Montag, 13. Januar 2020

Ist der Mensch gut? (I)

Gutachtenpatienten habe ich immer um 10 Uhr oder 10.30 Uhr bestellt und Zeit reserviert bis Mittag. Da konnte man nötigenfalls noch in die Mittagspause arbeiten, ohne Zeitdruck.

Angemeldet war dieser höfliche, ja freundliche ältere Herr wegen Schleudertrauma. Er war auffallend klein, etwas beleibt. Er hatte eine Glatze, etwas abstehende, grosse Ohren und trug einen eleganten grauen Anzug. Zwar sprach er Schweizer Dialekt, aber etwas getragen, singend, mit hochdeutschem Akzent und rollendem R. Trotz seiner Kleinheit strahlte er heitere Selbstsicherheit und Überlegenheit aus. Er war der Patron einer grossen Firma.
Medizinisch war die Sache klar und weiter nicht interessant. Aber man protokollierte halt die Geschichte und machte die Untersuchung, bei der man meist ausser einem steifen Nacken nichts fand. 
Jetzt sitzt er vor mir auf der Untersuchungscouch und ich prüfe mit dem Hammer die Sehnenreflexe, rechts, links, alle vorhanden und ganz seitengleich. Aber was ist das hier auf dem linken Vorderarm? Bläulich, eine Nummer, eine tätowierte Nummer, etwas schwierig zu lesen, aber doch, 178453... Man weiss - solche Nummern hatte ich schon zweimal gesehen - solche tätowierten Nummern gab es nur in Auschwitz. Ich fragte vorsichtig, was das sei, und er bestätigte, Auschwitz... Ich beendete die Untersuchung, die Geschichte hatte ich notiert, es war nichts mehr zu tun. Aber dieser Mann wusste mehr als wir... ich musste mehr über ihn herausfinden...
Er hatte sich wieder angezogen und kam aus dem Untersuchungszimmer. Ich sagte ihm, wir seien fertig, ich hätte alles was ich brauche... aber... also... das wisse er ja selber... wir Friedenskinder hätten ja keine Ahnung,...  ob er mir vielleicht über seine Erfahrungen erzählen wolle… er müsse natürlich nicht, es sei nur für mein persönliches Interesse... Ohne gross zu überlegen meinte er ganz liebenswürdig, das könne er schon machen, setzte sich und fügte an, er gehe sowieso ab und zu in die Schulen, um den Kindern über die damalige Zeit zu berichten. Das sei eine Pflicht. 
Was solle er sagen, er stamme aus Polen, seine Eltern seien arme Bauern gewesen, rechtgläubige Juden, er habe neun Geschwister gehabt. Es habe in Polen schon in den Dreissigerjahren Antisemitismus gegeben, für ihn habe das geheissen, dass er von seinen Mitschülern jeden Tag verprügelt worden sei, und zwar, weil er Jesus ermordet habe, so ein Schwachsinn – nach 2000 Jahren...
Sein Vater habe darauf bestanden, dass alle seine Kinder Englisch lernten, man könne nie wissen... Daneben habe er Hebräisch, und in der Synagoge die ganze jüdische Tradition gelernt, die Gebete und die heiligen Texte. Nach der Schule habe man ihn in eine Uhrmacherlehre gesteckt. Aber schon bald war für einen Juden Schluss mit Uhrmacherlehre, denn 1939 marschierte Hitler in Polen ein. So sei er mit dreizehn Jahren ins Ghetto von Krakau gekommen. Irgendwie habe er dort überlebt, immer mit Hunger. Seit damals sei er nicht mehr gewachsen. 1943 habe man ihn nach Auschwitz deportiert, - Rampe, Tätowierung, gestreifte Kleider, stundenlange Appelle, Kälte, harte Arbeit, man weiss.
Aber eigentlich sei er erleichtert gewesen, endlich im Konzentrationslager zu sein. Da habe man wenigstens gewusst, woran man sei. Er schaute mich direkt an und fuhr fort, er habe das eben als Aufgabe aufgefasst: Das war jetzt das Spiel, das es zu spielen galt... Sein Vorteil sei gewesen, dass er so jung gewesen sei. Er habe nicht viel anderes gekannt und sich deshalb besser darauf einstellen können, als die Erwachsenen. Vorher, im Ghetto, dauernd auf der Hut, dauernd in Angst vor der nächsten Razzia, vor der nächsten Selektion, oft versteckt, dauernd auf der Suche nach Essbarem und jede Minute in Ungewissheit, das sei viel schlimmer gewesen. 
