Über mich

Samstag, 23. Mai 2020

Hilferuf aus Russland und eine Buchempfehlung

Als Arzt hat man oft Mühe mit Literatur, denn die Geschichten, die man in der Praxis hört sind oft farbiger, drastischer und authentischer als die Erfindung der Dichter.

Aber nach einem Artikel im New Yorker  entdeckte ich Maxim Osipovs Kurzgeschichten, übersetzt im Band "Nach der Ewigkeit", Hollitzer Verlag, Wien 2018, ISBN 978-3-99012-454-3: So unterhaltend, überraschend in Inhalt und Form und mit einem eigenartigen Hintersinn. Ich musste sie in einem Zug durchlesen. Seine Kurzgeschichten sind ein Welterfolg, wurden in viele Sprachen übersetzt.

Besonders berührt hat mich die Geschichte "Der polnische Freund", in der eine Geigerin plötzlich den Musiker trifft, den sie sich vorher jahrzehntelang immer nur in ihrer Fantasie erträumt hatte. Wer das schreiben konnte muss ein ganz tiefes Verständnis für die Musik haben. Ich habe dann herausgefunden, dass Osipovs Frau Pianistin ist,  und seine Tochter als Geigerin im Eliot-Streichquartett spielt. Über diese musikalische Achse sind wir in Kontakt gekommen.

Osipov ist Arzt, Kardiologe, leitet ein kleines Spital in Tarusa, zwei Stunden von Moskau. Dank der Einnahmen aus seinen Werken kann er in diesem Spital einen hohen Standard halten, deshalb zieht es Patienten von weitherum an. 

Wie viele Spitäler in der Schweiz oder auch den USA ist das Spital durch die Coronakrise in Finanznöte gekommen und Osipov hat seine Freunde gebeten, zu Spenden aufzurufen. Ich habe gespendet und gleichzeitig mit der Empfehlung seines Buches frage ich, wer sonst noch etwas Geld übrig hätte, zehn, zwanzig, fünfzig Franken, alles hilft. Zahlen geht einfach über Paypal: https://www.paypal.me/tarusahelp. Danke!




Freitag, 10. April 2020

Coronakrise und Umweltkrise: Unterschiedliche Reaktion als Altersfrage?

(erschienen im Tages-Anzeiger vom 9.1.2020. Die Redaktion hat den Titel ohne Rücksprache geändert, besonders störend in der Online-Ausgabe: "Überschätzte Corona-Gefahr, unterschätzter Klimawandel  - Die Welt reagiert in grotesker Weise falsch auf beide Krisen. Das hat damit zu tun, wer heute die Entscheidungsträger sind"Diese Änderung ist sinnstörend. Ich bin nicht der Meinung, dass die Coronagefahr überschätzt wird, sie wurde in Europa und USA im Gegenteil unterschätzt. Ich bin nicht der Meinung, dass die Reaktion auf die Coronakrise in grotesker Weise falsch ist, sie ist völlig richtig).

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Prompte Reaktion auf die Coronavirusepidemie


Das Coronavirus hat bisher in vier Monaten soviele Menschen umgebracht, wie der weltweite Strassenverkehr in einem Monat. Im schlimmsten Fall wird die Epidemie anderthalb Jahre anhalten und die Opferzahlen werden vorübergehend die Grössenordnung der Verkehrstoten erreichen. Aber die Coronatoten werden im Gegensatz zu den Verkehrstoten vor allem alte Leute mit Vorerkrankungen sein, die sowieso in absehbarer Weise das Zeitliche gesegnet hätten. Zusätzlich wird es Kollateralschäden geben, weil wegen verstopften Intensivstationen andere Erkrankte nicht adaequat behandelt werden können. Die Wirtschaft wird eine empfindliche Delle erleiden, danach wird die Welt wieder zur Tagesordnung übergehen, genau wie nach der Grippeepidemie von 1918 oder nach der Finanzkrise. AHV und Pensionskassen werden Finanzverluste erleiden, andererseits durch Übersterblichkeit der Pensionäre etwas entlastet. Das Problem der Überbevölkerung bleibt unbeeinflusst.

Öffentlichkeit und Medien brauchten jeweils nur wenige Wochen bis Monate, um das Problem zu begreifen. Die Wissenschafter erhielten überall eine Plattform, die Reaktion der Politik wurde je nach Informationsstand, Kompetenz und Mut der Entscheidungsträger mehr oder weniger schnell hochgefahren, nicht überall rechtzeitig oder ganz adaequat, aber fast überall in beeindruckendem Ausmass. Die Medien sind zu einem gefühlten Viertel mit diesem Problem beschäftigt. Alle möglichen Szenarien werden ausgebreitet und auf hohem Niveau diskutiert. Der bestehende Grundkonsens wird nur von einigen Trollen und selbsternannten Pseudeoexperten gestört, beide nimmt kein seriöses Medium ernst. 

Und trotz all dieses Wirbels wird die Coronavirusepidemie spätestens im Jahr 2021 Geschichte sein. So what?

Inadequate Reaktion auf die Umweltkrise


Vergleichen wir die Reaktion auf die Klima- und Umweltkatastrophe: Durch Überbevölkerung und Überkonsum werden die Lebensgrundlagen gesprengt. Die Lebensmöglichkeiten für andere Kreaturen schwinden wegen Übernutzung sowie Verlust und Vergiftung von Lebensräumen. Geschädigte Ökosysteme und Monokulturen sind empfindlich auf neue Seuchen. Die Erhöhung der Temperatur durch Treibhausgase wurde schon 1988 durch James Hansen auf Jahrzehnte und bis jetzt zutreffend vorausgesagt. Die Folgen wie Überschwemmungen, Dürre, Hunger, Kriege und Migration zeigen sich schon jetzt.

James Hansen wird polizeilich abgeführt
Aber Öffentlichkeit, Medien und Politik haben auch nach Jahrzehnten nicht begriffen, was auf uns zukommt. Die Wissenschaft wurde im regierungsabhängigen Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) insofern neutralisiert, als sie die matchentscheidenden Feedback-Mechanismen verschweigt, welche den offiziell vorausgesagten Temperaturanstieg verdoppeln oder sogar jederzeit unkontrollierbar beschleunigen können. Wer wie der erprobte Experte James Hansen trotzdem ausspricht, was Sache ist (Climate Change in a Nutshell - The gathering storm") wird ignoriert oder polizeilich abgeführt.

