fest in unseren Systemen eingebaut und verdrahtet sind. Nur wenn wir diese Systeme angreifen - indem wir die mit fossilen Brennstoffen betriebenen Eingeweide herausreißen und durch erneuerbare Energien und weitaus effizientere  Techniken ersetzen, können wir die Emissionen so weit senken, dass wir eine Chance haben. Und zwar – das macht Lynas leider klar - nicht die Chance, die globale Erwärmung zu stoppen. Aber wenigstens eine Chance, zu überleben.

(*) Einige fordern "Geoengineering"-Lösungen für die globale Erwärmung - Techniken wie das Sprühen von Schwefeldioxid in die Atmosphäre, um die einfallenden Sonnenstrahlen zu blockieren. Das würde nichts dazu beitragen, die andere schlimme Krise zu verlangsamen, die durch den Kohlenstoffstoß verursacht wird: Die Versauerung der Ozeane. Und man könnte damit durchaus neue Formen des Chaos anrichten.

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Übersetzung: Lukas Fierz, Bern.

Veröffentlicht mit Genehmigung New York Review of Books.

Link zum Originalartikel: https://www.nybooks.com/articles/2020/08/20/climate-emergency-130-degrees/

 

 

Freitag, 3. Mai 2019

Umweltkrise braucht anderes Wirtschaften

Ein Team finnischer Biophysiker studierte die gesellschaftlichen und wirtschaftliche Herausforderungen durch die Umweltkrise und Lösungsansätze (für die Originalarbeit Link anclicken, viele Literaturangaben). Die Studie wurde durch den damaligen UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon in Auftrag gegeben und soll in einen UN Global Sustainable Development Report 2019 (GSDR) einfliessen, der unseres Wissens noch nicht veröffentlicht ist. Wir fassen die Studie zusammen: 
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Die Zeit billiger Energie und Entsorgung ist vorbei. Und die Klimaerwärmung ist nur eines unter vielen bedrohlichen Problemen als da sind Artenverlust, zunehmende Ungleichheit und Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung, Inflation. Schon allein die Lösung des Klimaproblems braucht massive wirtschaftliche und gesellschaftliche Umstrukturierungen, vor allem in den Bereichen Energie, Transport, Ernährung und Siedlungsstruktur, die im folgenden skizziert werden sollen:  

Energie: Fossile Brennstoffe ca. 80 Prozent der global verbrauchten Primärenergie. Für konventionelle Ölförderung ist peak oil schon eingetreten, Mehrproduktion kommt nur vom umweltschädlichen und weniger effizienten Fracking. Sowieso müssen wir raschestmöglich von fossilen Brennstoffen wegkommen.  Diese können wir nicht vollständig mit nachhaltiger Energie zu ersetzen. Es braucht  massive Einsparungen und  dezentrale intelligent-vernetzte Produktion. 
Das Ende der Ölzeit
Transport: Siedlungen müssen verkehrsarm geplant werden, z.B. durch Annäherung von Wohn- und Arbeitsorten. In Städten und Siedlungen muss Fuss- und Fahrradverkehr dominieren. Der verbleibende öffentliche und halböffentliche Verkehr in und zwischen Siedlungen muss elektrisch werden. Alle Transportvorgänge, vor allem der internationalem Luft- und Frachtverkehr müssen reduziert werden, soweit sie nicht CO2-frei möglich sind. 
      
Ernährung: Um die Versorgungssicherheit zu erhöhen und Transporte zu reduzieren sollten alle Länder eine diversifizierte Selbstversorgung fördern. Milch- und fleischbasierte Ernährung muss auf pflanzliche umgestellt werden. 

Bauten: Das Bauen mit Beton und Stahl ist energie- und treibhausgasintensiv. Dagegen können Holzbauten O2 binden. Energieverbrauch und Immissionen von Heizung und Kühlung müssen baulich minimisiert werden. 

Auch ein scharfes Carbon-pricing genügt nicht mehr, um diesen Umbau in nützlicher Frist zu erreichen. Sehr vorsichtig wird in der Studie geäussert, dass bisherige neoklassische (d.h. auch neoliberale) wirtschaftliche Theorien und Instrumente die anstehenden Probleme nicht meistern können. Wie beim Apollo-Programm brauche es staatliche Anstrengungen, ähnlich einem Marshallplan, z.B. mit zielorientierten Beschäftigungsprogrammen und Finanzierungen. Vieles ist auf nationalstaatlicher Ebene nicht zu lösen. Anstoss und erste Schritte müssten von einer Gruppe oder Gruppen fortschrittlicher Staaten kommen, die sich zu einem Aktionsbündnis zusammenschliessen. 
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Hier noch ein Bericht und Kommentar über dasselbe im Englischen Independent, mit mehr Klartext, nämlich, dass die kapitalistische Wirtschaftsordnung in der bisherigen Form versagt:

https://www.independent.co.uk/news/long_reads/capitalism-un-scientists-preparing-end-fossil-fuels-warning-demise-a8523856.html




Dienstag, 30. April 2019

Verneigung vor Greta

Seit dem ersten Bericht des "Club of Rome" 1972 und seit dem Buch von Paul Ehrlich "The Population Bomb" 1968 war klar, dass die technokratische Wachstumsphilosophie eine Sackgasse ist. Zwar hat die grüne Revolution die Erträge verdoppelt und die Bevölkerungsbombe für eine Generation entschärft, aber das Problem ist nicht aufgehoben. Seit dem Jahr 2000 wurde auch immer klarer, dass die Klimaerwärmung ein ernstes Problem wird.

