Freitag, 10. Mai 2019

Aufruf an die Klimastreiker

Liebe Klimastreiker,

Die Klimaleugner von der SVP haben mit 68 Parlamentariern die grösste Bundeshausfraktion und zwei Bundesräte, eine Schande für die Schweiz. Im Herbst ist Gelegenheit, das zu ändern.

Entscheide fallen in unserem Land nicht auf der Strasse, sondern in den Parlamenten und Exekutiven. Wegen der weitgehenden Stimmabstinenz der Jugend haben wir eine Greisenherrschaft, und die Jungen werden nicht nur mit der Klimazukunft beschissen, sondern auch noch mit einer gewaltigen und unfairen Rentenumverteilung von Jung zu Alt. 
Klimastreik Bern, 6.4.2019
Die Klimademos waren eindrücklich, ich habe mitgemacht. Aber Bürger und Medien haben sie jetzt gesehen. Das Echo könnte möglicherweise abnehmen. Ihr müsst Euch Neues einfallen lassen: Wenn es Euch gelänge, im kommenden Wahlherbst die Jungen an die Urnen zu bringen, so würden die Gewichte im Parlament verschoben.

Eine Grossdemo zwei Wochen vor den Wahlen genügt nicht, dann haben viele schon brieflich gewählt oder die Unterlagen fortgeworfen. Ihr müsst schon sechs Wochen vor den Wahlen mit Mobilisieren beginnen. Das können auch schon Schüler machen, die noch nicht wahlberechtigt sind:

Geht von Haus zu Haus, von Wohnungstür zu Wohnungstür, steht vor die Migros, fordert alle Jungen und Jüngeren auf, zu wählen. Lasst Euch nicht mit einem Kopfnicken abfertigen, lasst es Euch in die Hand versprechen. Es geht um EURE Zukunft. 

Wenn Ihr das zustandebringt bricht bei den Klimaleugnern Panik aus, und erneutes Medienecho ist Euch sicher. Eine Parteiempfehlung ist unnötig, die Jungen wissen schon, was tun (es gab übrigens solche Aktionen in den Fünfzigerjahren, wo Leute am Wahlsonntag von Haustür zu Haustür gingen, um die Stimmbürger an ihre Bürgerpflicht zu erinnern). 

Viel Erfolg

Lukas Fierz, Alt-Nationalrat, Mitbegründer Grüne Freie Liste und GPS, VCS, IG-Velo Bern. 


Donnerstag, 9. Mai 2019

Wie Biosysteme kippen


Wir beobachten in der Natur verschiedene Anzeichen von Krankheit. Weil die Anzeichen schon Jahre und Jahrzehnte zunehmen müssen wir von chronischer Krankheit reden: Bienensterben, Insektenschwund, Korallenbleiche, Artenverlust.
Naiverweise könnte man meinen, dass das ja nicht so schlimm sei, weil es erst begonnen habe, weil es noch nicht so lange gehe und weil noch nicht alles tot ist.

Von der Medizin her kommend sieht man das anders. Bei chronischen Krankheiten signalisieren die ersten Symptome oft nicht den Anfang der Krankheit, sondern den Anfang vom Ende, den letzten Akt:

Nehmen wir den Alkoholiker, der sich während Jahrzehnten eine Leberzirrhose angetrunken hat. Und jetzt bekommt er erstmals einen Wasserbauch. Wie unser Pathologielehrer Prof. Uehlinger (1899-1980) zu sagen pflegte signalisiert dieses erste Symptom nicht einen Anfang, sondern damit hebt sich der Vorhang über dem letzten Akt: Wenn der Patient weiter trinkt ist es noch eine Frage von Jahren, nicht mehr von Jahrzehnten.

Dasselbe beim chronischen Nierenversagen z.B. durch Schrumpfniere. Eine Niere bzw. die Hälfte der Nierenfunktion kann man verlieren ohne etwas zu bemerken. Der Organismus hat eine Sicherheitsreserve. Prof. Uehlinger pflegte zu fragen, wieviel man denn verlieren könne, ohne viel zu merken und gab selber die Antwort: Eigentlich können Sie für viele Organe sagen 80 Prozent. 

Ähnlich die Situation bei der Lunge. Verlust einer Lunge ist im Alltag nicht bemerkbar. Interessant der Lungenschaden beim Raucher. Früher konnte man den Schaden erst nach Jahrzehnten nachweisen, und wenn einmal die Anstrengungsatemnot auftrat, so wusste man, das ist  jetzt der letzte Akt. Seitdem man die Atemwiderstände messen kann weiss man aber, dass dass der Lungenschaden schon in den ersten Jahren des Rauchens beginnt, nur bleibt er unbemerkt, weil er kompensiert werden kann.

Auch am Herzen können Krankheiten wie hoher Blutdruck oder Herzklappenfehler jahrzehntelang symptomlos kompensiert werden, und wenn dann Symptome auftreten ist man schon in einem fortgeschrittenen  Stadium. Bei der Verengung der Aortenklappe (die Klappe der Hauptschlagader) kann der Herztod sogar wie aus heiterem Himmel aus scheinbarer Gesundheit eintreten.

In jedem dieser chronischen Prozesse mobilisiert das biologische System zuerst seine manchmal beträchtlichen Kompensationsmechanismen. Der scheinbare Gesundheitszustand ist das Resultat von Störung und biologischer Kompensation. Jede Krankheitssymptomatik enthält auch Anpassung und deren Versagen. Und wenn dann Symptome auftreten kann das Kippen rasch gehen.

Wir können diese Sicht auf die kranke Natur übertragen: Wenn uns die Bienen wegsterben oder wegen Orientierungsstörungen nicht mehr in den Stock zurückfinden, so ist das nicht der Beginn einer Entwicklung, sondern das Ende. Die Bienen werden seit Jahrzehnten durch Insektenvertilgungsmittel und Pestizide vergiftet. Jedes dieser Gifte wurde einzeln getestet und von Industrie, Prüfstellen und politisch gesteuerten Bundesämtern als "unbedenklich" erklärt. Aber nicht unbedenklich und völlig ungetestet ist die Kombination all dieser Gifte, dieser ganze Giftcocktail, der in der Natur zusammenwirkt. Und der wahre Test ist nicht im Labor, sondern in der Natur: Wenn die Bienen wegzusterben beginnen so könnte das heissen, dass sie schon lang vergiftet wurden, dass ihre vorhandenen Abwehr- und Entgiftungsmechanismen nicht mehr ausreichen und vor allem, dass ihre noch überlebenden Kameraden auch akut gefährdet sind.

Ich habe mich mit einem Grundschüler der vierten Klasse unterhalten. Ich habe ihm gesagt, dass wir in den letzten Jahrzehnten die Hälfte der Bienen verloren hätten. und gefragt, wie lange wir so weitermachen könnten. Seine Antwort: "Nicht mehr lang". Wie lange braucht es noch, bis auch Politiker zu diesem einfachen Schluss kommen?

Ich als Mediziner befürchte, dass das Artensterben nicht der Beginn einer Entwicklung ist, sondern, dass sich damit der Vorhang über dem letzen Akt hebt.

Montag, 6. Mai 2019

Wir sind zuviele - Ein Tabu

It’s our population growth that underlies just about
every single one of the problems that we’ve inflicted
on the planet. If there were just a few of us, then the
nasty things we do wouldn’t really matter and Mother
Nature would take care of it — but there are so many
of us.” (Jane Goodall, 2010)

Megacity Tokyo (Bild dpa-tmn)

Als ich 1941 geboren wurde hatte die Erde 2,5 Milliarden Bewohner und die Schweiz vier Millionen. Jetzt marschiert die Erde gegen acht Milliarden Bewohner und die Schweiz hat 8 Millionen.