Soweit die Wissenschaft überhaupt zu Wort kommt wird sie in einer Flut klimaskeptischen Unsinns ersäuft. Sogar sogenannt "seriöse" Medien verunglimpfen Wissenschaftler als "alarmistisch" und deren begründeten Lösungvorschläge als "extrem". Die Folge ist eine durch Deklarationen wie das Pariser Abkommen getarnte politische Reaktionslosigkeit, die bisher nicht einmal imstande war, die absurden Milliardensubventionen für die Fossilindustrie einzustellen.  

Wieso die unterschiedliche Reaktion?


Wir stellen eine Diskrepanz fest: Die Coronavirusepidemie erhält eine riesige und recht effiziente mediale und politische Reaktion, obschon sie eigentlich ausser den sehr Alten niemanden gross bedroht. Die Umwelt- und Klimakrise erhält dagegen nur eine kleine, verharmlosende und völlig ineffiziente mediale und politische Reaktion, obschon sie in den nächsten Jahrzehnten oder sogar Jahren mit grösster Gewissheit die Existenz unserer Zivilisation, diejenige der Menschheit und von grossen Teilen der Biosphäre bedroht.   

Woher diese groteske Diskrepanz? Das Coronavirus bedroht vor allem die Älteren, also jene Altersgruppe, welche in Anzug und Kravatte, in Verwaltungsräten und Regierungen die Gesellschaft faktisch leitet. Nur sie hat die Schalthebel, um Medien, Politik und Gesellschaft dazu zu bringen, ihr altes Leben und ihre alten Interessen zu verteidigen und das tut sie auch.  

Dagegen spart die Umwelt- und Klimakrise genau diese älteren Entscheidungsträger aus, denn sie werden ja wahrscheinlich sterben, bevor die Probleme akut werden. Deshalb ist für sie das Bequemste ein "weiter so" und den Leidtragenden - der jungen Generation – bleibt nur die Möglichkeit, die «alarmistischen» und «extremen» Einsichten der Wissenschaft in wirkungslosen Protesten zu wiederholen.




Samstag, 4. April 2020

Different Reactions to Coronavirus and Climate Crisis: A Question of Age Group?

(appeared first on Ugo Bardi's Blog Cassandra's Legacy)

Prompt response to an epidemic

So far, the coronavirus has killed as many people in four months as the global traffic in one month. Only in the worst case will the epidemic last a year and a half and the order of magnitude of the killed will be comparable to the numbers of road accidents for some time. In contrast to the traffic fatalities, the corona dead will be mainly old people with previous illnesses who would have blessed the time anyway in a foreseeable future. In addition, there will be collateral damage other sick people not being adequately treated because of clogged intensive care units. The economy will suffer a severe dent, after which the world will return to the order of the day, just like after the flu epidemic of 1918 or after the financial crisis. Pension funds will suffer financial losses, but will be somewhat relieved by over-mortality of pensioners. The problem of overpopulation remains unaffected.

The public and the media only needed a few weeks to months to understand the problem. Everywhere the scientists were given a platform, and depending on the level of information, competence and courage of the decision-makers, the political reaction came more or less quickly, not everywhere in time or quite adequately, but finally reaching impressive proportions almost everywhere.

An estimated quarter of media content is concerned with this problem. All possible scenarios are expanded and discussed at a high level. The existing basic consensus is only disturbed by some trolls and a few self-proclaimed pseudoexperts, neither of whom are taken seriously by serious media.

And despite all this agitation, the coronavirus epidemic will be history by 2021 at the latest. So what?

Inadequate response to the environmental crisis

Let us compare the reaction to the climate and environmental catastrophe: overpopulation and overconsumption blow up the foundations of life. Space for nonhuman creatures is rapidly disappearing due to overuse and to loss and poisoning of habitats. Damaged ecosystems and monocultures are sensitive to new plagues. An increase in temperature due to greenhouse gases was predicted by James Hansen back in 1988 and his predictions have turned out accurate up to now. The consequences such as floods, droughts, hunger, wars and migration are already apparent.

But even decades later, the public, the media and politics have not understood what will come. Science has been neutralized in the government-dependent Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) which hides the match-determining feedback mechanisms, that can double the officially predicted temperature rise or even accelerate it uncontrollably at any time. Anyone who, like the tried and tested expert James Hansen, still speaks out what's going on (Climate Change in a Nutshell - The gathering storm ") is ignored or taken away by the police (picture).

And even as far as science has its say, it is drowned in a flood of climate-nonsense. Even so-called "reputable" media denigrate scientists as "alarmist" and their reasoned proposals as "extreme". The result is a lack of political response disguised by declarations such as the Paris Agreement which has not even been able to stop the absurd billion dollar subsidies for the fossil industry.

Why the different reaction?

The coronavirus epidemic is receiving a huge and quite efficient media and political response, even though it doesn't really threaten anyone except the very old. The environmental and climate crisis, on the other hand, receives only a small, trivializing and completely inefficient media and political reaction, although in the coming decades or even years it will most certainly threaten the existence of our civilization, that of humanity and of large parts of the biosphere.

Where can this grotesque discrepancy come from? With the older people, the corona virus threatens exactly the age group that actually leads society, sitting in suits and ties on boards of directors and governments. They have the leverage to get the media, politics and society to defend their old lives and interests and they certainly use it.

In contrast, the environmental and climate crisis is sparing these same older decision-makers, because they are likely to die before the problems become acute. Therefore, the most comfortable thing for them is "business as usual" and the sufferers - the young generation - have little leverage to defend themselves, except repeating the “alarmist” and “extreme” teachings of science in impotent protests.


Some other posts in English:


 


Mittwoch, 1. April 2020

NZZ gegen Virologie

Man erinnert sich mit Wehmut an die alten Zeiten, wo die Wissenschaft in der Neuen Zürcher Zeitung unter der umsichtigen Leitung von Herbert Cerutti ein unangetastetes Reservat hatte. 

Inzwischen stösst man in der NZZ nicht nur im Klimabereich auf allerlei wissenschaftlich Unausgegorenes, so meldet sich jetzt zur Coronakrise auch ein gewisser Reinhard K.Sprenger, Philosoph und Unternehmensberater mit dem steilen Titel: "Virologen regieren die Welt - Politiker gebärden sich als Erfüllungsgehilfen"

Schon der Titel ist falsch: Eine grosse Pandemie erwartet man seit Jahren, und wenn die Virologen wirklich regierten, wäre man besser vorbereitet gewesen. Ein Pandemieplan besteht zwar seit 2004, aber der Chef des Bundesamtes für Gesundheit BAG Dr. med. Thomas Zeltner stellte 2018 in einem Gutachten fest, dass er ungenügend umgesetzt sei mit der Folgerung: "Entsprechend wird man nun vor harte Realitäten gestellt". So hat sich das BAG in der Coronakrise mit seinen untauglichen Faxstatistiken blamiert. Ein Praeventionsgesetz, welches die Krankheitsstatistik schweizweit vereinheitlichen und beschleunigen wollte wurde 2011 von SVP, CVP und Gewerbeverband als eine "Gesundheitsdiktatur" versenkt, welche "eine Büchse der Pandora öffne" (Bild: William Waterhouse (1849-1917): Pandora's Box, 1896).