In der Schweiz etablierte sich seit den Siebziger- und Achtzigerjahren eine Grüne Partei, die versuchte, Antworten auf die neuen ökologischen Herausforderungen zu finden und anzubieten, zuerst durchaus im Rahmen liberal-bürgerlicher Vorstellungen. Von Anfang an wurde man von der bürgerlichen Presse - sofern man nicht überhaupt ignoriert wurde - systematisch lächerlich gemacht und als "links" abgestempelt, was zumindest in den Anfängen nicht zutraf. Die linken Kreise schauten dagegen die neue Konkurrenz scheel an. Der politische Effekt blieb eigentlich bis 2018 fast bei Null, obschon man schon 2015 zum Schluss kommen musste, dass die Klimaerwärmung das einzige Problem ist, auf das es jetzt noch ankommt. Lieber beschäftigten sich Medien und Öffentlichkeit mit Genderismus, Kopftüchern und anderen Nebensächlichkeiten.


Greta Thunberg streikt


Greta Thunberg, das 16-jährige Mädchen mit den Zöpfen hat geschafft, was die Grüne Bewegung seit vierzig Jahren nicht geschafft hat: Das Thema der zusammenbrechenden Umwelt auf den Tisch zu zwingen. Ihre Idee des Schulstreiks hält den Erwachsenen ihre Pflichtvergessenheit im Spiegel vor. Niemand kann ausweichen.

Die "Autoritäten", die das Problem weiterhin ignorieren wie Roger Köppel, Henryk M.Broder, Pater Martin Rhonheimer  oder die Redaktoren der WELT und der NZZ vermuten hinter Greta und ihrer Bewegung Manipulation, Fremdsteuerung und Kindsmissbrauch und reagieren entsprechend mit Kopfschütteln, Herablassung, Mitleid, selbstgerechter Empörung oder Hohn.

Wer dagegen das Problem sieht kann sich nur dankend verneigen.


Mittwoch, 24. April 2019

Unbestechliche Temperaturen

In der Klimadiskussion wird allzu oft über Interpretationen und Personen diskutiert, gegen die dann allerlei Verdächtigungen und Angriffe geäussert werden, grotesk z.B. Köppels Angriff gegen Prof.Knutti von der ETH

Besser würde man sich an die gemessenen Rohdaten halten, die so unbestechlich sind wie eine Fiebermessung.  Temperatur kann man schliesslich seit dem 17. Jahrhundert (Galilei) messen, und zuverlässig vergleichbare Temperaturmessungen gibt es seit dem 18. Jahrhundert. 

In der Schweiz werden an verschiedenen Messtationen seit ca. 1860 kontinuierlich die Temperaturen gemessen. Die gemittelten Messungen dieser Stationen zeigt diese Tabelle:

Von 1865-1920 sieht man von Auge keine wesentliche Tendenz. 1920-1980 scheint es zwar durchschnittlich wärmer als in der Vorperiode, aber innerhalb dieses Zeitraums ist kein deutlicher Anstieg festzustellen. Ab 1960 gesehen zeigt sich allerdings ein brutaler und anhaltender Anstieg.   

Ähnliche Kurven gibt es für die ganze Welt, dann ist aber oft auch Meer dabei. Die Lufttemperatur über den Meeren steigt weniger rasch, weil das Meer mehr Wärme aufnehmen kann. Für uns Landwesen ist die Temperatur über dem Meer oder die über Land und Meer gemittelte Temperatur weniger interessant, denn für uns zählt die Lufttemperatur über dem Land, welche in der untenstehenden Kurve rot eingezeichnet ist: 


Man sieht, dass die mittlere globale Landtemperatur (rot) in den letzten 50 Jahren um 1,5 Grad angestiegen ist, macht 0,3 Grad pro Jahrzehnt.  

Neuerdings hat man auch Sonden, welche die Meerestemperatur bis in die Tiefe messen. Aus ihnen sieht man, dass der totale Energiegehalt in Luft und Ozean dauernd steigt, selbst wenn Einzelmessungen Dellen aufweisen.

Das sind alles keine Theorien, sondern einfache Temperaturmessungen. 


Jede Bank, jedes Unternehmen, jede Versicherung oder Pensionskasse, jeder Staat versucht, festgestellte Trends in die Zukunft fortzusetzen und daraus zukünftige Entwicklungen abzulesen. Das ist das allernormalste der Welt. 