Das Konzentrationslager habe er nur mit unglaublich viel Glück überlebt. Wie viele Male sei sein Überleben an einem Fädchen gehangen. Einmal zum Beispiel hätten die Wachen zwei Pflöcke drei Meter voneinander entfernt in den Boden rammen lassen. Daran wurde eine Querlatte befestigt, 140 Centimeter über dem Boden. Dann habe man alle Jugendlichen versammelt und durch dieses Tor getrieben. Diejenigen, welche die Querlatte mit dem Kopf erreichten oder überragten seien direkt ins Gas gekommen. Sein Glück sei gewesen, dass er durch den dauernden Hunger im Wachstum zurückgeblieben war. So sei er nicht ins Gas gekommen. Durch seine Kleinheit hätten ihm auch die kargen Essensrationen etwas besser gereicht. 
Seiner Mutter sei es irgendwie gelungen, ihm Uhrmacherwerkzeuge ins Lager schmuggeln zu lassen. Damit habe er manchmal Uhren reparieren und sich eine kleine Zusatzration verdienen können. So seien seine Kleinheit und seine Uhrmacherkunst seine Rettung geworden.
Zur Arbeit hätten sie in Viererkolonnen aus dem Lager hinaus und danach zurückmarschieren müssen. Besonders am Sabbat, aber oft auch sonst habe er auf diesen Märschen die rituellen jüdischen Gebete, Psalmen und Verse vor sich hingemurmelt, ganz leise, höchstens für die Nachbarn zur rechten und zur linken hörbar, aber nicht für die Wachen. Wie froh sei er gewesen, dass er sie alle auswendig gekannt habe, diese Verse, die für ihn enorm wichtig gewesen seien, als Protest und als Selbstbehauptung, das habe ihm und vielen anderen immer wieder Kraft zum Durchhalten gegeben. 
Beim Anrücken der Roten Armee Anfang 1945 sei Auschwitz evakuiert worden mit den Todesmärschen nach Buchenwald, vorbei an den Leichen derer, die nicht mehr weitergekommen waren, die beidseits der Strasse lagen, erschossen, erfroren, erschlagen im blutigen Schnee.  
In all den Jahren im Ghetto und im Konzentrationslager habe er nicht ein einziges Mal geweint, egal, was man ihnen angetan habe. Und dann an einem Frühlingstag sei plötzlich Militärfahrzeuge aufgefahren vor Buchenwald, auf ihnen ein weisser Stern. Die KZ-Wachen seien plötzlich nicht mehr dagewesen und amerikanische Soldaten seien hin- und hergegangen. Und sie, die Gefangenen hätten sich hinter dem Stacheldrahtzaun gedrängt, geschaut und gewusst, das ist das Ende unseres Leidens, die Befreiung. In diesem Moment erst hätten ihn die Tränen überwältigt und er habe lange geheult. 
Nach der Befreiung habe man bei ihm Typhus und eine offene Lungentuberkulose festgestellt. Er habe noch 29 Kilogramm gewogen. Er sei zur Kur nach Seldwyla gebracht worden, ja in die Sumpfweid, so habe doch das Spital geheissen, und dann in die Berge. Wieder ein Glück, dass er so klein gewesen sei, denn nur so sei er in diesen Rotkreuz-Kindertransport gekommen. Man habe allerdings sein Geburtsdatum von 1923 auf 1926 verschieben müssen, sonst hätte man ihn nicht mitgenommen. Ebenfalls zu seinem Glück sei soeben das Streptomycin verfügbar geworden, das erste wirksame Medikament gegen die Tuberkulose. Ohne seine Kleinheit und ohne Streptomycin wäre er einmal mehr kläglich eingegangen, diesmal an Tuberkulose. 
Nach der Heilung sei er in eine Uhrenfabrik im Norden der Schweiz gekommen, dort konnte er die Uhrmacherlehre abschliessen und später in dieser Fabrik arbeiten. Ja und dort habe er halt zugeschaut und immer wieder denken müssen, dass die ihre Arbeit ja auf eine ganz dumme Art und Weise machten. Dies und das hätte man besser machen können, oder jenes, wenn man sich nur etwas überlegt hätte... 