                                                                                                           
Virologen waren damals nicht beteiligt. Und wenn die Virologen wirklich regierten, wäre man mit Massnahmen gegen das Coronavirus viel schneller gewesen: Man erinnere sich an die frühe Warnung von Prof.Althaus (Bern), der den Verzicht auf Tests "nicht nachvollziehen konnte" und an die dringenden Alarmrufe von Prof.Aguzzi (Zürich) und Prof.Neher (Basel), welche raschere und schärfere Massnahmen forderten. 

In Südkorea ist der erste Coronafall am gleichen Tag aufgetreten wie in den USA. Südkorea hat gemacht, was die Virologie lehrt: Durch flächendeckende Kontrollen und Eingrenzung des Virus blieb es bei 10'000 Infektionen mit 174 Toten, das kostete Millionen. Trumps Resultate in den USA werden Grössenordnungen schlechter sein, mit Kosten von Billionen, und wir liegen irgendwo dazwischen mit Kosten von Milliarden. Wo die Virologen nichts zu sagen haben entstehen Schlamassel und Kosten. 

Um die verschwurbelten Gedankengänge der NZZ-Redaktion besser zu verstehen habe ich den Artikel von Herrn Sprenger dann ganz genau studiert: Sprenger spricht davon, dass "die Politik handlungsfähig bleiben müsse, indem sie das Wechselspiel der gesellschaftlichen Subsysteme moderiere. Dafür brauche sie Urteilskraft und die Fähigkeit der Priorisierung. Diese könne nicht langfristig die Logik der Virologen totalisieren (was immer das heissen mag). Politik müsse insbesondere Spät- und Nebenwirkungen kalkulieren, wie zerstörte Partnerschaften, Firmenkonkurse und irreparable wirtschaftliche Strukturschäden. Für die ganze Gesellschaft bräuchten wir daher Balancen, die alle gesellschaftlich relevanten Aspekte diskutieren und gewichten, nicht nur solche der Virologie..." 

Aber Herr Sprenger kann beruhigt sein, die gesellschaftlich relevanten Aspekte wurden hier alle diskutiert: Nicht die Virologen, sondern die Politik hat den Lockdown beschlossen, weil diesmal die Alten gefährdet sind, diese Alten, welche in Anzug und Kravatte, in Boardrooms und Regierungskabinetten die Welt regieren. Sie schauen gut für sich. 

Und wir können Herrn Sprenger weiter beruhigen: Bei der Umweltkatastrophe, welche ausser diesen regierenden Alten alles bedroht, die meisten Tierarten, Insekten und Meeresbewohner, ja die Zivilisation und die Menschheit, dort wird selbstverständlich nicht auf Fachleute gehört, seien es nun Virologen oder Physiker, sondern zugunsten der Wirtschaft entschieden.  In Sprengers eigenen Worten: "Genau für solche Situationen gibt es Führungskräfte... Menschen, die sich schuldig machen - aus Sicht jener, die anders entschieden hätten... Die, spreche ich es aus, das Dilemma zwischen den Überlebensschancen der Alten und den Zukunftschancen der Jungen entscheiden. Und die - dies vor allem! - in der Inszenierung der Alternativlosigkeit nicht nur einen Anschlag auf die menschliche Intelligenz erkennen, sondern einen auf unsere Freiheit schlechthin." 

Tatsächlich, das Handeln nach Vernunft und Vorsicht ist nicht alternativlos! Man kann auch wissentlich defekte Flugzeuge in den Tod fliegen lassen, abgasmanipulierte Autos und giftige Pestizide vermarkten oder wider besseres Wissen Klimaleugner finanzieren. Dies zu unterbinden wäre wahrlich ein Anschlag auf unsere Freiheit. Das hören die Manager gern, die unsere Welt ruinieren. So wundert nicht, dass sich Reinhard Sprenger auf seiner Website damit rühmt, Beratungsmandate bei sämtlichen DAX-Konzernen in Deutschland gehabt zu haben. Die Resultate sind entsprechend, und die "Führungskräfte" werden ihn gut bezahlt haben. 


 

Freitag, 13. März 2020

Wissenschaftszensur bei der NZZ

Die Neue Zürcher Zeitung führt bekanntlich im Feuilleton eine peinliche Kampagne gegen die Klimawissenschaft mit inzwischen mindestens 22 Beiträgen von Nichtfachleuten, aber dort sind  Literaten unter sich, und so gilt: "Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun".

Neulich schrieb in der NZZ ein Kenner, nämlich Dr. Walter Hehl, ehemaliger Leiter des Kundencenters beim legendären IBM-Forschungslabor Rüschlikon, welches zwei Nobelpreise gewonnen hat. Dieser Mann mit grosser Erfahrung in  angewandter Technologie erwähnt unter dem Titel "Klimawandel - die Natur spielt mit" die fatalen Selbstverstärkungsmechanismen der Erwärmung, welche in den Voraussagen des Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC) ignoriert werden z.B:
  • Das Treibhausgas Methan steigt stark an, freigesetzt durch Erwärmung von Feuchtgebieten und Permafrost, durch Landwirtschaft und Fossilindustrie. 
  • Wolken, Eis und Schnee schwinden, dadurch steigt die Wärmeabsorption der Erde.
  • CO2-absorbierende Wälder und Savannen werden durch Wüsten ersetzt. 
  • U.s.w.
Hehl folgert, dass Klimapessimisten wie Jonathan Franzen nicht lächerlich seien, und dass "ein wenig Verzicht in den nächsten fünfzig Jahren" uns nicht retten werde. 


Waldbrand in Australien

Erfreut gratulierte und dankte ich dem Autor in einem kurzen mail mit der Hoffnung, dass auch die NZZ sich jetzt endlich einer faktenbasierten Diskussion stellen werde. Postwendend kam Antwort, dass in der darauffolgenden Woche noch ein zweiter Artikel über die Problematik von technologischen Massnahmen wie Carbon Capture geplant sei.