Wenn wir die globale Landtemperatur linear in die Zukunft extrapolieren, so würde sie von 1970 - 2070 um 3 Grad steigen, wenigstens, solange nicht zusätzliche positive Verstärkungsmechanismen einsetzen: Von diesen gibt es allerdings mindestens zwei gesicherte: Erstens das Abschmelzen des Eises, welches die Wärmereflektion des Globus vermindert und zweitens die zu erwartende Freisetzung des Treibhausgases Methan aus dem Permafrost. Die gemessenen Methankonzentrationen steigen seit vier Jahren auffällig. Beide Selbstverstärkungsmechanismen greifen also schon. Kommt dazu der neuerdings grosse CO2-Ausstoss der dritten Welt. Somit ist eine lineare Extrapolation noch zu optimistisch. 

Man kann diese handgestrickte Schätzung natürlich mit Computermodellen verfeinern. Dabei zeigen diese Computermodelle nur, was man sich schon an den Fingern abzählen kann, einfach verfeinert für verschiedene Annahmen: Die obere rote Kurve zeigt den globalen (über Land und Meer gemittelten) Temperaturanstieg wenn wir mit Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum weitermachen wie bisher. Damit wird die globale Erwärmung bis ins Jahr 2080-2100 3-6 Grad erreichen, über dem Land mehr.

Die untere blaue Kurve zeigt den Verlauf, wenn wir die CO2-Konzentration mit extremstem Klimaschutz bis 2100 auf den heutigen Zustand zurückbringen würden. Das ist
  unrealistisch,  aber auch damit würde die Temperatur noch bis 2050 ansteigen. Rechts in hellrosa das Zielband, das wir mit den bisher getroffenen Massnahmen erreichen können, in hellblau was bestenfalls erreichbar wäre, wenn man entschlossen handeln würde. Die Temperaturen in der Grafik sind wieder über Land und Meer gemittelt. An Land würde es in jedem Fall wärmer. 

Regional und nach Meer/Land modelliert sähe es so aus: Oberste Zeile wiederum mit Zurückbringen der CO2-Konzentration auf den Stand von heute. Unterste Zeile Wachstum wie bisher. Zweite Zeile entschlossenes Handeln, dritte Zeile Verlauf beim heutigen Massnahmenstand.


Deutlich ist, dass die relative Erwärmung an Land deutlich stärker werden soll, als über dem Meer, am stärksten im hohen Norden.

Die Schweiz wird es, ähnlich wie in der Arktis, auch schneller aufheizen als Orte, die keinen Schnee hatten: Wenn es weniger Schnee und Eis hat so gibts weniger Reflexion von Sonnenstrahlung, darum erwärmen sich diese Gebiete besonders stark. 



Mittwoch, 17. April 2019

Der Untergang des Weissen Mannes

(Erschienen in meinem Buch "Begegnungen mit dem Leibhaftigen", Tredition 2016)
 
Ich war noch ein Schüler, es waren friedliche Sommertage am Zürcher Obersee. Am gegenüberliegenden Ufer nur der schwarz bewaldete menschenleere Buchberg, links seeaufwärts zuerst das Bootshaus in dem das alte hölzerne Ruderschiff leise vor sich hin schaukelte, anschliessend zweihundert Meter dichter Schilf und dann das Gemäuer mit dem dicken, runden Turm, den der damals berühmte Psychiater C.G.Jung
C.G.Jungs Gemäuer mit dem dicken selbstgebauten Turm
sich vor Jahrzehnten eigenhändig gebaut hatte. Rechts seeabwärts noch mehr Schilf, dann steiles Ufer und ein Kilometer weiter schliesslich das Dörflein Bollingen mit dem Kirchturm, von dem täglich in die untergehende Sonne die Abendglocke läutete. 

Das Ferienhaus, das noch Grossvater gebaut hatte stand am Hang und hatte vor sich gegen das Ufer einen ringsum mit mediterranen Ziegeln bedachten Säulengang, der einen kleinen viergeteilten Paradiesgarten einschloss. Dort dufteten Grossmutters Rosen rund um den zentralen Ziehbrunnen.

Nach dem Grossvater war 1955 jetzt auch Grossmutter gestorben. Mein Vater und seine Brüder hatten das Haus geerbt und in diesem Sommer 1956 durften wir erstmals die Sommerferien in diesem Paradies verbringen. Ich war damals fünfzehn Jahre alt und mein Bruder zwölf. Am Ufer und um den Hof gab es viel Gestrüpp abzuholzen, man schwitzte, dazwischen tunkte man sich im Wasser und manchmal machte man eine Expedition mit dem alten Ruderboot. 
Jung in Bollingen bearbeitet Brennholz
mit Strohhut und Gärtnerschürze (von 
einem Youtube-Video)
Wenn man seeaufwärts fuhr schien das Gemäuer mit dem Turm meist unbelebt. Aber ausnahmsweise sah man aus der Entfernung Jung, den alten Seelenarzt und Meister auf der Uferterrasse Holz spalten, oder er sass am Wasser und spielte mit Kieselsteinen. Meist trug er dabei den breitkrempigen zerschlissenen Strohhut und die grüne Gärtnerschürze. Nahe fuhren wir nicht, seine Kreise wollten nicht gestört sein. Eng befreundet mit Grossvater hatte er diesem einst das Grundstück für unser Ferienhaus überlassen.