Diese Zahl der Menschen zu ernähren ist nur mit einer Intensivlandwirtschaft möglich, mit massiver Zufuhr von fossiler Energie, Pestiziden und Dünger, was die Biodiversität und die Böden ruiniert. Ohnehin sollten wir wegen der Klimaerwärmung fossile Energie nicht mehr verwenden. Und die Düngerlager reichen lediglich für wenige Hundert Jahre.

Eine nachhaltige biologische Bewirtschaftung ohne Energie- und Düngerzufuhr vermöchte weit weniger Menschen zu ernähren, Grössenordnung von einer bis maximal zwei Milliarden.

Damit sind wir aber noch lange nicht am Ende der Kalamitäten: Die Klimaerwärmung wird per Saldo eine Verringerung der globalen Ernteerträge bewirken und so den zu erwartenden Druck von Hunger, Migration und Kriegen verstärken. Und die Riesenzahl von Menschen, die auch konsumieren will - z.B. äussert China  Absichten, jeden Monat zwei Kohlekraftwerke zu bauen - macht die Klimaerwärmung vollends unbeherrschbar.

Die massive Zunahme der Menschen und des sog. Kulturlandes hat die Lebensräume für die nichtmenschlichen Arten massiv beschnitten. Mittlerweile sind in der Schweiz 60 Prozent der 1143 Insektenarten vom Aussterben bedroht und weltweit eine Million der acht Millionen Arten von Lebewesen. Das ist nicht einfach ein Verlust an Naturromantik, denn es drohen Störungen und Ungleichgewichte in der Natur: Beispielsweise ist die Pflanzenwelt für Bestäubung und Fortpflanzung auf die Insekten angewiesen. Das Artensterben wird auch für die Spezies Mensch zur tödlichen Bedrohung. 

Die grosse Bevölkerungszahl hat noch weitere Konsequenzen: Eine Stadt von 120'000 Menschen kann ohne Autos und fast ohne öffentlichen Lokalverkehr betrieben werden. Erst bei grösseren Städten entstehen die grossen und ineffizient energiefressenden Pendlerströme, die uns von fossiler Energie abhängig machen und die Biosphäre mit CO2 vergiften.. 

Auch gewisse Auswüchse des Tourismus sind mit den Bevölkerungszahlen zu erklären: Gerade in der Schweiz wurden viele eigene Tourismusdestinationen durch Überbauung  und Übernutzung derart ruiniert, dass man gar keine Lust mehr hat, dorthin zu gehen, man denke nur an Davos, Sankt Moritz, oder Crans-Montana. Auf der Suche nach "unverdorbener Natur" benutzt man dann den Flug- und Ferntourismus und ruiniert auch noch den übrigen Planeten. 
Crans-Montana
Nicht zuletzt hat Gunnar Heinsohn nachgewiesen, dass ein grosser  männlicher Geburtenüberschuss sich in Krieg übersetzt ("Kriegsindex"), ein Mechanismus, welchen die Historiker bis jetzt übersehen hatten. 

Wenn wir immer noch eine Weltbevölkerung von 2,5 Milliarden hätten, wie 1941, so wäre die Umweltkatastrophe wohl leichter abzuwenden. Mit einer Weltbevölkerung, die gegen 8, 10 Milliarden und darüberhinaus marschiert wird es hingegen mehr als fraglich, ob wir die Kurve kriegen. Und, selbst wenn wir sie kriegen - Verzicht auf Autos, Flüge und Fleisch ginge ja noch - aber eine Welt ohne Kühe, Milch, Butter,  Käse, mit Protein aus Heuschrecken und Maden...?

Es überrascht deshalb, wie Überlegungen zur Überbevölkerung tabusiert und gar dämonisiert werden. Ein gutes Beispiel war die Schweizer Volksinitiative "Ecopop", welche gewisse Mittel der staatlichen Entwicklungshilfe auch für Geburtenkontrolle einsetzen wollte.  Von den Initianten kenne ich Benno Büeler, einen völlig integren Mathematiker und Agronomen, der in vielen Entwicklungsländern selber vor Ort gesehen hat, wie katastrophale Übernutzung von Weide- und Ackerflächen die Lebensgrundlagen zerstört, und zwar unabhängig von der Klimaerwärmung. Die Intiative forderte, dass wir diesen Ländern auch bei der Geburtenkontrolle beistehen sollten. Alle Parteien haben sich dagegen gestellt.

Das ginge ja noch, aber ich war befremdet, den grünen Nationalrat und Fraktionspräsidenten Balthasar Glättli als Autor des Buchs "Die unheimlichen Ökologen" zu entdecken, in dem er Büeler und die Leute von Ecopop in die Nähe von braunem Gedankengut und Faschismus rückt, eine bösartige und gemeine Verleumdung, und, was schlimmer ist, der Beweis, dass er vom Problem überhaupt nichts begriffen hat, genausowenig wie die grüne Parteipräsidentin Regula Rytz, welche mit frommem Blick eifrig-missionarisch in diesen Chor einstimmte.

Ich konnte Nationalrat Glättli bei einer Buchpräsentation mit Diskussion in Bern persönlich zur Rede stellen, und er musste mir zugeben, dass Benno Büeler informiert und integer sei, und dass nicht der geringste Anlass bestehe, ihn in die Nähe des Faschismus zu rücken. 

Nachdem sich Glättli schon vorher für die Aufnahme von zehntausenden von Syrern in der Schweiz stark gemacht hatte habe ich ihm dann auseinandergesetzt, dass selbst bei Einhalten des Zweigradziels der Klimaerwärmung grosse Teile des Mittleren Ostens, Afrikas und Südeuropas austrocknen werden, und dass damit schon in den nächsten Jahrzehnten Migrationsströme von Hunderten von Millionen nach Europa zu erwarten seien. Wie er sich den Umgang mit diesem Problem vorstelle? Seine kurze Antwort "Das ist nicht mehr zu händeln" (engl. to handle, handhaben).

Er und mit ihm viele Grüne geben sich also damit zufrieden, sich in eine Wohlfühl-Gutmenschenpose zu werfen und sich in deren Erfolg  ("äär isch soo mönschlich") zu sonnen, anstatt sich wirklich mit dem Problem auseinanderzusetzen. Ich nenne diese Varietät des Grüntums die Gesundbeter. Sie bilden sich ein, dass mit guten Absichten auch Erfolge garantiert seien. Aus der Medizin habe ich gelernt, dass gegenüber solcher Haltung höchstes Misstrauen angebracht ist, denn in der Regel wird das Gegenteil der Absicht erreicht.

Wenn man sich dem Problem wirklich stellen wollte, müsste man mit Paul Ehrlich zum Schluss kommen, dass wir zu viele sind. Es würde wohl zwei oder drei globale Generationen mit Einkindfamilie brauchen, um den Planeten wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Fast niemand wagt, darüber zu reden. Immerhin hat die junge US-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez (*1989) diesbezügliche Aussagen gemacht. Sie wurden ihr auch sehr übel genommen. 