Verfrühte Freude. Wenige Tage später kam noch ein mail: Den zweiten Artikel werde die NZZ nicht drucken, er sei von der Wissenschaftsredaktion abgelehnt. Auch der erste Artikel sei von der Wissenschaftsredaktion abgelehnt worden. Nur wegen einer redaktionsinternen  Kommunikationspanne sei er erschienen: Hehl hatte den Artikel nicht nur der Wissenschaftsredaktion geschickt, sondern auch einem ihm bekannten Redaktor, der ihn ohne Rücksprache in den Druck gab und dafür von der Redaktion einen Verweis fasste.    

Ein Grund für die Ablehnung der Artikel ist nicht ersichtlich. Sie beleuchten offensichtliche Lücken der mainstream-Berichterstattung. Fehler können höchstens Details betreffen, die man leicht hätte beseitigen können. Und wenn 22 Schwätzer, die nichts verstehen, im Feuilleton schreiben dürfen, so müsste man doch einem Veteran der Schweizerischen angewandten Technologie ohne weiteres eine Plattform geben. 

Bekanntlich bemüht sich die NZZ mit Erfolg, im rechten Spektrum Deutschlands Leser zu fischen, und es mag sein, dass sie sich mit der verzerrten  Klimaberichterstattung bei der Deutschen AfD anbiedern will. Das ist beschämend und unschweizerisch. Und "Denn sie wissen nicht was sie tun" gilt jedenfalls nicht für eine Wissenschaftsredaktion. 







Montag, 9. März 2020

Brief an einen skeptischen Astrophysiker


Cartoon vom Seneca-Blog von Prof. Ugo Bardi (Mitglied des Clubs of Rome, Hauptblog hier: https://cassandralegacy.blogspot.com/)



Lieber Herr Doktor X.Y.,

Es hat mich sehr gefreut, Sie nach meinem Vortrag vom 7.3.2020 in Zürich zu treffen und mit Ihnen über Phänomene und ihre Interpretation zu diskutieren. Ich danke auch für das mail, das Sie mir danach geschrieben haben und in dem Sie sich bezüglich der Klimaerwärmung als Skeptiker bezeichnen, weil das Klima schon immer geändert habe und weil man nichts so genau wissen könne.   

Ja, die Physiker haben vornehmere Ansprüche an die Wahrheit, als wir Barfussmediziner es uns leisten dürfen. Ein Beispiel ist hier: https://www.unibe.ch/unibe/portal/content/e796/e800/e10902/e277579/e928408/files928428/up_179_s_10_beisbart_lam_ger.pdf – aber aus meiner Sicht ist solche Leisetreterei zum Haareraufen.

Vielleicht darf ich doch einmal erklären, wie Ärzte funktionieren:  

Als Arzt darf man nicht jedem Verdacht nachgehen. Es gibt dazu eine riesige begründende Literatur. Die Überlegung ist die: Wenn ich ohne Grund 100 Laborbestimmungen oder Röntgenbilder anordne werde ich wegen der Signifikanzregeln auch bei völlig Gesunden 5 abnorme Werte und  somit eine grosse Verwirrung erhalten. Die Maxime lautet deshalb: Man muss sich zu einem Verdacht und zu einer Abklärung zwingen lassen, dazu braucht es irgendeinen harten Befund: Fieber über eine Woche, ein Lymphknoten oder ein Husten, der nach 6 Wochen nicht verschwunden ist, oder Kopfschmerzen, die alles übertreffen, was man jemals gehabt hat. Erst dann klinkt man sich als Arzt ein, um das Medizin-Spiel zu spielen, dafür vollständig.

Zweitens ist ein Arzt rechtlich und gerichtlich verpflichtet, in jeder Situation an die schlimmste Möglichkeit denken.  Die zugehörigen Überlegungen hier: https://lukasfierz.blogspot.com/2019/11/klimapolitik-als-kunstfehler.html. Natürlich ist man philosophisch gesehen nie über etwas sicher. Aber wie mein Pathologielehrer Prof.E.Uehlinger uns instruiert hat «Was ein Mann ist, entscheidet sich», und dann handelt man danach und behandelt es z.B. wie Krebs. Auch ein Bergführer kann nicht in epistemologischem Agnostizismus verharren, er muss entscheiden und handeln.  

Jetzt haben wir ja schon einige Katastrophenmeldungen erlebt, neue Eiszeit, Waldsterben, Ozonloch etc. Die Nachrichten über die mögliche Klimaerwärmung sind in der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre auch zu uns Grünen gedrungen, und zwar vor allem durch die Atomlobby, die A-Werke verkaufen wollte, später durch Al Gore (der ja paradoxerweise die Wahl wegen Ralph Nader verloren hat). Ich dachte bis ca. 2005, dass ich ja nichts merke und man dann schon sehen werde, wie es laufe. Das heisst, ich befand mich im Agnostizismus-Modus des Arztes, der nicht auf jeden Verdacht reagiert, und in dem Sie offenbar noch sind. Das hat mich nicht daran gehindert, ab 1983 die Grünen mitzubegründen und einen Umbau des Steuersystems von der Arbeitsbesteuerung in Richtung Energiebesteuerung zu verlangen. Schliesslich kann man ja proaktiv handeln.

Meinen Agnostizismus verändert haben nicht Theorien, sondern direkte Beobachtung: Wir haben in Bern ein altes Haus mit einem kleinen Garten. Im letzten Jahrhundert hat man dort im Dachstock geschlafen. Das ist heute im Sommer nicht mehr möglich, es ist zu heiss. Im Garten wächst spontan ein Feigenbaum, der nicht hiehergehört, er hat auch Früchte. Winter mit Schnee, in denen man in der Stadt schlitteln kann, gibt es nicht mehr. Ich kann im Februar im Hemd radfahren, bei Wetter wie früher im April. Im Sommer muss man gewisse Bäume wässern, weil sie sonst sichtbar welken. Im Quartier sind in letzter Zeit mehrere 130 Jahre alte Bäume abgestorben oder vertrocknet. Aus diesen Erfahrungen und aus den Presseberichten im Guardian und anderswo schliesse ich, dass wir eine ganz wesentliche und sich beschleunigende Klimaerwärmung schon haben. Das hat nichts mit Computermodellen oder Rechnungen zu tun, sondern mit persönlicher Erfahrung am eigenen Leib.

Mein Physiker-Papa hat immer gesagt, man solle die unlogarithmierten Kurven ansehen. Wenn etwas sei, so werde man es schon sehen:  



Was mich an dieser Kurve der Julitemperaturen interessiert ist, dass sie nicht einen linearen Anstieg zeigt, sondern einen seit 1980 sich beschleunigenden.