"Da habe ich eben angefangen, zu erfinden". Eine Erfindung nach der anderen. Jetzt besitze er ein Portfolio von zwanzig Patenten. Und dazu eine eigene Fabrik mit über hundert Angestellten. In dieser Fabrik sei er alles in einem: Entwicklungschef, Personalchef, Produktionschef, Finanzchef, Verkaufschef, eigentlich Vater und Mutter und alles zugleich. 
Unter den vielen Patenten und Produkten sei das wichtigste ein Gerät zum Ölen von Uhren. An jedem Uhrenlager müsse ein winziges, kaum sichtbares Tröpfchen Öl abgesetzt werden. Wenn zu wenig Öl vorhanden sei, so gehe das Lager kaputt und die Uhr bleibe stehen. Wenn zu viel vorhanden sei, so laufe das Öl in der Uhr herum und beschädige andere Bestandteile. Beidemale entstehe für die Fabrik ein teurer Garantiefall, den es zu vermeiden gelte. So habe er einen Apparat erfunden, der an jedem Uhrenlager genau die richtige Menge Öl absetze. Ein Tropfen Öl reiche diesem Apparat für drei Jahre! Ja, sparen und einteilen lerne man schon im Konzentrationslager. Er produziere diesen Apparat selber in seiner Fabrik, er habe Abnehmer in der halben Welt. 
Dann habe Philips die Kassettenrecorder auf den Markt gebracht. Dort bestehe genau dasselbe Problem mit dem Öl, nur seien die Masse und die Mengen zehnmal grösser. Da habe er eben seinen Apparat entsprechend vergrössert und an die Kassettenrecorderfabriken verkauft. 
Er reise sehr viel, auch den Verkauf mache er selber. Sein Markt umfasse ganz Europa, Osteuropa und Japan. Ja, Amerika fehle - aber seine Kraft habe dafür nicht mehr gereicht. Wenn er jünger gewesen wäre, dann hätte er dieses Land wohl auch erobert. Aber jetzt müssten die halt ohne seine Maschinen auskommen...
Dieser kleine Mann hatte nur eine Grundschule besucht. Die Zeit, die andere in Oberstufe und Lehre verbringen hatte er im Ghetto, im Konzentrationslager und im Tuberkulosesanatorium verloren. Und jetzt diese Karriere. Ein Triumph des Geistes über die widrigsten Umstände. 
Was er mir bis jetzt über die Konzentrationslager erzählt hatte wusste man ja im Grunde schon. Und seine so eindrückliche Biographie als Erfinder und Unternehmer war eigentlich auch nicht das, was ich von ihm wissen wollte. Ich brauchte ihn als Experten. 
Es war damals die Zeit, wo die Nachachtundsechziger-Generation die Institutionen durchwanderte, wo eine neue Zeit die Koordinatensysteme veränderte. Feministische Theologinnen predigten weibliche Werte und die Verweiblichung, wenn nicht gar Abschaffung des Mannes. Friedensforscher wiesen nach, dass es Aggressivität im Grunde genommen gar nicht gebe, wenn man nur die Armeen abschaffe. Soziologen, Politologen und Philosophen produzierten Abhandlungen über reflexive Modernisierungsprozesse, über Sosein, Nichtanderssein und Bedingtheiten, Abhandlungen denen ich nicht entnehmen konnte, was jetzt gemeint sei. Grüne sahen eine Mission darin, die Menschen zum Frieden mit der Natur und untereinander zu bringen. Ihnen schlossen such alte Marxisten an: Wenn schon die Diktatur des Proletariats nicht mehr möglich war, sollten sich andere Mittel und Wege finden, das Volk zu seinem Glück zu zwingen. Die gemeinsame Prämisse dieser Bestrebungen war, dass der Mensch eigentlich gut sei, wenn man ihn nur lasse, dazu bringe oder zwinge. 