Freitag, 3. Mai 2019

Umweltkrise braucht anderes Wirtschaften

Ein Team Finnischer Umweltwissenschaftler und Ökonomen studierte 2018 die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen durch die Umweltkrise und Lösungsansätze (für die Originalarbeit Link anclicken, viele Literaturangaben). Die Studie wurde durch den damaligen UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon in Auftrag gegeben und soll in einen UN Global Sustainable Development Report 2019 (GSDR) einfliessen, der unseres Wissens noch nicht veröffentlicht ist. Wir fassen die Studie zusammen: 
_________________________________________

Die Zeit billiger Energie und Entsorgung ist vorbei. Und die Klimaerwärmung ist nur eines unter vielen bedrohlichen Problemen als da sind: Artenverlust, Küstenüberflutungen, Bodenverlust, zunehmende Lohn- und Vermögensungleichheit, Arbeitslosigkeit, Migration, Staatsverschuldung, Inflation. Schon allein nur das Angehen des Klimaproblems braucht massive wirtschaftliche und gesellschaftliche Umstrukturierungen, vor allem in den Bereichen Energie, Transport, Ernährung und Siedlungsstruktur, die im folgenden skizziert werden sollen:  

Energie: Fossile Brennstoffe liefern ca. 80 Prozent der global verbrauchten Primärenergie. Für konventionelle Ölförderung ist peak oil schon eingetreten, Mehrproduktion kommt nur vom umweltschädlichen und weniger effizienten Fracking. Sowieso müssen wir raschestmöglich von fossilen Brennstoffen wegkommen.  Diese können wir nicht vollständig mit nachhaltiger Energie zu ersetzen. Es braucht  massive Einsparungen und  dezentrale intelligent-vernetzte Produktion. 
Das Ende der Ölzeit
Transport: Siedlungen müssen verkehrsarm geplant werden, z.B. durch Annäherung von Wohn- und Arbeitsorten. In Städten und Siedlungen muss Fuss- und Fahrradverkehr dominieren. Der verbleibende öffentliche und halböffentliche Verkehr in und zwischen Siedlungen muss elektrisch werden. Alle Transportvorgänge, vor allem der internationale Luft- und Frachtverkehr müssen reduziert werden, soweit sie nicht CO2-frei möglich sind. 
      
Ernährung: Um die Versorgungssicherheit zu erhöhen und Transporte zu reduzieren sollten alle Länder eine diversifizierte Selbstversorgung fördern. Milch- und fleischbasierte Ernährung muss auf pflanzliche umgestellt werden. 

Bauen: Das Bauen mit Beton und Stahl ist energie- und treibhausgasintensiv. Dagegen können Holzbauten CO2 binden. Energieverbrauch und Immissionen von Heizung und Kühlung müssen baulich minimisiert werden. 

Auch eine scharfe CO2-Besteuerung genügt nicht mehr, um diesen Umbau in nützlicher Frist zu erreichen. Sehr vorsichtig wird in der Studie geäussert, dass bisherige neoklassische (d.h. auch neoliberale) wirtschaftliche Theorien und Instrumente die anstehenden Probleme nicht meistern können. Wie beim Apollo-Programm brauche es staatliche Anstrengungen, ähnlich einem Marshallplan, z.B. mit zielorientierten Investitionen, Beschäftigungsprogrammen und Finanzierungen. Vieles ist auf nationalstaatlicher Ebene nicht zu lösen. Anstoss und erste Schritte müssten von einer Gruppe oder Gruppen fortschrittlicher Staaten kommen, die sich zu einem Aktionsbündnis zusammenschliessen. 
______________________________________________________

Soweit die Zusammenfassung. Diese Experten blenden die Bevölkerungsgrösse aus, was nach meiner Auffassung unzulässig ist. Weiteres darüber hier "Wir sind zuviele - Ein Tabu".

Hier noch ein Bericht und Kommentar über dieselbe Studie im Englischen "Independent", mit mehr Klartext, nämlich, dass die kapitalistische Wirtschaftsordnung in der bisherigen Form versagt:

https://www.independent.co.uk/news/long_reads/capitalism-un-scientists-preparing-end-fossil-fuels-warning-demise-a8523856.html




Dienstag, 30. April 2019

Verneigung vor Greta

Seit dem ersten Bericht des "Club of Rome" 1972 und seit dem Buch von Paul Ehrlich "The Population Bomb" 1968 war klar, dass die technokratische Wachstumsphilosophie eine Sackgasse ist. Zwar hat die grüne Revolution die Ernten verdoppelt und die Bevölkerungsbombe für eine Generation entschärft, aber das Problem ist nicht aufgehoben. Und seit dem Jahr 2000 wird auch immer klarer, dass die Klimaerwärmung ein ernstes Problem wird.

In der Schweiz etablierte sich seit den Siebziger- und Achtzigerjahren eine Grüne Partei, die versuchte, Antworten auf die neuen ökologischen Herausforderungen zu finden und anzubieten, zuerst durchaus im Rahmen liberal-bürgerlicher Vorstellungen. Von Anfang an wurde man von der bürgerlichen Presse - sofern nicht überhaupt ignoriert - systematisch lächerlich gemacht und als "links" abgestempelt, was zumindest in den Anfängen nicht zutraf. Die Linken schauten dagegen die neue Konkurrenz scheel an.

So wie die Grottenolme überhaupt blind sind, schien die Spezies Mensch konstitutionell blind für die Gefahren, die man mit nur wenig Überlegen hätte sehen können. Persönlich resignierte ich, und praktische politische Effekte blieben bis 2018 eigentlich fast bei Null, obschon man schon 2015 zum Schluss kommen musste, dass die Klimaerwärmung ein Hauptproblem ist, auf das es jetzt wirklich ankommt. Lieber beschäftigten sich Medien und Öffentlichkeit mit Genderismus, Kopftüchern, Postenschacher und anderen Nebensächlichkeiten.
Greta Thunberg streikt
Greta Thunberg, das 16-jährige Mädchen mit den Zöpfen hat geschafft, was die Grüne Bewegung seit vierzig Jahren nicht geschafft hat: Das Thema der zusammenbrechenden Umwelt auf den Tisch zu zwingen. Ihre Idee des Schulstreiks hält den Erwachsenen ihre Pflichtvergessenheit im Spiegel vor. Niemand kann ausweichen.
Aus Private Eye, Mai 2019
Die versammelten Autoritäten, die das Problem weiterhin ignorieren, wie Roger Köppel, Henryk M.Broder, Pater Martin Rhonheimer, Roland Tichydie AfD, oder die Chefredaktoren der WELT und der NZZ vermuten hinter Greta und ihrer Bewegung Manipulation, Fremdsteuerung und Kindsmissbrauch und reagieren entsprechend mit Kopfschütteln, Herablassung, Mitleid, selbstgerechter Empörung oder Hohn.

Wer dagegen das Problem sieht kann sich nur dankend verneigen.


Sonntag, 28. April 2019

FDP und SVP bröckeln

Es ist ja ein Rätsel, wieso die Öl-, Auto-, und Zementlobbies die bürgerlichen Parteien (FDP, SVP) und ihre Zeitungen derart dominieren können, dass diese im wesentlichen immer gegen Umweltschutz auftreten.

Schliesslich sollte in der FDP geballte Intelligenz vorhanden sein, und die Bauern der SVP sehen selber, wie die Bienen sterben und die Felder vertrocknen.

Jetzt hat die FDP die Ergebnisse einer parteiinternen Umfrage auszugsweise veröffentlicht. Zwar hat nur eine Minderheit der Mitglieder teilgenommen, aber die Ergebnisse können sich sehen lassen:  
  • Weniger Engagement im Klima- und Umweltschutz: 3 % Zustimmung
  • Umsetzung des Pariser Klimaabkommens: 77 % Zustimmung
  • Ausstieg aus fossiler Energie bis 2050: 60 % Zustimmung
  • Subventionen für erneuerbare Energien: 60 % Zustimmung
  • Flugticketsteuer: 75 % Zustimmung
  • Neue CO2-Lenkungsabgabe auf Treibstoffe: 58 % Zustimmung
  • Kompensation von Treibhausabgaben im Inland: 60 % Zustimmung
Dass allerdings 56 Prozent der antwortenden Mitglieder neue Atomkraftwerke bauen wollen wurde in ersten Berichten und auch in der NZZ vom 4.5.2019 verschämt verschwiegen. 