Eines Nachmittags kam die grosse gebeugte Gestalt mit Strohhut und Gärtnerschürze auf dem Uferweglein durch das Schilf zum Bootshaus und meinte, es sei Zeit für einen Nachbarschaftsbesuch. Es muss wohl ein heisser Sommertag gewesen sein, oder dann ein kühler regnerischer Tag, denn sonst hätten wir den Gast auf dem gedeckten Sitzplatz des Paradiesgärtchens empfangen. So aber baten wir ihn in den vor Hitze und Kälte geschützten, wenn auch düsteren Parterreraum des Hauses selber. Grossvater hatte sich dort eine Art Rittersaal eingerichtet mit einem riesigen Kamin, einem ebenso riesigen flaschengrünen Kachelofen, einem schweren Schiefertisch und barock geschnitzten Holzstühlen, die ihm ein alter Walliser Kunsthandwerker in dort noch lebendiger Tradition hergestellt hatte. Am Boden standen zwei eiserne Schatztruhen mit komplizierten Schlössern. Der Raum war düster, weil die Fenster nach wiederholten Einbrüchen mit dicken Betonpfosten und Eisenstäben unpassierbar gemacht waren.  Dafür erzeugten farbige Butzenscheiben den oberen Fensterpartien eine Stimmung wie in einer Kapelle. Man war hier in einer anderen Welt, ausserhalb unserer Zeit.

Jungs Blick über die Drahtbrille
Der Meister war schon über achtzigjährig, er nahm Platz, erhielt Tee und war in aufgeräumter, gar leutseliger Stimmung. Er stopfte sich eine Pfeife. Auf die Frage, wie es immer gehe meinte er mit schalkhaft-spöttischem Blick über die kleine Drahtbrille, es sei ganz interessant, die Phänomene der Senilität einmal an sich selber zu studieren.

Irgendwie schien er sich vor allem an uns Junge, meinen Bruder und mich zu wenden. Hier hatte der alte Storyteller ein neues, naives Publikum. Er beschrieb Versuche mit der Hypnose: Eine frisch verheiratete junge Frau habe man in ihrer Biographie zurückhypnotisiert, zuerst habe sie erzählt, sie sei frisch verlobt, als man sie noch jünger gemacht habe, habe sie auf die Frage, ob sie den Namen ihres jetzigen Mannes kenne nur noch verschämt verneint und sei dabei errötet. 


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Taos, New Mexico, wo Jung dem Häuptling "Mountain Lake" begegnete
Dann kam er auf seine Amerikareisen, die ihm seinerzeit Rockefeller finanziert hatte, als Dank für die Behandlung einer Verwandten. 1925 sei er in New Mexico bei den Puebloindianern gewesen. Dort habe er einen grossen Häuptling kennengelernt. Dieser habe ihm mitgeteilt, dass der weisse Mann zum Untergang verurteilt sei. Etwas überrascht habe er ihn gefragt, warum. Darauf habe der Häuptling beide Hände vor die beiden Augen genommen - der Meister machte die Geste mit den eigenen Händen nach und fuhr mit den nach vorn ausgestreckten Zeigefingern konvergierend auf einen Punkt auf dem Tisch - und der Häuptling habe dazu gesagt: Weil der weisse Mann den Blick nur auf EINEN Punkt fixiere und alles andere darum herum ausblende.

Nach einer Stunde war der Tee getrunken und die Pfeife erloschen, der Meister verabschiedete sich so aufgeräumt wie er uns begrüsst hatte. Es sollte sein erster und letzter Besuch bei uns bleiben. Wieso er uns Jungen von all den vielen Geschichten, die er erlebt hatte ausgerechnet diejenige vom Häuptling weitergegeben hatte blieb rätselhaft. Zwar hat er sich andernorts immer mit grossem Respekt über ebendiesen Häuptling geäussert, der den Namen „See des Gebirges“ trug: Zum Beispiel habe dieser den weissen Mann als „verrückt“ bezeichnet, weil er mit dem Kopf denke und nicht mit dem Herzen, wie es sich gehöre. Aber vom Untergang des weissen Mannes ist nirgends etwas geschrieben. Zu unverständlich und zu abwegig schien damals vielleicht diese Weissagung, als dass man sie schriftlich hätte veröffentlichen können.

Ich habe die Szene in Erinnerung, wie eine Theateraufführung: War er nur ein virtuoser Darsteller, der uns Jungen seine Kunst vorführte und dies ganz offensichtlich genoss? Oder wollte er uns mehr mitgeben?

Damals 1956 schien diese Erzählung eigentlich eine blosse unterhaltsame Anekdote, ein weiteres Beispiel für das magische, unaufgeklärte und ausserhalb der Realität sich bewegende Denken der sogenannten Primitiven.