Dieser Weltsicht stand ich etwas ratlos gegenüber als einer, der im Weltkrieg die Sirenen gehört hatte, der bei Fliegeralarm in Basel noch mit dem Kindermädchen in Kellereingänge flüchten musste; als einer, der Luftschutzkeller, Rationierung von Heizung und Nahrung, Kälte und Hunger miterlebt hatte; als einer, der in Presse und Wochenschauen mitangesehen hatte, wie sich 1956 die Studenten in Budapest mit primitiven Molotowcocktails den Russischen Panzern entgegengeworfen hatten, zuerst erfolgreich, um dann doch niedergewalzt zu werden; als einer, der erlebt hatte, wie der Tschechische Versuch eines Sozialismus mit menschlichem Gesicht des Alexander Dubcek von den gleichen russischen Panzern zerquetscht wurde; als einer, der damals einer tschechischen Flüchtlingsfamilie monatelang Unterschlupf in der eigenen Wohnung gewährt hatte. Als so einer konnte ich dem jetzt immer allgemeingültigeren Friedensdiskurs nicht trauen. 
Unsere ältere Generation vor den Achtundsechzigern war in ihrer Jugend überzeugt, dass ein rechter Mann die Pflicht habe, eine Waffe zu beherrschen und in der Armee zu dienen. Wir wollten nicht nur Molotowcocktails haben, wenn man sich denn wehren müsse, sondern Panzerabwehrraketen. Wir leisteten den Militärdienst mit Überzeugung, so grenzenlos stupid er auch organisiert war. Erst nach unserer Zeit drängten sich die jungen Leute in angeblicher Gewissensnot in den Zivildienst. Erst nach unserer Zeit gab es in jeder Rekrutenschule die weinenden Rekruten, welche die Idee, dass eine Waffe - ihre Waffe - töten könnte nicht mehr aushielten. Wir hatten das alles noch nicht gekannt.
Ich hielt es eher mit dem seherhaften Schweizer Dichter Friedrich Dürrenmatt, der den Menschen als "Raubaffen" definiert hatte. Da war alles drin: Primitivität, Egoismus, Ungerechtigkeit, Geschicklichkeit und Gewalt. 
Und so musste ich von meinem Experten vor allem eines wissen: Was war seine Ansicht? War der Mensch gut?
Er reagierte, wie wenn er nicht richtig verstanden hätte? Wie bitte? Ja eben, wiederhole ich, ist der Mensch gut? Er schaute mich an, wie wenn ich ihn gefragt hätte, ob der Mensch zwei Nasen habe, oder ob der Mond aus Käse sei... Dann sagte er sehr bestimmt und fast unwirsch: Aber selbstverständlich nicht, der Mensch ist überhaupt nicht gut. Wie ich auf so eine Idee komme?... Es komme nur auf die Bedingungen an. Wenn es ums Verhungern ging, im Ghetto, habe man sich wegen eines halben Brotstückes totgeschlagen…
Dann fragte ich ihn, ob das Hitler-Regime eine spezifisch deutsche Erscheinung sei, ob es einer besonderen Bosheit dieses Volkes entsprungen sei?... Wiederum ohne Zögern eine sehr bestimmte Antwort: Aber nein, die Deutschen haben einfach Pech gehabt. Das kann jederzeit und überall wieder passieren.
Aufgrund dieser Überzeugung habe er nicht die geringste Schwierigkeit, sich in Deutschland zu bewegen oder dort Geschäfte zu machen. Was er erlebt habe, nehme er keinem Deutschen persönlich übel.
Ich fragte dann weiter nach Verteidigungsfähigkeit und Armee. Ob er diese eher ablehne oder eher unterstütze. Darauf er: Wo denken Sie hin, ich habe jahrelang in Israel gelebt, ohne Armee ist das dort nicht möglich. Aber jetzt sei er schon Jahrzehnte in der Schweiz. Nur könne man auch hier nie sicher sein. Unrecht, Gewalt und Not könnten jederzeit und überall wieder ausbrechen. Selbstverständlich müsse man sich zu wehren wissen. Soweit mein Experte.
Ja, und selbstverständlich werden es jetzt sehr viele besser wissen: Alle die Sonntagsredner, die Bewegten, Milden, Klugen, die mit den weiten Herzen und mit dem alles verstehenden, einfühlsamen Blick. 
Aber wer von diesen allen, bitteschön, hat den Teufel nicht nur gesehen, sondern am eigenen Leib im Massstab eins zu eins erlebt?
Ich glaube meinem Experten.