Trotzdem vertreten offenbar die schärferen Hunde der FDP-Bundeshausfraktion und der Parteigremien vor allem die Meinung der Lobbies und weniger diejenige der Mitglieder. Es ist zu hoffen, dass die Parteimitglieder dies bei den Wahlen bedenken werden. 

Interessant auch, dass die FDP zusammen mit Migros, COOP und anderen eine Flotte von 1000 wasserstoffgetriebenen Lastwagen auf die Beine stellen will. Die FDP scheint - wenigstens vor den Wahlen - plötzlich gewillt, Kreide zu fressen und auf fahrende Züge aufzuspringen.  

Biobauer Konrad Langhart, von Blocher abgesetzt 
Das kann man von der SVP nicht behaupten. Nachdem Blocher den Zürcher Biobauer als Präsidenten der Zürcher SVP abgesetzt und durch einen farblos-linientreuen Apparatschik ersetzt hat berichtete 20-Minuten von Unruhe innerhalb der SVP und von Versuchen, eine konservative Umweltschutzpartei zu bilden. Das hat sich zwar inzwischen als Zeitungsente erwiesen, aber sobald Blocher das Heft aus der Hand geben muss, was in absehbarer Zeit der Fall sein wird, werden sich einige Bauern wohl doch aufrappeln und die EMS-Chemie für einen ökologischeren Weg verlassen.

Vielleicht wird sich dann endlich einiges durchsetzen lassen, was die FDP-Mitglieder mehrheitlich schon jetzt wünschen. 

Mittwoch, 24. April 2019

Unbestechliche Temperaturen

In der Klimadiskussion wird allzu oft über Interpretationen und Personen diskutiert, gegen die dann allerlei Verdächtigungen und Angriffe geäussert werden, grotesk z.B. Köppels Angriff gegen Prof.Knutti von der ETH

Besser würde man sich an die gemessenen Rohdaten halten, die so unbestechlich sind wie eine Fiebermessung.  Temperatur kann man schliesslich seit dem 17. Jahrhundert (Galilei) messen, und zuverlässig vergleichbare Temperaturmessungen gibt es seit dem 18. Jahrhundert. 

In der Schweiz werden an verschiedenen Messtationen seit ca. 1860 kontinuierlich die Temperaturen gemessen. Die gemittelten Messungen dieser Stationen zeigt diese Tabelle:

Von 1865-1920 sieht man von Auge keine wesentliche Tendenz. 1920-1980 scheint es zwar durchschnittlich wärmer als in der Vorperiode, aber innerhalb dieses Zeitraums ist kein deutlicher Anstieg festzustellen. Ab 1960 gesehen zeigt sich allerdings ein brutaler und anhaltender Anstieg.   

Ähnliche Kurven gibt es für die ganze Welt, dann ist aber oft auch Meer dabei. Die Lufttemperatur über den Meeren steigt weniger rasch, weil das Meer mehr Wärme aufnehmen kann. Für uns Landwesen ist die Temperatur über dem Meer oder die über Land und Meer gemittelte Temperatur weniger interessant, denn für uns zählt die Lufttemperatur über dem Land, welche in der untenstehenden Kurve rot eingezeichnet ist: 


Man sieht, dass die mittlere globale Landtemperatur (rot) in den letzten 50 Jahren um 1,5 Grad angestiegen ist, macht 0,3 Grad pro Jahrzehnt.  

Neuerdings hat man auch Sonden, welche die Meerestemperatur bis in die Tiefe messen. Aus ihnen sieht man, dass der totale Energiegehalt in Luft und Ozean dauernd steigt, selbst wenn Einzelmessungen Dellen aufweisen.

Das sind alles keine Theorien, sondern einfache Temperaturmessungen. 


Jede Bank, jedes Unternehmen, jede Versicherung oder Pensionskasse, jeder Staat versucht, festgestellte Trends in die Zukunft fortzusetzen und daraus zukünftige Entwicklungen abzulesen. Das ist das allernormalste der Welt. 

Wenn wir die globale Landtemperatur linear in die Zukunft extrapolieren, so würde sie von 1970 - 2070 um 3 Grad steigen, wenigstens, solange nicht zusätzliche positive Verstärkungsmechanismen einsetzen: Von diesen gibt es allerdings mindestens zwei gesicherte: Erstens das Abschmelzen des Eises, welches die Wärmereflektion des Globus vermindert und zweitens die zu erwartende Freisetzung des Treibhausgases Methan aus dem Permafrost. Die gemessenen Methankonzentrationen steigen seit vier Jahren auffällig. Beide Selbstverstärkungsmechanismen greifen also schon. Kommt dazu der neuerdings grosse CO2-Ausstoss der dritten Welt. Somit ist eine lineare Extrapolation noch zu optimistisch. 

Man kann diese handgestrickte Schätzung natürlich mit Computermodellen verfeinern. Dabei zeigen diese Computermodelle nur, was man sich schon an den Fingern abzählen kann, einfach verfeinert für verschiedene Annahmen: Die obere rote Kurve zeigt den globalen (über Land und Meer gemittelten) Temperaturanstieg wenn wir mit Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum weitermachen wie bisher. Damit wird die globale Erwärmung bis ins Jahr 2080-2100 3-6 Grad erreichen, über dem Land mehr.

Die untere blaue Kurve zeigt den Verlauf, wenn wir die CO2-Konzentration mit extremstem Klimaschutz bis 2100 auf den heutigen Zustand zurückbringen würden. Das ist
  unrealistisch,  aber auch damit würde die Temperatur noch bis 2050 ansteigen. Rechts in hellrosa das Zielband, das wir mit den bisher getroffenen Massnahmen erreichen können, in hellblau was bestenfalls erreichbar wäre, wenn man entschlossen handeln würde. Die Temperaturen in der Grafik sind wieder über Land und Meer gemittelt. An Land würde es in jedem Fall wärmer. 

Regional und nach Meer/Land modelliert sähe es so aus: Oberste Zeile wiederum mit Zurückbringen der CO2-Konzentration auf den Stand von heute. Unterste Zeile Wachstum wie bisher. Zweite Zeile entschlossenes Handeln, dritte Zeile Verlauf beim heutigen Massnahmenstand.


Deutlich ist, dass die relative Erwärmung an Land deutlich stärker werden soll, als über dem Meer, am stärksten im hohen Norden.

Die Schweiz wird es, ähnlich wie in der Arktis, auch schneller aufheizen als Orte, die keinen Schnee hatten: Wenn es weniger Schnee und Eis hat so gibts weniger Reflexion von Sonnenstrahlung, darum erwärmen sich diese Gebiete besonders stark. 



Donnerstag, 18. April 2019

SVP-Bauern in Geiselhaft

Rudolf Minger, Landwirt und Bundesrat
Vorbei die Zeit, wo mit Rudolf Minger ein authentischer Bauer die Bauernpartei dominierte. Heute ist der Präsident der Bauernpartei auch Präsident der Erdöllobby. So konnte es dazu kommen, dass das SVP-Parteiprogramm 2019-2023 die Klimaerwärmung gar nicht erwähnt, dieses Hauptproblem, auf das es heute ankommt. Und das, obschon selbstverständlich vielen Bauern und Biobauern das Klima  und die Trockenheit längstens unter den Nägeln brennt. Arme Bauern...