Ich bin, wie gesagt, als Arzt rechtlich darauf verpflichtet, mich mit den schlimmstmöglichen Varianten auseinanderzusetzen. Ich höre von den Physikern, dass das CO2 und die Treibhausgase die Driver der Erwärmung sind. Ich kann das selber nicht beurteilen. Aber das wurde uns schon 1961 im universitären Botanikunterricht als Selbstverständlichkeit mitgeteilt, als noch niemand vom Klima redete. Ich glaube dem Tyndall, Arrhenius, Schellnhuber und seinen Kollegen. Die Gegner des Treibhauseffektes kann ich wenigstens psychopathologisch und als Politiker beurteilen, sie scheinen mir allesamt paranoid, gekauft, dilettantisch, oder senil, oder alles zusammen zu sein.

Auch dass die Treibhausgase steigen kann ich selber nicht beurteilen, aber wegen der Kohle- und Ölverbrennung scheint das self-evident. Ich weiss auch allerlei von der pionierhaften Berner Klima-Arbeitsgruppe: Prof. Houtermans habe ich in den Fünfzigerjahren noch persönlich gekannt, ein grosser Mann von derselben prophetischen Ausstrahlung wie C.G.Jung oder Sandor Veress. Mit Prof.Wanner habe ich korrespondiert, und auch Prof.Stocker bin ich einmal in einer medizinischen Situation begegnet, ohne zu wissen, was er macht, aber ich habe selten im Leben einen derart rasch, klar und intelligent denkenden Menschen gesehen. Auch den Erfinder der Klimageschichte Prof.Christian Pfister habe ich einmal zu gewissen Fragen interviewt. Das sind alles unaufgeregte Wissenschaftler, die mich sehr überzeugen. 

Prof.Oeschger hat nach dem zweiten Weltkrieg als Mitarbeiter von Houtermans die hochempfindliche Methode erfunden, mit der man das Alter von Eisblasen in Eisbohrkernen bestimmt. Er hat den Anstieg der CO2-Konzentration über Jahrzehnte auf 2 Prozent genau vorausgesagt https://www.unibe.ch/unibe/portal/content/e796/e800/e10902/e277579/e928408/files928429/up_179_s_14_grafiken_ger.pdf. Natürlich gebe ich Ihnen recht, wenn Sie sagen, dass das Klima immer geändert, und dass es auch früher Warmphasen gegeben habe. Aber dieser Einwand verliert an Gewicht, denn die Berner wiesen nach, dass die Geschwindigkeit des Temperaturanstieges jetzt so rasch ist wie noch nie, und dass die jetzige Warmphase global ist, im Gegensatz zu den früheren: https://www.unibe.ch/aktuell/medien/media_relations/medienmitteilungen/2019/medienmitteilungen_2019/klima_erwaermt_sich_so_schnell_wie_nie_in_den_letzten_2000_jahren/index_ger.html.   

Ich leite daraus ab, dass eine steigende Treibhausgaskonzentration eine sich beschleunigende globale Erwärmung verursacht hat und in aller Wahrscheinlichkeit weiter verursachen wird. Das ist die Arbeitshypothese. Was würde daraus folgen?

In der Medizin haben wir vor sich beschleunigenden Entwicklungen grosse Angst. Wenn Sie eine Hirnhautentzündung mit Meningokokken haben, so verdoppeln sich diese Bakterien alle 20-30 Minuten. Die Folge ist, dass es um Minuten geht. Jede Stunde, die man bis zum Beginn der Therapie verliert kostet einen ziemlichen Prozentsatz Menschenleben. Man wartet deshalb selbstverständlich nicht mit der Behandlung, bis die Diagnose feststeht, sondern behandelt die Möglichkeit und stoppt die Behandlung allenfalls, wenn die Diagnose nicht bestätigt wird. Wenn die Infusion mit den Antibiotica nicht spätestens eine Stunde nach Ankunft im Spital läuft (auch ohne sichere Diagnose!!!) ist das ein einklagbarer Kunstfehler. Diese proaktive Haltung vermisse ich beim Klimaproblem.

Ebenfalls grosse Angst haben wir in der Medizin vor positiven Rückkopplungen. Im Fall der Verengung der Klappe der Hauptschlagader können solche innert Sekunden zum Herztod führen: Jetzt hören wir, dass das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) mehrere bekannte Rückkopplungsfaktoren einfach gar nicht einrechnet. Das wundert nicht, denn das IPCC ist regierungsnah und regierungsnahe Organisationen bagatellisieren die Probleme grundsätzlich (siehe mein Bericht "Die Sumpfweid" in meinem Büchlein «Begegnungen mit dem Leibhaftigen», Tredition 2016):

  • Das IPCC rechnet nicht ein, dass die CO2-Konzentration weiter steigt. Das ist doch ziemlich elementar. Damit kriegen wir die 1,5 Grad global schon 2030 (nicht 2040, wie vom IPCC vorausgesagt).  Es hatte einen überzeugenden Artikel von drei Klimatologen darüber im Nature.
  • Das IPCC rechnet die verminderte Strahlungsreflexion durch Eis- und Schneeverlust nicht ein, auch das elementar. Ich sehe keinen Grund, den Voraussagen des führenden Eisexperten Wadhams (Buch "The End of Ice") nicht zu trauen, der meint, dass dadurch die Erwärmung bis 50 Prozent stärker ausfallen könne. 
  • Das IPCC rechnet die Methan-Freisetzung aus Feuchtgebieten und Permafrost nicht ein, obschon das Potential von Methan ja katastrophal ist. Zudem taut der Permafrost offenbar ca. 70 Jahre früher auf, als gedacht.
  • Die Grosswälder werden bald von CO2-Absorbenten zu Emittenten. 
  • Nach neuesten Modellrechnungen könnte die Wolkendecke der Erde abnehmen, was die Erwärmung auch befördert.

Ich komme zurück zu Ihrer Skepsis: Tatsächlich ist alles unsicher, aber überall, wo wir in den letzten Jahren mehr gelernt haben, als vorher, ist es schneller und schlimmer geworden. In meinem einfachen Medizinerverständnis sagt das IPCC nur die halbe Wahrheit, vernachlässigt die gefährlichen Rückkopplungen und es wird wahrscheinlich doppelt so schnell gehen, wenn nicht schneller (mehr dazu: https://lukasfierz.blogspot.com/2019/07/und-was-wenn-wir-uns-nicht-retten-konnen.html).