Sonntag, 12. Januar 2020

Ist der Mensch gut? (II)

(Kapitel aus Lukas Fierz "Begegnungen mit dem Leibhaftigen", Tredition 2016)

Wer sich abartig benimmt oder sich gefährdet kommt ins Irrenhaus. Die Insassen sagen dem Spinnwinde. Wer stiehlt, vergewaltigt oder mordet kommt ins Gefängnis oder ins Zuchthaus. Dem sagen sie Knast oder Kiste.

Wer lange in der Kiste war muss erneut lernen, sich in Freiheit zu bewegen, mit Geld umzugehen oder mit der Strassenbahn zu fahren. Und nach Jahren in Sträflingskleidung braucht er Zivilkleider. Vier Wochen vor der Entlassung verlegt man ihn deshalb vom Knast in die Spinnwinde. In die offene Abteilung natürlich. Er kann an Beschäftigungstherapien teilnehmen, oder halbtags ein- und ausgehen, wie er will.

Krank sind die nicht und die Strafe haben sie verbüsst. Als junger Assistenzarzt in diesem Irrenhaus hatte ich eigentlich nicht viel mit ihnen zu tun. Immerhin, in einer medizinischen Institution gibt es Rituale - Ordnung muss sein: Der Arzt muss begrüssen, er studiert Gerichtsurteil, Führungsberichte und Akten, er macht ein ausführliches Aufnahmegespräch, pro forma auch eine körperliche Untersuchung. Und täglich Arztvisite.

Um zu zeigen, wie das so geht können wir den Fall von Rüegsegger nehmen: Ein gutaussehender, sauber rasierter Mittvierziger mit markantem Gesicht, sonnengebräunt und muskulös. Typus bäuerlicher Heimatfilm. Für einen Mann eigentlich das beste Alter. Bei der Begrüssung eine raumfüllende Ausstrahlung, durchaus einnehmend. Ein Händedruck wie ein Schraubstock. "Schön, Sie kennenzulernen Herr Doktor". "Jawoll, es ist gut hier Herr Doktor", "Ich sehe das positiv Herr Doktor"... Rüegsegger arbeitet in der Gartengruppe. Wenn man dort vorbeikommt ertönt sein markiges "Tag Herr Doktor". Der Aufseher der Gartengruppe berichtet, dieser Mann könne wirklich anpacken. Der sei tüchtiger als drei andere zusammen. Und was für eine positive Einstellung. Tatsächlich, wenn man ihn fürs Gespräch oder die Untersuchung bittet kommt sofort das markig-metallische "Jawoll Herr Doktor, machen wir gern Herr Doktor". Das muss man dem Knast lassen, die lernen gehorchen.



Die psychiatrische Klinik, wo sich das abgespielt hat.

In den Akten hervorragender Führungsbericht. Nicht die geringsten Probleme im Zuchthaus. Eine voll positive Entwicklung. Da habe einer seinen Weg gefunden schreibt der Direktor.

Der Rüegsegger war ein Berufsmann, hatte Schreiner oder Elektriker gelernt, ich erinnere das nicht mehr genau. Jedenfalls positiv, kein Versager. Machte auch Militärdienst bei der Infanterie.

Der nächste Lebensschritt war die Heirat. Und Rüegsegger heiratete mit 23 Jahren, wie es sich gehört. Nur, irgendwie war das jetzt nicht so positiv. Die gute Frau nervte, es gab Auseinandersetzungen. Und nach drei Jahren nahm Rüegsegger seinen militärischen Karabiner und erschoss die Frau.

Das Gericht beugte sich über den Fall. Heftige Gemütsbewegung schien vorgelegen zu haben. Planung oder Vorbereitung waren nicht greifbar. Man erkannte auf Totschlag. Der Mann war ja sonst positiv. Er sollte seine Chance haben: Drei Jahre Gefängnis. Dort vorbildliche Führung und Einstellung, packte überall an, Jawoll Herr Doktor. Er konnte nach zwei Jahren vorzeitig entlassen werden. Da war er 28.