Blocher u. Walter Frey, die Milliardäre der "Bauernpartei"
Im Nationalrat sass ich jahrelang neben dem SVP-Block und hatte zwei direkte Sitznachbarn aus dieser Partei, einerseits Simeon Bühler, Bergbauer aus dem Kanton Graubünden, ein bodenständiger, fleissiger Mann mit grossen Händen, der einen grundehrlichen Eindruck machte. Andererseits Paul Rutishauser, Thurgauer Gross- und Obstbauer, Umweltschützer der ersten Stunde von weltmännischem Auftreten. Beide wirkten - im Gegensatz zu manchen anderen Volksvertretern - ganz unideologisch, klar ablesbar und altmodischen Werten verpflichtet. Ich hatte beide über die Jahre wirklich ins Herz geschlossen und zu beiden einen guten Draht. 

Im Parlament war mir immer die Flut von Subventionen ein Dorn im Auge, die aus Steuergeldern auf verschiedene Mühlen des Eigeninteresses geleitet werden. Diese staatlichen Ausschüttungen sind relativ ineffizient, weil das Geld durch den Staatsapparat zuerst eingenommen und dann wieder verteilt werden muss, wobei bis zur Hälfte in der Administration versickert. Man muss sich zuerst immer fragen, ob etwas, das fürs Überleben auf staatliche Förderung angewiesen ist dieses Überleben auch verdient. Und wenn  man denn schon staatlich fördern will, wären oft Steuererleichterungen einfacher und effizienter. Aber dabei hat man die kleinen Könige in der Verwaltung gegen sich, die, sogar wenn sie angeblich freisinnig sind, gern die Macht geniessen, die Geldverteilen mit sich bringt. 

So war ich in diesen Jahren immer auf der Hut und kämpfte manchmal in Kommission oder Plenum gegen Subventionen. Bei einem Kampf gegen eine kleine, aber besonders unsinnige Subvention fragte ich meine bäuerlichen Nachbarn von der SVP, wie sie diesen Blödsinn denn überhaupt unterstützen könnten. Ich erhielt die bedauernde Antwort: Ja weisst Du, Du hast schon recht, aber wir Bauern dürfen nie gegen eine Subvention stimmen, sonst streicht man uns im Gegenzug die landwirtschaftlichen Subventionen.   

Damals wurde mir klar, dass die SVP eben eigentlich keine Bauernpartei ist, die Bauern sind nur geduldete Staffage für die Wähler, Staffage wie das Fahnenschwingen und das Buurezmorge. Wo es lang geht bestimmt das grosse Geld, Auto-Frey, die Transportunternehmer, die Strassenbauer, die Öl-Lobby und Blocher. Was die Milliardäre wollen wird durch unzimperlichen Fraktionsdruck und Fraktionszwang durchgesetzt. Zu meiner Zeit grenzte das in Einzelfällen fast  an Terror, z.B. wenn eine Frau ausscherte. 
   


Mittwoch, 17. April 2019

Der Untergang des Weissen Mannes

"Das Modethema Klima geht vorbei, man muss nur warten" meint Christoph Blocher, setzt den Zürcher SVP-Parteipräsidenten (Biobauer) ab und stellt sich hinter den Präsidenten der SVP Schweiz (Präsident Öllobby) sowie den SVP-Kampfkandidaten Köppel. Jetzt muss ich berichten, was ich mit Blocher erlebt habe: 
Klimademo Bern, 6.April 2019








Ich war noch ein Schüler, es waren friedliche Sommertage am Zürcher Obersee. Am gegenüberliegenden Ufer nur der schwarz bewaldete menschenleere Buchberg, links seeaufwärts zuerst das Bootshaus in dem das alte hölzerne Ruderschiff leise vor sich hin schaukelte, anschliessend zweihundert Meter dichter Schilf und dann das Gemäuer mit dem dicken, runden Turm, den der damals berühmte Psychiater C.G.Jung
C.G.Jungs Gemäuer mit dem dicken selbstgebauten Turm
sich vor Jahrzehnten eigenhändig gebaut hatte. Rechts seeabwärts noch mehr Schilf, dann steiles Ufer und ein Kilometer weiter schliesslich das Dörflein Bollingen mit dem Kirchturm, von dem täglich in die untergehende Sonne die Abendglocke läutete. 

Das Ferienhaus, das noch Grossvater gebaut hatte stand am Hang und hatte vor sich gegen das Ufer einen ringsum mit mediterranen Ziegeln bedachten Säulengang, der einen kleinen viergeteilten Paradiesgarten einschloss. Dort dufteten Grossmutters Rosen rund um den zentralen Ziehbrunnen.

Nach dem Grossvater war 1955 jetzt auch Grossmutter gestorben. Mein Vater und seine Brüder hatten das Haus geerbt und in diesem Sommer 1956 durften wir erstmals die Sommerferien in diesem Paradies verbringen. Ich war damals fünfzehn Jahre alt und mein Bruder zwölf. Am Ufer und um den Hof gab es viel Gestrüpp abzuholzen, man schwitzte, dazwischen tunkte man sich im Wasser und manchmal machte man eine Expedition mit dem alten Ruderboot. 
Jung in Bollingen bearbeitet Brennholz
mit Strohhut und Gärtnerschürze (von 
einem Youtube-Video)
Wenn man seeaufwärts fuhr schien das Gemäuer mit dem Turm meist unbelebt. Aber ausnahmsweise sah man aus der Entfernung Jung, den alten Seelenarzt und Meister auf der Uferterrasse Holz spalten, oder er sass am Wasser und spielte mit Kieselsteinen. Meist trug er dabei den breitkrempigen zerschlissenen Strohhut und die grüne Gärtnerschürze. Nahe fuhren wir nicht, seine Kreise wollten nicht gestört sein. Eng befreundet mit Grossvater hatte er diesem einst das Grundstück für unser Ferienhaus überlassen.

Eines Nachmittags kam die grosse gebeugte Gestalt mit Strohhut und Gärtnerschürze auf dem Uferweglein durch das Schilf zum Bootshaus und meinte, es sei Zeit für einen Nachbarschaftsbesuch. Es muss wohl ein heisser Sommertag gewesen sein, oder dann ein kühler regnerischer Tag, denn sonst hätten wir den Gast auf dem gedeckten Sitzplatz des Paradiesgärtchens empfangen. So aber baten wir ihn in den vor Hitze und Kälte geschützten, wenn auch düsteren Parterreraum des Hauses selber. Grossvater hatte sich dort eine Art Rittersaal eingerichtet mit einem riesigen Kamin, einem ebenso riesigen flaschengrünen Kachelofen, einem schweren Schiefertisch und barock geschnitzten Holzstühlen, die ihm ein alter Walliser Kunsthandwerker in dort noch lebendiger Tradition hergestellt hatte. Am Boden standen zwei eiserne Schatztruhen mit komplizierten Schlössern. Der Raum war düster, weil die Fenster nach wiederholten Einbrüchen mit dicken Betonpfosten und Eisenstäben unpassierbar gemacht waren.  Dafür erzeugten farbige Butzenscheiben den oberen Fensterpartien eine Stimmung wie in einer Kapelle. Man war hier in einer anderen Welt, ausserhalb unserer Zeit.