Darüber bin ich natürlich auch nicht sicher, aber diese Deutung scheint mir im Moment die wahrscheinlichste und die, an der man sich praktisch auszurichten hätte. Die meisten Berichte, Gremien und Spezialisten (IPCC, amerikanische Klimatologen, Schellnhuber, Tom Payne, Oxford) sprechen auch davon, dass irgendwann irreversible «Tipping points» auftreten können. Das war ja der Hauptgrund, wieso die Pariser Verträge die Erwärmung auf 1,5-2 Grad begrenzen wollten.  Schellnhuber hat uns ausgerechnet, dass die Eisschmelze den Meeresspiegel nicht nur um einige Meter sondern eine Grössenordnung mehr erhöhen könne. Das braucht Zeit, aber ich sehe auch keinen Grund, ihm nicht zu glauben.    

Wenn es nur das wäre: Wir hatten früher in jeder Wohnung Fliegen und Fliegenschisse an den Fenstern. Diese Fliegen gibt es seit Jahren nicht mehr. Wir hatten immer viele Spinnen im Haus, die Spinnen gibt es seit diesem Jahr nicht mehr. Autoscheiben waren früher im Sommer voll Insekten, das ist nicht mehr so. Das sind persönliche Erfahrungen, keine Theorien. Sie decken sich mit den Berichten darüber, dass wir die Bienen, Insekten, Singvögel etc. verlieren. Grössenordnungsmässig geht es für viele Arten nicht um Prozente sondern um ca. 50 Prozent und mehr, z.B. für die Bienen. Auch hier haben wir aus der Medizin Vorstellungen, die ich hier zusammengefasst habe: https://lukasfierz.blogspot.com/2019/05/wie-biosysteme-kippen.html. Das Fazit: wenn Symptome beginnen ist das oft nicht der Anfang, sondern das Ende des Krankheitsverlaufes.

Dieser Artenverlust hat teils mit Klima, teils mit Giften, aber vor allem auch mit Verlust von Lebensräumen zu tun, und dafür ist der Hauptdriver die Bevölkerungsvermehrung der Menschen. Das Thema ist durch die Gutmenschen und die Grünen tabuisiert und man wird als Faschist bezeichnet, wenn man es anspricht. Aber wenn die Umweltbelastung (U) sich aus ProKopf-Konsum (KK) mal Population (P), dividiert durch Effizienz der Produktion (E) zusammensetzt so ist es doch absurd, dass man den Faktor P nicht diskutieren darf. Das wäre wie wenn man bei e=mv2, die Masse oder die Geschwindigkeit nicht diskutieren bzw. variieren dürfte.    

Das IPCC sagt eine Temperaturerhöhung von 4-5 Grad bis 2100 voraus. Schon damit wird man an vielen Orten der Erde physisch nicht mehr leben können (wet bulb temperature). Die Nahrungsmittelproduktion wird dadurch limitiert. Rockström der neue Chef des Potsdam-Instituts ist nicht sicher, ob die Erde dann noch eine Milliarde Menschen ernähren können wird. Und vielleicht ist die IPCC-Prognose ja nur die halbe Wahrheit…

Die Klimajugend sieht den Puck nicht so, glaubt noch grossteils den Voraussagen des IPCC, glaubt an Klimagerechtigkeit und meint, etwas machen zu können.

Da man – wie Sie richtig sagen – ausser Alibimassnahmen nichts unternehmen wird, wird höchstwahrscheinlich alles in einer Apokalypse enden mit gegenseitigem Totschlagen, Verhungern und Seuchen (https://lukasfierz.blogspot.com/2019/09/die-fragilitat-von-menschenrechten-und.html). Es gibt mehrere Leute, die denken, dass das bald deutlich werden könnte (Bardi I, Franzen USA, Servigne F, Bendell UK, Scranton USA, Bringhurst und Zwicky CA, Andrew Glickson AU). Im übrigen genügt es ja, in den Mittleren Osten, nach Afrika oder nach Mittelamerika zu blicken, um den Beginn schon zu sehen. 

Mein 2006 verstorbener Vater, Physikprofessor an der ETH, der wie ich Ihnen erzählt habe sehr gut in Fermi-Rechnungen war, hat geschätzt, dass der Kollaps ab ca. 2020 beginnen werde. Er meinte, dass man sich in diesem Zeitpunkt natürlich um einige Jahre oder höchstens wenige Jahrzehnte täuschen könne. Aber wenn es einmal beginne, werde es aus mathematisch-physikalischen Gründen sehr rasch gehen (Jahre). Das deckt sich mit den Ansichten von Prof.Ugo Bardi, der das als «Seneca-Cliff» bezeichnet. 

Wenn ich berücksichtige, dass wir jetzt den wärmsten je gemessenen September, Oktober, Januar und Winter gehabt haben und dass Wälder grossflächig abbrennen, so könnte der zu erwartende Runaway tatsächlich begonnen haben, und mein Vater sogar noch recht behalten. Wenn das auch nicht sicher ist, so werden wir es in wenigen Jahren wissen.  

Gescheiter wäre es, Einkindfamilien zu haben, das Fliegen und das Autofahren einzustellen, alle Häuser auf Nullenergie zu isolieren, und die Wirtschaft auf Sustainability und Degrowth
auszurichten. Damit könnte man sofort beginnen und dann hätten wir vielleicht noch eine Chance. Aber seit 40 Jahren geschieht nichts, Presse, Ingenieurvereinigungen, Wirtschaftsführer faseln weiter von Wachstum, SUVs werden verkauft, Autobahnen und Flughäfen werden ausgebaut, die Wissenschaftler üben sich in vornehmem Agnostizismus, wollen weiter forschen, weil man nicht genug wisse, und die NZZ publiziert einen bagatellisierenden Artikel nach dem anderen: https://lukasfierz.blogspot.com/2019/09/nzz-gegen-wissenschaft.html .  

Mit freundlichen Grüssen

Lukas Fierz

Donnerstag, 5. März 2020

Die Prometheische Illusion

Neulich hat der Deutschlandfunk die Geigerin Patricia Kopatchinskaja (1,2) und andere Musiker angefragt, einen Brief an Ludwig van Beethoven zu schreiben. Mit ihrer Erlaubnis drucken und kommentieren wir ihren Brief hier:

Lieber Ludwig,

Du Titan und Schöpfer unter den Menschen. Wir, die Bürger der freien Republiken, haben Dich als Gipfel aller Monumente in unseren Konzertsäle und auf unzähligen Konserven unwiderruflich einbetoniert. Niederkniend vor Deiner Musik repetieren wir sie wie ein Mantra. Oh Du Leuchtturm, der alle erblinden lässt!

Man fürchtete Dich, aber längstens bist Du totgespielt, mit Lorbeer bekränzt, eingereiht im Friedhof unserer großartigen Vergangenheit.