Dreissig Jahre später hatte es mich in das Schweizerische Parlament gespült, diesen Affenfelsen der Egos. Unterdessen hatte der Club of Rome vorausgesagt, dass das bisherige Wirtschaften in eine Katastrophe führen werde. Eine Reaktion der Entscheidungsträger wurde dadurch nicht ausgelöst. Aus Verzweiflung über die Blindheit der etablierten Parteien hatten wir mit einigen denkfähigen Individuen die Grünen gegründet, die allerdings bald danach unterwandert wurden, einerseits von Marxisten, welche am Untergang der Sowjetunion verzweifelten und andererseits von Gesundbetern verschiedener Richtungen, die den naiven Kindergartenglauben einbrachten, dass gute Absichten zu guten Lösungen führten.  

Der Effekt der neuen Bewegung blieb gering. Im Parlament leierten die Vertreter der etablierten Parteien weiterhin ihre bekannten Positionen herunter, aber man musste ja nicht zuhören. Weniger leicht zu ertragen ist, wenn vollgefressene Gewerkschafter Positionen vertreten, die sie längst nicht mehr leben, oder, wenn Verantwortung geredet, aber Schwarzgeld gemeint wird, oder besonders, wenn alle von links bis rechts einmütig den Staat immer noch weiter aufblasen wollen, um ihre Pfründe auszudehnen. Das ist wohl in allen Parlamenten der Welt dasselbe.

Zu meiner Zeit gab es eigentlich nur drei Redner im Nationalrat, bei denen das Zuhören immer packend war und zwar unabhängig davon, ob man den Standpunkt teilte oder nicht. Da war der kunstvoll-skurrile Sprachwitz von Moritz Leuenberger, oder die politische Brandrede Helmut Hubachers, so elegant und zielsicher geführt wie ein Degen. Den höchsten Unterhaltungswert hatte die polternde Stammtisch­show Christoph Blochers, unseres Hauptgegners in Umweltfragen.  Wenn einer dieser drei nach vorn ging, so war ich immer im Saal. 

Sympathien und Antipathien hielten sich im Übrigen nicht an Parteigrenzen. Während Jahren sassen ein Bergbauer aus dem Graubünden und ein Obstbauer aus dem Kanton Thurgau neben mir und trotz verschiedener politischer Ansichten habe ich die respektiert und sogar richtig gerngehabt. Solches wurde zwar im eigenen Lager scheel angesehen, denn wer mit anderen sprach stand rasch im Ruf des Abweichlers, wenn nicht gar des Verräters. Aber im Schweizer Parlamentarismus geht es darum, Mehrheiten zu zimmern und dabei fährt am besten, wer mit allen Lagern kommuniziert.

Ausserdem kann der Naturwissenschaftler und Arzt auch im Parlament seine alte Haut nicht ablegen. Mich interessierten die Verhaltensregeln auf diesem Affenfelsen und vor allem auch die einzelnen Persönlichkeiten. Blocher konnte ich einmal dafür gewinnen, eine unsinnige Subvention zu bekämpfen und deshalb kamen wir auch sonst etwas ins Gespräch. Zwar hielten viele meiner grünen Parteigenossen ihn für den leibhaftigen Gottseibeiuns, aber ich konnte das nie nachvollziehen, hatte er doch wenigstens erkennbare Standpunkte und er glaubte auch offensichtlich, was er vertrat. Überdies waren ihm eine enorme unternehmerische Tüchtigkeit, Kunstverstand und ein gewisser bäurischer Charme nicht abzusprechen. All das war mehr, als man von den meisten anderen behaupten konnte.

Blocher in meiner Parlamentszeit mit BR Otto Stich (späte 80-Jahre). 
Ich erinnere mich noch ganz genau, dass ich ihm einmal die Frage stellte, woher nach seiner Ansicht seine unglaubliche Durchschlagskraft als Unternehmer und Politiker komme.  Wir standen beide im Vorzimmer des Sitzungssaales an einer Theke, er drehte sich darauf zur Theke und sagte: Ja wissen Sie, Herr Fierz, das kommt davon, dass ich - darauf nahm er beide Hände vor die beiden Augen und fuhr mit den nach vorn ausgestreckten Zeigefingern konvergierend auf einen Punkt auf der Theke - das kommt davon, dass ich meinen Blick auf EINEN Punkt fixiere, und alles andere darum herum ausblenden kann. 

Wenn ich mich recht erinnere, musste ich zweimal leer schlucken. Blocher war, wie gesagt, immerhin unser Hauptgegner in Umweltfragen und als Selfmademan, Unternehmer und Milliardär quasi der Prototyp des erfolgreichen weissen Mannes. Dann musste ich daran denken, wie Blocher bei anderer Gelegenheit fröhlich gefragt hatte, wo denn diese angeblichen Umweltprobleme seien, er jedenfalls habe bisher nichts davon gemerkt, er habe vier Kinder, eines paus- und rotbackiger als das andere und gesund wie reife Äpfel. Das war vielleicht im Jahr 1990 gut zwei Generationen nach der Rede des Häuptlings. 