Jungs Blick über die Drahtbrille
Der Meister war schon über achtzigjährig, er nahm Platz, erhielt Tee und war in aufgeräumter, gar leutseliger Stimmung. Er stopfte sich eine Pfeife. Auf die Frage, wie es immer gehe meinte er mit schalkhaft-spöttischem Blick über die kleine Drahtbrille, es sei ganz interessant, die Phänomene der Senilität einmal an sich selber zu studieren.

Irgendwie schien er sich vor allem an uns Junge, meinen Bruder und mich zu wenden. Hier hatte der alte Storyteller ein neues, naives Publikum. Er beschrieb Versuche mit der Hypnose: Eine frisch verheiratete junge Frau habe man in ihrer Biographie zurückhypnotisiert, zuerst habe sie erzählt, sie sei frisch verlobt, als man sie noch jünger gemacht habe, habe sie auf die Frage, ob sie den Namen ihres jetzigen Mannes kenne nur noch verschämt verneint und sei dabei errötet. 


"
Taos, New Mexico, wo Jung dem Häuptling "Mountain Lake" begegnete
Dann kam er auf seine Amerikareisen, die ihm seinerzeit Rockefeller finanziert hatte, als Dank für die Behandlung einer Verwandten. 1925 sei er in New Mexico bei den Puebloindianern gewesen. Dort habe er einen grossen Häuptling kennengelernt. Dieser habe ihm mitgeteilt, dass der weisse Mann zum Untergang verurteilt sei. Etwas überrascht habe er ihn gefragt, warum. Darauf habe der Häuptling beide Hände vor die beiden Augen genommen - der Meister machte die Geste mit den eigenen Händen nach und fuhr mit den nach vorn ausgestreckten Zeigefingern konvergierend auf einen Punkt auf dem Tisch - und der Häuptling habe dazu gesagt: Weil der weisse Mann den Blick nur auf EINEN Punkt fixiere und alles andere darum herum ausblende.

Nach einer Stunde war der Tee getrunken und die Pfeife erloschen, der Meister verabschiedete sich so aufgeräumt wie er uns begrüsst hatte. Es sollte sein erster und letzter Besuch bei uns bleiben. Wieso er uns Jungen von all den vielen Geschichten, die er erlebt hatte ausgerechnet diejenige vom Häuptling weitergegeben hatte blieb rätselhaft. Zwar hat er sich andernorts immer mit grossem Respekt über ebendiesen Häuptling geäussert, der den Namen „See des Gebirges“ trug: Zum Beispiel habe dieser den weissen Mann als „verrückt“ bezeichnet, weil er mit dem Kopf denke und nicht mit dem Herzen, wie es sich gehöre. Aber vom Untergang des weissen Mannes ist nirgends etwas geschrieben. Zu unverständlich und zu abwegig schien damals vielleicht diese Weissagung, als dass man sie schriftlich hätte veröffentlichen können.

Ich habe die Szene in Erinnerung, wie eine Theateraufführung: War er nur ein virtuoser Darsteller, der uns Jungen seine Kunst vorführte und dies ganz offensichtlich genoss? Oder wollte er uns mehr mitgeben?

Damals 1956 schien diese Erzählung eigentlich eine blosse unterhaltsame Anekdote, ein weiteres Beispiel für das magische, unaufgeklärte und ausserhalb der Realität sich bewegende Denken der sogenannten Primitiven.

Dreissig Jahre später hatte es mich in das Schweizerische Parlament gespült, diesen Affenfelsen der Egos. Unterdessen hatte der Club of Rome vorausgesagt, dass das bisherige Wirtschaften in eine Katastrophe führen werde. Eine Reaktion der Entscheidungsträger wurde dadurch nicht ausgelöst. Aus Verzweiflung über die Blindheit der etablierten Parteien hatten wir mit einigen denkfähigen Individuen die Grünen gegründet, die allerdings bald danach unterwandert wurden, einerseits von Marxisten, welche am Untergang der Sowjetunion verzweifelten und andererseits von Gesundbetern verschiedener Richtungen, die den naiven Kindergartenglauben einbrachten, dass gute Absichten zu guten Lösungen führten.  

Der Effekt der neuen Bewegung blieb gering. Im Parlament leierten die Vertreter der etablierten Parteien weiterhin ihre bekannten Positionen herunter, aber man musste ja nicht zuhören. Weniger leicht zu ertragen ist, wenn vollgefressene Gewerkschafter Positionen vertreten, die sie längst nicht mehr leben, oder, wenn Verantwortung geredet, aber Schwarzgeld gemeint wird, oder besonders, wenn alle von links bis rechts einmütig den Staat immer noch weiter aufblasen wollen, um ihre Pfründe auszudehnen. Das ist wohl in allen Parlamenten der Welt dasselbe.

Zu meiner Zeit gab es eigentlich nur drei Redner im Nationalrat, bei denen das Zuhören immer packend war und zwar unabhängig davon, ob man den Standpunkt teilte oder nicht. Da war der kunstvoll-skurrile Sprachwitz von Moritz Leuenberger, oder die politische Brandrede Helmut Hubachers, so elegant und zielsicher geführt wie ein Degen. Den höchsten Unterhaltungswert hatte die polternde Stammtisch­show Christoph Blochers, unseres Hauptgegners in Umweltfragen.  Wenn einer dieser drei nach vorn ging, so war ich immer im Saal. 

Sympathien und Antipathien hielten sich im Übrigen nicht an Parteigrenzen. Während Jahren sassen ein Bergbauer aus dem Graubünden und ein Obstbauer aus dem Kanton Thurgau neben mir und trotz verschiedener politischer Ansichten habe ich die respektiert und sogar richtig gerngehabt. Solches wurde zwar im eigenen Lager scheel angesehen, denn wer mit anderen sprach stand rasch im Ruf des Abweichlers, wenn nicht gar des Verräters. Aber im Schweizer Parlamentarismus geht es darum, Mehrheiten zu zimmern und dabei fährt am besten, wer mit allen Lagern kommuniziert.

Ausserdem kann der Naturwissenschaftler und Arzt auch im Parlament seine alte Haut nicht ablegen. Mich interessierten die Verhaltensregeln auf diesem Affenfelsen und vor allem auch die einzelnen Persönlichkeiten. Blocher konnte ich einmal dafür gewinnen, eine unsinnige Subvention zu bekämpfen und deshalb kamen wir auch sonst etwas ins Gespräch. Zwar hielten viele meiner grünen Parteigenossen ihn für den leibhaftigen Gottseibeiuns, aber ich konnte das nie nachvollziehen, hatte er doch wenigstens erkennbare Standpunkte und er glaubte auch offensichtlich, was er vertrat. Überdies waren ihm eine enorme unternehmerische Tüchtigkeit, Kunstverstand und ein gewisser bäurischer Charme nicht abzusprechen. All das war mehr, als man von den meisten anderen behaupten konnte.

Blocher in meiner Parlamentszeit mit BR Otto Stich (späte 80-Jahre). 
Ich erinnere mich noch ganz genau, dass ich ihm einmal die Frage stellte, woher nach seiner Ansicht seine unglaubliche Durchschlagskraft als Unternehmer und Politiker komme.  Wir standen beide im Vorzimmer des Sitzungssaales an einer Theke, er drehte sich darauf zur Theke und sagte: Ja wissen Sie, Herr Fierz, das kommt davon, dass ich - darauf nahm er beide Hände vor die beiden Augen und fuhr mit den nach vorn ausgestreckten Zeigefingern konvergierend auf einen Punkt auf der Theke - das kommt davon, dass ich meinen Blick auf EINEN Punkt fixiere, und alles andere darum herum ausblenden kann. 