Prometheus war die Hoffnung Deiner Zeit, Sinnbild von Erfindungsdrang und Emanzipation der Menschen aus Untertanen- und Gottesgnadentum, Sinnbild für Herrschaft von Vernunft und Menschenrechten. Er war Dein Held.


Wir, die Menschen aus Lehm, die anfangs so dumm und fühllos waren, uns hast Du das den Göttern geraubte Feuer gebracht, von Musen und Apoll lernten wir Musik und Tanz, Vernunft und Einsicht auf dem Parnass. Und Melpomene, die Muse des Trauerspiels, lehrte uns wie der Tod die Tage der Menschen beendet.

Und willst Du wissen, wie es mit uns, den Geschöpfen des Prometheus weitergegangen ist? Wir waren fleißig und fruchtbar und haben uns zur Unzahl vermehrt. Wir haben die uns gelehrte Vernunft benutzt, um das uns geschenkte Feuer einzusetzen für Wärme, Kraft, Komfort und Überfluss der Neuzeit. Nichts ist genug. Die Natur wird erwürgt. Auch unserer Vernunft ist nicht genug, der Einsicht zu folgen, dass Feuer immer weiter Feuer gebiert, von Kalifornien, Australien, Sibirien, bis zur Arktis, bis Feuer die Hoffnung und die Tage der Menschheit beschließt.

Und wir sehen ein, Prometheus und wir, seine Geschöpfe, die meinten, des Zeus nicht achten zu müssen, wir waren doch keine Götter. War der Feuerbringer wirklich der Titan Prometheus oder nicht eher eine Ausgeburt der Hölle, Lucifer?

Hahaha-Haaa...

Liebe Grüße ins Jenseits

Patricia Kopatchinskaja



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Hier liest Patricia ihren Brief (Bild anclicken für Audio): 


Und hier noch etwas Hintergrund:  

Johann Wolfgang von Goethe schrieb sein Gedicht "Prometheus" zwischen 1772 und 1774, er war in seinen frühen Zwanzigerjahren. Dieses Gedicht fasst die Hoffnungen einer Epoche zusammen: Prometheus der revolutionäre Titan achtet der Götter nicht, indem er sein Schicksal in die eigene Hand nimmt und nach seinem eigenen unabhängigen Bild menschliche Geschöpfe schafft, vermeinend, damit Zeus und die Götter als unbedeutende Fussnote der Geschichte hinter sich zu lassen. 

Hier ist die unsterbliche Rezitation von Alexander Moissi (1912): 



Und so lautet das Gedicht: 


Prometheus


Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn!
Mußt mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.
Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn als euch Götter.
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.
Da ich ein Kind war,
Nicht wußte, wo aus, wo ein,
Kehrte mein verirrtes Aug
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.
Wer half mir wider
Der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du's nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest, jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden dadroben?
Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herren und deine?
Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen-
Blütenträume reiften?
Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich.
Bald danach kam die Französische Revolution. Ihr erster Konsul - Napoleon Buonaparte - wurde von vielen als der moderne Prometheus angesehen, der die von Kirche und Königen geknebelte Menschheit mit neuen Gesetzen in eine emanzipierte Zukunft führen werde. 
   
Damals schrieb Beethoven die Musik für das Ballett "Die Geschöpfe des Prometheus" (1801), welches solche Ideen auf die Bühne stellte, so wie in Patricias Brief beschrieben. Material aus dieser Bühnenmusik wird später in fast allen Symphonien Beethovens wieder auftauchen, vor allem in der "Eroica" (1802/3), welche ursprünglich Buonaparte gewidmet war. Als sich allerdings Napoleon unbescheidenerweise selber zum Kaiser krönte (1804) kratzte Beethoven die handschriftliche Widmung von seinem Manuskript weg. Allerdings kann die "Eroica" immer noch als eine Art Prometheus-Symphonie verstanden werden. Und das gesamte Werk Beethovens, bis zu seiner Neunten Symphonie, verkörpert seine (und unsere) Hoffnung auf eine aufgeklärte und humanistische Welt. 

Und jetzt, ein Vierteljahrtausend nach Beethovens Geburtstag, feiert und bestätigt einstimmiger und unendlicher Jubel Beethovens überragende Grösse für Menschheit und Menschlichkeit, das ganze auch eine Selbstbeglückwünschung zu unserem Fortschritt unter den Beethovenschen Idealen. Wenn auch ein Teil dieses Jubels seine Berechtigung haben mag, so bleiben Skepsis und sogar Sorge, z.B. hat Wreblowski (3) gewisse Zweifel bezüglich der Natur von Prometheus diskutiert. Im Rückblick auf die zwischenzeitliche Entwicklung fühlte sich Patricia Kopatchinskaja veranlasst, diese Sorgen in ihrem Brief zu artikulieren.

Weitere Angaben: 

(1) Patricias Website: https://www.patriciakopatchinskaja.com/
(2) Patricias Facebook: https://www.facebook.com/patriciakopatchinskaja/
(3) Z.Wreblowski:Lucifer and Prometheus, Routledge and Kegan Paul Ltd,1952,IBSN 0415-20948-X

Montag, 17. Februar 2020

The Promethean Illusion

Recently Deutschlandfunk asked the violinist Patricia Kopatchinskaja (1,2) to write a letter to Beethoven. With her permission we reprint her letter here:

Dear Ludwig,

You titan and creator among men. We, the citizens of the free republics, have irrevocably cast you as the top of all monuments in our concert halls and on countless recordings. Kneeling before your music, we repeat it like a mantra. Oh you lighthouse that that blinds everyone!

You were feared, but in the meantime you have almost been played to death, wreathed with laurel, and safely placed in the cemetery of our glorious past.

Prometheus was the hope of your time, symbol of invention and of emancipation from the tyranny of church and kings, symbol of the rule of reason and human rights. It was Prometheus who stole the fire from the Gods and brought it down to earth. He was your hero.

We, the creatures made by Prometheus out of clay, we were so stupid and numb at first, but you brought us to Parnassus, where from the Muses and Apollo we learned music and dance, reason and insight. And Melpomene, the muse of tragedy, taught us how death ends people's days.


Do you want to know what has happened to us, to thy creatures of Prometheus?


We were hardworking and fruitful and have procreated innumerably. We have used the reason taught to us to use your fire for warmth, force, comfort and the affluence of modern times. Nothing is enough. Nature is strangled. Nor is our reason sufficient to follow the insight that fire continues to give birth to fire, from California, Australia, Siberia, up into the Arctic, until fire will end the hopes and days of mankind.