Jetzt, gut drei Generationen nach der Weissagung des Häuptlings ist diese nicht mehr unverständlich oder abwegig. Und wenn der weisse Mann untergehen wird, wird er eben genau deshalb untergehen, weil er nach wie vor fähig ist, seinen Blick auf EINEN Punkt zu fixieren und alles andere darum herum auszublenden. Der fixierte Punkt heisst nach wie vor Wachstum - Wachstum des Bruttosozialproduktes, Wachstum der Bevölkerung, Wachstum des Wachstums -  und ausgeblendet werden die Bienen, die Bomben, die Tierfabriken, die abgeholzten Wälder, die ausgelaugten Böden, die leergefischten Meere und vor allem die unausweichlich fortschreitende Erwärmung, die sich als der entscheidende Faktor herauskristallisiert und die den belebten Planeten in wenigen weiteren Generationen verbraten könnte. 

Von all den Erinnerungen seiner achtzig Lebensjahre hatte der schillernde alte Meister C. G. Jung in dieser Stunde der Jugend diese Weissagung des indianischen Häuptlings weitergegeben, ich denke, ohne sie zu verstehen oder gar zu glauben, sondern, weil er spürte, dass dieser Häuptling mehr wusste und wahrnehmen konnte, als wir Weissen und, dass vielleicht spätere Generationen auch von ihm hören sollten

Und damit hätte auch ich die Story weitergegeben, an eine Generation, die sie vielleicht versteht. 
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Dazu ein Faktencheck 

(Das wurde Anfang 2016 geschrieben, als man noch dachte, dass die Klimaerwärmung ein Mehrgenerationenproblem sei, und dass man die Erwärmung bis 2100 auf 1.5 Grad begrenzen könne. Inzwischen wurden alle diese Prognosen über den Haufen geworfen. Unser Überleben ist jetzt wahrscheinlich eine Sache von Jahrzehnten, wenn nicht Jahren. Siehe auch: Tabus und infantile Illusionen in der Umweltfrage.) 

Jung schrieb seinem Hausarzt Dr.Tauber 1953 in einem Brief, dass er das Rauchen aufgrund eines Traumes aufgegeben habe (1). Da Jung vorher gegen den Rat der Ärzte jahrelang weiter geraucht hatte, und da er im berühmten BBC-Interview "Face to face" von 1959 ebenfalls Pfeife rauchte muss meine Erinnerung an den 1956 pfeiferauchenden Jung korrekt sein.

Über den indianischen Häuptling hat Jung wiederholt berichtet, z.B. in einem Traumseminar im Jahr 1928 (2) und in seinen Lebenserinnerungen (3). Der Häuptling wurde 1963 von einem Enkel von Jung besucht und er starb in den frühen Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts (4).


Und was sagt der Faktencheck zum Untergang des weissen Mannes?

Die Bevölkerungsgrösse wird seit Malthus diskutiert. Anfangs sah das grüne Bewusstsein nur die Verknappung von Ressourcen, von fruchtbaren Böden, von Wasser und den Artenverlust. Heute ernährt die Erde gut sieben Milliarden Menschen, dank einer Landwirtschaft, die mit fossilen Brennstoffen, Dünger und Pestiziden produktiver gemacht wird.

Erdöl und Düngerlager sind endlich und auf Pestizide wird man wegen der Bienen vielleicht einmal verzichten müssen. Mit weniger Ressourcen und Nahrung für immer mehr Menschen können Konflikte entstehen. Wenn ökologische Lösungen misslingen, so gibt es immerhin noch die spontane Selbstheilungstendenz durch gegenseitiges Totschlagen. Ein Untergang des weissen Mannes oder der menschlichen Population ist daraus mitnichten zu erwarten.

In den Frühzeiten des Grüntums sorgte man sich kaum um den Erwärmungseffekt durch die Treibhausgase, hoffte allenfalls auf eine Lösung durch Erschöpfung des Erdöls und gesenkten Heizbedarf. Nur ging das Erdöl bisher nicht aus, dafür streben in Asien und Südamerika weitere Milliarden nach Konsum und mittlerweile ist die Erwärmung besorgniserregend.

Sicher ist, dass die globale Durchschnittstemperatur schon ein Grad zugenommen hat. Das vergangene Jahrzehnt war das wärmste in der menschlichen Geschichte, das vorangehende das zweitwärmste, und das davor das drittwärmste, Schnee wird rar, Gletscher und Pole schmelzen, Unwetter und Überschwemmungen werden heftiger und häufiger, und ganze Weltregionen vertrocknen, was schon Kriege und Massenmigration ausgelöst hat, die doch erst eine schwache Vorahnung des Kommenden sind. Indes wachsen Weltbevölkerung und Konsum munter weiter, - tout va bien Madame la Marquise…

Wenn man diese Entwicklung weiterdenkt, rückt der Untergang des weissen Mannes doch ins Blickfeld. Angenehmer wäre es, den Fernseher einzuschalten und in die Parallelwelten der Helene Fischer-Show oder der Barockmusik abzutauchen. Aber konnte nicht dieser todkranke Musiker, den die Ärzte anlogen, den Dingen ins Auge blicken, seine Diagnose ganz allein stellen und dem Unvermeidlichen gelassen und heiter entgegensehen? (dieser Satz bezieht sich auf eine andere Geschichte im Buch).