Wenn ich mich recht erinnere, musste ich zweimal leer schlucken. Blocher war, wie gesagt, immerhin unser Hauptgegner in Umweltfragen und als Selfmademan, Unternehmer und Milliardär quasi der Prototyp des erfolgreichen weissen Mannes. Dann musste ich daran denken, wie Blocher bei anderer Gelegenheit fröhlich gefragt hatte, wo denn diese angeblichen Umweltprobleme seien, er jedenfalls habe bisher nichts davon gemerkt, er habe vier Kinder, eines paus- und rotbackiger als das andere und gesund wie reife Äpfel. Das war vielleicht im Jahr 1990 gut zwei Generationen nach der Rede des Häuptlings. 

Jetzt, gut drei Generationen nach der Weissagung des Häuptlings ist diese nicht mehr unverständlich oder abwegig. Und wenn der weisse Mann untergehen wird, wird er eben genau deshalb untergehen, weil er nach wie vor fähig ist, seinen Blick auf EINEN Punkt zu fixieren und alles andere darum herum auszublenden. Der fixierte Punkt heisst nach wie vor Wachstum - Wachstum des Bruttosozialproduktes, Wachstum der Bevölkerung, Wachstum des Wachstums -  und ausgeblendet werden die Bienen, die Bomben, die Tierfabriken, die abgeholzten Wälder, die ausgelaugten Böden, die leergefischten Meere und vor allem die unausweichlich fortschreitende Erwärmung, die sich als der entscheidende Faktor herauskristallisiert und die den belebten Planeten in wenigen weiteren Generationen verbraten könnte. 

Von all den Erinnerungen seiner achtzig Lebensjahre hatte der schillernde alte Meister C. G. Jung in dieser Stunde der Jugend diese Weissagung des indianischen Häuptlings weitergegeben, ich denke, ohne sie zu verstehen oder gar zu glauben, sondern, weil er spürte, dass dieser Häuptling mehr wusste und wahrnehmen konnte, als wir Weissen und, dass vielleicht spätere Generationen auch von ihm hören sollten

Und damit hätte auch ich die Story weitergegeben, an eine Generation, die sie vielleicht versteht. 
_________________________________________________________________


Dazu ein Faktencheck: 

Jung schrieb seinem Hausarzt Dr.Tauber 1953 in einem Brief, dass er das Rauchen aufgrund eines Traumes aufgegeben habe (1). Da Jung vorher gegen den Rat der Ärzte jahrelang weiter geraucht hatte, und da er im berühmten BBC-Interview "Face to face" von 1959 ebenfalls Pfeife rauchte muss meine Erinnerung an den 1956 pfeiferauchenden Jung korrekt sein.

Über den indianischen Häuptling hat Jung wiederholt berichtet, z.B. in einem Traumseminar im Jahr 1928 (2) und in seinen Lebenserinnerungen (3). Der Häuptling wurde 1963 von einem Enkel von Jung besucht und er starb in den frühen Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts (4).


Und was sagt der Faktencheck zum Untergang des weissen Mannes?

Die Bevölkerungsgrösse wird seit Malthus diskutiert. Anfangs sah das grüne Bewusstsein nur die Verknappung von Ressourcen, von fruchtbaren Böden, von Wasser und den Artenverlust. Heute ernährt die Erde gut sieben Milliarden Menschen, dank einer Landwirtschaft, die mit fossilen Brennstoffen, Dünger und Pestiziden produktiver gemacht wird.

Erdöl und Düngerlager sind endlich und auf Pestizide wird man wegen der Bienen vielleicht einmal verzichten müssen. Mit weniger Ressourcen und Nahrung für immer mehr Menschen können Konflikte entstehen. Wenn ökologische Lösungen misslingen, so gibt es immerhin noch die spontane Selbstheilungstendenz durch gegenseitiges Totschlagen. Ein Untergang des weissen Mannes oder der menschlichen Population ist daraus mitnichten zu erwarten.

In den Frühzeiten des Grüntums sorgte man sich kaum um den Erwärmungseffekt durch die Treibhausgase, hoffte allenfalls auf eine Lösung durch Erschöpfung des Erdöls und gesenkten Heizbedarf. Nur ging das Erdöl bisher nicht aus, dafür streben in Asien und Südamerika weitere Milliarden nach Konsum und mittlerweile ist die Erwärmung besorgniserregend.

Sicher ist, dass die globale Durchschnittstemperatur schon ein Grad zugenommen hat. Das vergangene Jahrzehnt war das wärmste in der menschlichen Geschichte, das vorangehende das zweitwärmste, und das davor das drittwärmste, Schnee wird rar, Gletscher und Pole schmelzen, Unwetter und Überschwemmungen werden heftiger und häufiger, und ganze Weltregionen vertrocknen, was schon Kriege und Massenmigration ausgelöst hat, die doch erst eine schwache Vorahnung des Kommenden sind. Indes wachsen Weltbevölkerung und Konsum munter weiter, - tout va bien Madame la Marquise…

Wenn man diese Entwicklung weiterdenkt, rückt der Untergang des weissen Mannes doch ins Blickfeld. Angenehmer wäre es, den Fernseher einzuschalten und in die Parallelwelten der Helene Fischer-Show oder der Barockmusik abzutauchen. Aber konnte nicht dieser todkranke Musiker, den die Ärzte anlogen, den Dingen ins Auge blicken, seine Diagnose ganz allein stellen und dem Unvermeidlichen gelassen und heiter entgegensehen? (dieser Satz bezieht sich auf eine andere Geschichte im Buch).

Der CO2-Anstieg unterscheidet sich grundlegend von Ressourcenverknappung und Bevölkerungsexplosion, weil kaum Selbstheilungsmöglichkeiten ausmachen sind: Was wir an Kohlendioxid bisher schon in die Atmosphäre entlassen haben braucht weit über tausend Jahre, um wieder zu verschwinden, nach Menschenrechnung eine Ewigkeit (5).

Uns geht es wie dem Frosch im grossen Kochtopf auf der Gasflamme, deren Gashahn nur aufgedreht, aber kaum zugedreht werden kann. Ursprünglich, vor der Industrialisierung, war die CO2-Konzentration in der Luft mit 280 Teilen pro Million („parts per million“ auch ppm) klein, die wärmende Gasflamme winzig, gerade genügend, um den Topf auf einer angenehmen Temperatur zu halten. Mehr Kohlendioxid macht mehr Wärmezufuhr, sie dreht den Gashahn gewissermassen auf. Mittlerweile hat die CO2-Konzentration 400 ppm überschritten. So hoch war sie letztmals im Pleistozän, vor gut drei Millionen Jahren. Damals lebten Kamele in Kanada (6). Selbst wenn wir die Kohlendioxidemission ab sofort auf null reduzieren, so ist die Gasflamme schon so hoch eingestellt, dass die Erwärmung Jahrzehnte und Jahrhunderte weitergehen wird, Kamele in Kanada sind nicht nur nicht ausgeschlossen (7), sondern wahrscheinlich, wenn es so weitergeht.

Wenn wir dagegen die Kohlendioxidemission nicht ganz stoppen, sondern nur halbieren, so wird der Gashahn noch halb so rasch aufgedreht wie bisher. Damit dauert es zwar länger bis der Frosch gekocht ist, aber gekocht wird er allemal, nur halb so schnell. Derweil wiegen sich Frosch und wir in falscher Sicherheit, weil alles so langsam geht. Das Klima ist ein Vielgenerationenproblem. Im Gegensatz zum Frosch wird es uns noch gelingen, Kinder, Enkel und sogar Urenkel zu haben, aber gekocht werden wir allemal, nur etwas langsamer als der Frosch.