And we finally have to realise that Prometheus and we, his creatures who thought that we did not have to respect Zeus, we were not gods. And was the bringer of fire really the titan Prometheus or was it not rather a creature from hell - Lucifer?

Greetings into afterlife!

Patricia Kopatchinskaja

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Hear Patricia read the letter in German (click picture for audio): 




And now, if you allow for some background: 

Johann Wolfgang von Goethe wrote the poem "Prometheus" between 1772 and 1774, then being in his early twenties. This poem sums up the hope of an epoch: Prometheus the revolutionary titan disregards the gods by taking his fate in his own hands and by creating mankind after his own independent image, leaving Zeus and the gods behind as supposedly irrelevant footnotes to history.

Here is the immortal recitation by Alexander Moissi (in German, 1912): 



And here the poem in English:

Prometheus
Cover your heaven, Zeus,
With cloudy vapours,
And test your strength, like a boy
Beheading thistles,
On oaks and mountain peaks;
Yet you must leave
My earth alone,
And my hut you did not build,
And my hearth,
Whose fire
You envy me.
I know nothing more paltry
Beneath the sun than you, gods!
Meagrely you nourish
Your majesty
On levied offerings
And the breath of prayer,
And would starve, were
Not children and beggars
Optimistic fools.
When I was a child,
Not knowing which way to turn,
I raise my misguided eyes
To the sun, as if above it there were
An ear to hear my lament,
A heart like mine,
To pity me in my anguish.
Who helped me
Withstand the Titans’ insolence?
Who saved me from death
And slavery?
Did you not accomplish all this yourself,
Sacred glowing heart?
And did you not – young, innocent,
Deceived – glow with gratitude for your deliverance
To that slumber in the skies?
I honour you? Why?
Did you ever soothe the anguish
That weighed me down?
Did you ever dry my tears
When I was terrified?
Was I not forged into manhood
By all-powerful Time
And everlasting Fate,
My masters and yours?
Did you suppose
I should hate life,
Flee into the wilderness,
Because not all
My blossoming dreams bore fruit?
Here I sit, making men
In my own image,
A race that shall be like me,
That shall suffer, weep,
Know joy and delight,
And ignore you
As I do!
(Translation by Richard Stokes, author of The Book of Lieder, Faber, 2005) 

Soon afterwards came the French Revolution. Its first Consul - Napoleon Buonaparte - was then considered by many as the New Prometheus who by creating modern laws led mankind out of serfdom under kings and church into an emancipated future. 

It was then that Beethoven wrote the music for the Ballet "The creatures of Prometheus" (1801) which put such ideas on stage in the form outlined by Patricias letter. Material from this music would reappear in all his symphonies, especially in the Eroica (1802-03) originally dedicated to Buonaparte. However, when Napoleon immodestly crowned himself to be emperor (1804) Beethoven erased his handwritten dedication from the manuscript. But one still 
can understand the Eroica as a sort of Promethean symphony. And the whole work of Beethoven up to his ninth symphony sums up his (and our) hope for an enlightened and humanistic world. 

And now a quarter of a millenium after Beethovens birthday there reigns unanimous and unending exuberance of praise, affirming and confirming Beethovens towering greatness for humankind and humanity, the whole being also somehow selfgratulatory for our own human progress made under the Beethovenian ideals. But while much of this praise may be justified there remains some scepticism and even sorrow, e.g. there are some doubts concerning the nature of Prometheus  as discussed by Wreblowski (3). With the benefit of hindsight Patricia felt compelled to articulate these concerns in her letter.

Samstag, 8. Februar 2020

How biosystems tip over

(Translation of "Wie Biosysteme kippen" first published on Infosperber May 15, 2019, updated April 26, 2020)

In nature we observe various signs of illness. These signs have been slowly increasing for years and decades, therefore we have to speak of chronic illness: bees, bumblebees, insects and birds disappearing, loss of fish and plankton, coral bleaching, loss of species in land, sea and air.

One could naively think that this isn't so bad because it has only just started, and because it hasn't been that long, and because not everything is dead yet.

Coming from medicine, you see it differently: In chronic disease, the first symptoms and signs often do not signal the beginning of the disease process, but the beginning of the end, the last act:

Take the alcoholic who by drinking for decades has acquired a cirrhosis of the liver. And now he's getting a water belly for the first time. As our pathology teacher Prof. Uehlinger (1899-1980) used to say, this first symptom does not signal a beginning of his cirrhosis, which was already there for a long time, but it rather raises the curtain on the last act: If the patient continues to drink, the end will be a matter of years, not anymore decades.

Its the same with chronic kidney failure e.g. through renal shrinkage. One kidney or half of the kidney function can be lost without noticing anything. The organism has a safety reserve. Prof. Uehlinger used to ask how much could be lost without noticing much and gave the answer himself: You can actually say 80 percent for many organs.

The situation with the lungs is similar. Loss of one lung is not noticeable in everyday life. Lung damage in smokers is not noticeable during the first decades, and if you finally become short of breath, you know that this is the last act. Only since we can measure airway resistance do we know that lung damage begins in the first years of smoking. It remains unnoticed because it can be compensated.

Diseases such as high blood pressure or heart valve defects can also be compensated for decades without symptoms, and when symptoms occur you often are already at an advanced stage. With narrowing of the aortic valve (the valve of the main artery), cardiac death can even occur within seconds out of apparent health because of fatal feedbacks.

In each of these chronic processes, the biological system first mobilizes its sometimes considerable compensatory resources. The apparent state of health is the result of disturbance and biological compensation. Disease symptoms depend on the failure of the various adjustments. If symptoms once occur then the tipping can go quickly.

We can transfer this view to sick nature: If the bees die away or cannot find their way back to the hive due to orientation disorders, this is not the beginning of a development, but the end. Bees have been poisoned by insecticides and pesticides for decades. Each of these poisons has been individually tested and has been declared "harmless" by industry, by testing agencies and politically controlled agencies. But the combination of all these poisons, this whole poison cocktail that works together in nature is completely untested. And the real test is not in the laboratory, but in nature: If the bees start to die away, it could mean that they have been poisoned for a long time, that their existing defense and detoxification mechanisms are no longer sufficient and, above all, that their surviving comrades are also acutely endangered.

I talked to a fourth grade elementary school pupil how we had lost half of the bees in the past few decades and then asked how long we could go on like this. His answer: "Not long anymore". How long will it take before politicians come to this clear and simple conclusion?

As a physician, I feel that the observed extinction of species is not the beginning of a development, but the raising of the curtain on the last act, where nature will be strangled. A new paper in Nature comes to the same conclusion, things could already get nasty by 2040.

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