Der CO2-Anstieg unterscheidet sich grundlegend von Ressourcenverknappung und Bevölkerungsexplosion, weil kaum Selbstheilungsmöglichkeiten ausmachen sind: Was wir an Kohlendioxid bisher schon in die Atmosphäre entlassen haben braucht weit über tausend Jahre, um wieder zu verschwinden, nach Menschenrechnung eine Ewigkeit (5).

Uns geht es wie dem Frosch im grossen Kochtopf auf der Gasflamme, deren Gashahn nur aufgedreht, aber kaum zugedreht werden kann. Ursprünglich, vor der Industrialisierung, war die CO2-Konzentration in der Luft mit 280 Teilen pro Million („parts per million“ auch ppm) klein, die wärmende Gasflamme winzig, gerade genügend, um den Topf auf einer angenehmen Temperatur zu halten. Mehr Kohlendioxid macht mehr Wärmezufuhr, sie dreht den Gashahn gewissermassen auf. Mittlerweile hat die CO2-Konzentration 400 ppm überschritten. So hoch war sie letztmals im Pleistozän, vor gut drei Millionen Jahren. Damals lebten Kamele in Kanada (6). Selbst wenn wir die Kohlendioxidemission ab sofort auf null reduzieren, so ist die Gasflamme schon so hoch eingestellt, dass die Erwärmung Jahrzehnte und Jahrhunderte weitergehen wird, Kamele in Kanada sind nicht nur nicht ausgeschlossen (7), sondern wahrscheinlich, wenn es so weitergeht.

Wenn wir dagegen die Kohlendioxidemission nicht ganz stoppen, sondern nur halbieren, so wird der Gashahn noch halb so rasch aufgedreht wie bisher. Damit dauert es zwar länger bis der Frosch gekocht ist, aber gekocht wird er allemal, nur halb so schnell. Derweil wiegen sich Frosch und wir in falscher Sicherheit, weil alles so langsam geht. Das Klima ist ein Vielgenerationenproblem. Im Gegensatz zum Frosch wird es uns noch gelingen, Kinder, Enkel und sogar Urenkel zu haben, aber gekocht werden wir allemal, nur etwas langsamer als der Frosch.

Falls die Bienen überleben scheint der durch Treibhausgase erzeugte Temperaturanstieg die Zukunft des belebten Planeten zu bestimmen. Die Prognosen sind bedrohlich, und vor allem besteht grosse Unsicherheit darüber, ob sie nicht zu optimistisch sind, und ob nicht alles noch viel rascher und schlimmer kommt. Nur als Beispiel: das Abschmelzen des Eises in den Polarregionen und in Grönland geht seit 2016 rascher, als bisher vorausgesagt.

Sämtliche Prognosen enden bei sechs Grad Erwärmung, nicht, weil es nicht noch wärmer werden könnte, sondern, weil dann nur noch ein Dantesches Inferno vorstellbar ist (8), mit Tod unserer Erde, wie wir sie seit Adam und Eva kannten, den Untergang des weissen Mannes inbegriffen…

Mit Massnahmen sind wir spät dran. Die neulichen Beschlüsse von Paris wollen den Temperaturanstieg auf zwei Grad bis Ende des Jahrhunderts begrenzen, genügen aber dafür nicht. Und wer Regierungen kennt, muss befürchten, dass es bei Alibimassnahmen bleibt.

Wenn die zwei Grad nicht eingehalten werden, so sagen uns die Versicherungen, dass die Risiken unbeherrschbar und unversicherbar werden. Und wenn wir mit Glück und äusserster Anstrengung die zwei Grad einhalten bis 2100, was danach? Wird der Frosch doch weiter gekocht?

Elisabeth Kübler-Ross hat gezeigt, wie todkranke Patienten mit ihrer Diagnose umgehen, schematisch in fünf Phasen:

  • Zuerst Verdrängung, die so weit gehen kann, dass ein Blutspezialist einem im Mikroskop seine eigenen bösartigen Leukämiezellen zeigt und behauptet, diese seien normal.
  • Dann das Hadern mit dem Schicksal: Ärzte und Pflegepersonal werden als Boten des Unglücks angegriffen.
  • Drittens das Markten mit dem Schicksal, in Form von Zweitmeinungen, Scharlatanen und was der Alibimass­nahmen mehr sind.
  • Wenn die Patienten die Ausweglosigkeit realisieren kommt oft eine Depression, aus der sie im besten Falle herausfinden mit dem 
  • Annehmen des Schicksals.
In Bezug auf den tödlich bedrohten Planeten durchläuft auch die Gesellschaft solche Phasen:
  • Nach wie vor scheint Verdrängung die Hauptstrategie zu sein. Dazu gehört die neutral-unaufgeregte Wortwahl „Klimawandel“ oder die seit Jahren behördlich bekannte und tolerierte Manipulation der Verbrauchs- und Abgaswerte durch die Automobilindustrie. Aggressiv verdrängt wird die Diskussion über die Bevölkerungsgrösse. Von ihr hängt ja ceteris paribus die Umweltbelastung ab. Diese Feststellung als Populismus und Nazitum abzutun kann nur Gesundbetern einfallen.
  • In der zweiten Phase, dem Hadern mit dem Schicksal werden die Boten des Unheils angegriffen, als Spinner, Ökoterroristen oder Wirtschaftsschädlinge. Auch das findet da und dort statt.
  • Zur dritten Phase, dem Markten mit dem Schicksal in Form von Alibimassnahmen gehören beispielsweise die Elektroautos, ein zwar einleuchtendes, aber wirkungsloses Feigenblatt, was einem jeder Physikstudent erklären kann. Das überdimensionierte elektrische Tesla-Auto unserer Schweizerischen Energieministerin beweist nur, dass sie von diesem Problem gar nichts verstanden hat.
  • Die vierte Phase, die Depression gibt es auch. Zwar meinen die Fachleute, dass wir bei sofortigem und vollständigem Einsatz aller verfügbaren Mittel vielleicht die Notbremsung schaffen könnten. Aber seit dem ersten Bericht des Club of Rome sind vierzig Jahre fast ungenutzt verstrichen, und ein Churchill, der uns in dieser Abwehrschlacht einigt ist nicht in Sicht (das habe ich 2016 geschrieben, seit 2018 ist Greta Thunberg aufgetreten, ein Kind musste die späte Stimme des Widerstandes werden, beeindruckend: https://www.welt.de/politik/ausland/video200812502/Greta-Thunberg-Ihr-habt-mir-meine-Kindheit-meine-Traeume-gestohlen-Video.html). Laufen wir somit Gefahr, dass diese schöne Welt mit ihren bunten Bewohnern, den Pflanzen, Tieren und Menschen, den Heiligen und den Huren, den Erfindern und den Mördern, diese Welt, die uns die Gesänge der Pygmäen, die Epen Griechenlands und Islands, die Kathedralen des Mittelalters, die goldenen Moscheen von Isfahan, die Tuschemalerei Asiens, die Theaterstücke von Shakespeare und von Beckett sowie die Musik von Bach, Beethoven und Ligeti geschenkt hat, dass diese bunte Welt verdorren, verhungern und verbrennen soll?
  • Vor dem Annehmen dieses Schicksals wird in jedem Fall gekämpft werden - um Wasser, um letzte Ackerflächen, um die letzten kühleren Regionen, ums Überleben. Und Menschen werden sich in Bestien verwandeln.
Wäre es stattdessen nicht naheliegender, diesen Kampf schon jetzt aufzunehmen und ihn vereint gegen die Kohlendioxidemissionen zu führen? Und zwar jetzt, sofort, mit allen Mitteln jedes Bürgers und der Gemeinschaft? Der naheliegendste und erste Schritt müsste die Abschaffung der weltweit grassierenden Milliardensubventionen von fossilen Brennstoffen sein, verbunden mit Einführung einer wirksamen Kohlendioxidsteuer (9). Und dann müsste vieles diskutiert und verändert werden, wie Siedlungsstruktur, Verkehr und Arbeit. Aber auch den Tabuthemen wird man über kurz oder lang nicht ausweichen können, sei es Nationalstaatlichkeit oder Bevölkerungsentwicklung etc. etc.

Wenn wir es aufs Mythische herunterbrechen, so entriss Prometheus den Göttern das Feuer und seine Geschöpfe haben es seit der Steinzeit gehütet. In der Neuzeit kam Dampfkraft, Zentralheizung, Verbrennungsmotor, Auto, Flugzeug, Stromerzeugung – jedes Mal der Teufelspakt mit dem vermeintlich gebändigten prometheischen Feuer, das schlussendlich alles zu verbrennen droht, - Rache der Götter oder Lucifers?

1.      Carl Gustav Jung; Frank McLynn, Bantam Press 1996, S. 511.
2.      Dream Analysis, Notes of the Seminar given in 1928-30 by C.G.Jung; William McGuire (ed), Bollingen Series  XCIX, Princeton University Press, 1984, S. 34.
3.      C.G.Jung: „Memories, Dreams, Reflections“; aufgezeichnet und herausgegeben von A. Jaffe, Random House - Pantheon,  1961,  Deutsche Übersetzung: „Erinnerungen, Träume, Gedanken“, Patmos-Verlag 2009, S. 271 ff
4.      Jung – The wisdom of the dream; S.Segaller and M.Berger: Weidenfeld and Nicolson, London 1989, S.133-39.
5.      Climate Shock - the economic consequences of a hotter planet, Gernot Wagner, Martin L.Weitzmann, , Princeton University Press, 2015 (Deutsche Übersetzung: Klimaschock,bei Überreuter Sachbuch, 2016), S. 9-10.
6.      Ibid. S.10.
7.      Ibid. S.28.
8.      Ibid. S.14.
9.      Ibid. S. 23. ff 

(Aus Lukas Fierz "Begegnungen mit dem Leibhaftigen - Reportagen aus der heilen Schweiz", Tredition, 2016).