Falls die Bienen überleben scheint der durch Treibhausgase erzeugte Temperaturanstieg die Zukunft des belebten Planeten zu bestimmen. Die Prognosen sind bedrohlich, und vor allem besteht grosse Unsicherheit darüber, ob sie nicht zu optimistisch sind, und ob nicht alles noch viel rascher und schlimmer kommt. Nur als Beispiel: das Abschmelzen des Eises in den Polarregionen und in Grönland geht seit 2016 rascher, als bisher vorausgesagt.

Sämtliche Prognosen enden bei sechs Grad Erwärmung, nicht, weil es nicht noch wärmer werden könnte, sondern, weil dann nur noch ein Dantesches Inferno vorstellbar ist (8), mit Tod unserer Erde, wie wir sie seit Adam und Eva kannten, den Untergang des weissen Mannes inbegriffen…

Mit Massnahmen sind wir spät dran. Die neulichen Beschlüsse von Paris wollen den Temperaturanstieg auf zwei Grad bis Ende des Jahrhunderts begrenzen, genügen aber dafür nicht. Und wer Regierungen kennt, muss befürchten, dass es bei Alibimassnahmen bleibt.

Wenn die zwei Grad nicht eingehalten werden, so sagen uns die Versicherungen, dass die Risiken unbeherrschbar und unversicherbar werden. Und wenn wir mit Glück und äusserster Anstrengung die zwei Grad einhalten bis 2100, was danach? Wird der Frosch doch weiter gekocht?

Elisabeth Kübler-Ross hat gezeigt, wie todkranke Patienten mit ihrer Diagnose umgehen, schematisch in fünf Phasen:

  • Zuerst Verdrängung, die so weit gehen kann, dass ein Blutspezialist einem im Mikroskop seine eigenen bösartigen Leukämiezellen zeigt und behauptet, diese seien normal.
  • Dann das Hadern mit dem Schicksal: Ärzte und Pflegepersonal werden als Boten des Unglücks angegriffen.
  • Drittens das Markten mit dem Schicksal, in Form von Zweitmeinungen, Scharlatanen und was der Alibimass­nahmen mehr sind.
  • Wenn die Patienten die Ausweglosigkeit realisieren kommt oft eine Depression, aus der sie im besten Falle herausfinden mit dem 
  • Annehmen des Schicksals.
In Bezug auf den tödlich bedrohten Planeten durchläuft auch die Gesellschaft solche Phasen:
  • Nach wie vor scheint Verdrängung die Hauptstrategie zu sein. Dazu gehört die neutral-unaufgeregte Wortwahl „Klimawandel“ oder die seit Jahren behördlich bekannte und tolerierte Manipulation der Verbrauchs- und Abgaswerte durch die Automobilindustrie. Aggressiv verdrängt wird die Diskussion über die Bevölkerungsgrösse. Von ihr hängt ja ceteris paribus die Umweltbelastung ab. Diese Feststellung als Populismus und Nazitum abzutun kann nur Gesundbetern einfallen.
  • In der zweiten Phase, dem Hadern mit dem Schicksal werden die Boten des Unheils angegriffen, als Spinner, Ökoterroristen oder Wirtschaftsschädlinge. Auch das findet da und dort statt.
  • Zur dritten Phase, dem Markten mit dem Schicksal in Form von Alibimassnahmen gehören beispielsweise die Elektroautos, ein zwar einleuchtendes, aber wirkungsloses Feigenblatt, was einem jeder Physikstudent erklären kann. Das überdimensionierte elektrische Tesla-Auto unserer Schweizerischen Energieministerin beweist nur, dass sie von diesem Problem gar nichts verstanden hat.
  • Die vierte Phase, die Depression gibt es auch. Zwar meinen die Fachleute, dass wir bei sofortigem und vollständigem Einsatz aller verfügbaren Mittel vielleicht die Notbremsung schaffen könnten. Aber seit dem ersten Bericht des Club of Rome sind vierzig Jahre fast ungenutzt verstrichen, und ein Churchill, der uns in dieser Abwehrschlacht einigt ist nicht in Sicht. Laufen wir somit Gefahr, dass diese schöne Welt mit ihren bunten Bewohnern, den Pflanzen, Tieren und Menschen, den Heiligen und den Huren, den Erfindern und den Mördern, diese Welt, die uns die Gesänge der Pygmäen, die Epen Griechenlands und Islands, die Kathedralen des Mittelalters, die goldenen Moscheen von Isfahan, die Tuschemalerei Asiens, die Theaterstücke von Shakespeare und von Beckett sowie die Musik von Bach, Beethoven und Ligeti geschenkt hat, dass diese bunte Welt verdorren, verhungern und verbrennen soll?
  • Vor dem Annehmen dieses Schicksals wird in jedem Fall gekämpft werden - um Wasser, um letzte Ackerflächen, um die letzten kühleren Regionen, ums Überleben. Und Menschen werden sich in Bestien verwandeln.
Wäre es stattdessen nicht naheliegender, diesen Kampf schon jetzt aufzunehmen und ihn vereint gegen die Kohlendioxidemissionen zu führen? Und zwar jetzt, sofort, mit allen Mitteln jedes Bürgers und der Gemeinschaft? Der naheliegendste und erste Schritt müsste die Abschaffung der weltweit grassierenden Milliardensubventionen von fossilen Brennstoffen sein, verbunden mit Einführung einer wirksamen Kohlendioxidsteuer (9). Und dann müsste vieles diskutiert und verändert werden, wie Siedlungsstruktur, Verkehr und Arbeit. Aber auch den Tabuthemen wird man über kurz oder lang nicht ausweichen können, sei es Nationalstaatlichkeit oder Bevölkerungsentwicklung etc. etc.

Wenn wir es aufs Mythische herunterbrechen, so entriss Prometheus den Göttern das Feuer und seine Geschöpfe haben es seit der Steinzeit gehütet. In der Neuzeit kam Dampfkraft, Zentralheizung, Verbrennungsmotor, Auto, Flugzeug, Stromerzeugung – jedes Mal der Teufelspakt mit dem vermeintlich gebändigten prometheischen Feuer, das schlussendlich alles zu verbrennen droht, - Rache der Götter oder Lucifers?

1.      Carl Gustav Jung; Frank McLynn, Bantam Press 1996, S. 511.
2.      Dream Analysis, Notes of the Seminar given in 1928-30 by C.G.Jung; William McGuire (ed), Bollingen Series  XCIX, Princeton University Press, 1984, S. 34.
3.      C.G.Jung: „Memories, Dreams, Reflections“; aufgezeichnet und herausgegeben von A. Jaffe, Random House - Pantheon,  1961,  Deutsche Übersetzung: „Erinnerungen, Träume, Gedanken“, Patmos-Verlag 2009, S. 271 ff
4.      Jung – The wisdom of the dream; S.Segaller and M.Berger: Weidenfeld and Nicolson, London 1989, S.133-39.
5.      Climate Shock - the economic consequences of a hotter planet, Gernot Wagner, Martin L.Weitzmann, , Princeton University Press, 2015 (Deutsche Übersetzung: Klimaschock,bei Überreuter Sachbuch, 2016), S. 9-10.
6.      Ibid. S.10.
7.      Ibid. S.28.
8.      Ibid. S.14.
9.      Ibid. S. 23. ff 

(Aus Lukas Fierz "Begegnungen mit dem Leibhaftigen - Reportagen aus der heilen Schweiz", Tredition, 2016).