Mit Dreissig war er das zweite Mal verheiratet. Die Frau nervte. Es gab Auseinandersetzungen. Und nach zwei Jahren beschaffte Rüegsegger eine Schusswaffe... Das war Mord. Kein mildernder Umstand. Der Mann erhielt die Höchststrafe: 20 Jahre Zuchthaus.

Bei guter Führung kann man nach zwei Dritteln der Strafe entlassen werden, Dem stand nichts entgegen. So war er jetzt bei uns, der gutaussehende, braungebrannte, positive Mittvierziger. Jawoll Herr Doktor.

Eigentlich mochte ich den Typen und seine unbekümmert positive Einstellung, im Stil von "wir schaffen das". Da war keine Bosheit, keine Perversion, kein Sadismus. Man konnte ihn gar nicht hassen. Der konnte doch nichts dafür. Bei dem musste wohl eine Schraube locker sein. Wie viel einfacher wäre es gewesen, sich von den nervigen Frauen zu trennen, ohne jahrelanges Vegetieren im Zuchthaus. Was für eine Dummheit, Schusswaffen einzusetzen.

Aber, wenn man an seine Entlassung dachte wurde einem schon mulmig. In ein, zwei Jahren würde er wieder eine Frau finden. Und dann? Das liess mir keine Ruhe. Als junger Arzt gehst Du zum Oberarzt und hoffst auf Rat.

Oberarzt auf der Männerseite war Dr.C., ein beleibter, desillusionierter Fünfziger, der nur selten auf den Abteilungen zu sehen war. Aber als resignierter Altlinker konnte er mit den militant-gewerkschaftlich organisierten Pflegern kutschieren. Eine Symbiose, die nicht jedem gegeben war. Ihm schilderte ich den Fall und mein Missbehagen.

Hinter der randlosen Brille erglomm ein Funke milden Interesses, vielleicht sogar ein Funke früherer linker Ideale: Das komme vom Schuldstrafrecht meinte er mit wegwerfender Geste. Das Bemessen einer Schuld sei wissenschaftlich unmöglich. Und dieser nicht messbaren Schuld eine Strafe zuzumessen sei Hochstapelei. Gescheiter wäre es, die Schuld auszuklammern und den Mann gemäss seinem Gefährdungspotential aus dem Verkehr zu ziehen. Einen Tiger strafe man ja auch nicht, man gebe ihm ein schönes Gehege. Aber weil die Rechten auf Law and Order durch Strafen pochten werde man so einem Fall nicht gerecht.

Bald darauf kam Rüegsegger frei. Sicher hat er wieder eine Partnerin gefunden. Wie es ihr ergangen ist entzieht sich meiner Kenntnis.

Jawoll, Herr Doktor.


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Zwei weitere Betrachtungen zum gleichen Thema: 


Freitag, 10. Januar 2020

Ist der Mensch gut? (III)

(Kapitel aus Lukas Fierz "Begegnungen mit dem Leibhaftigen", Tredition 2016)

Das war auch so einer aus dem Zuchthaus, der zu uns ins Irrenhaus kam. Als ich den bei der Aufnahme begrüsste waren die Akten noch nicht gekommen. Ich wusste nur seinen Namen, gab die Hand. Guten Tag, Herr Lampart, wir hoffen, dass Sie sich gut zurechtfinden. Morgen werden wir uns ausführlich sehen.

Als Eindruck blieb: Ein kleiner, schmal gebauter, aber kräftig-sehniger Mann. Zum verwaschenen blauen Hemd kontrastierte ein brünetter Teint und eine seidenglänzende braunblonde Schmachtlocke, die war von links nach rechts über die Stirn gebürstet wie bei einem Sonntagsschüler. Vielleicht hatte er sie leicht blond getönt. Und der wachsam-unterwürfige Hundeblick aus den haselnussbraunen Augen verhiess vorauseilenden Gehorsam, wenigstens solang man der stärkere war.

Antipathie oder Sympathie bilden sich in dreissig Sekunden. Hier war es Antipathie. Schmachtlocke und Hundeblick verströmten einen homosexuellen Appell, der mir unangenehm war. Die demonstrierte Unterwürfigkeit wirkte verdächtig. Wollte der mich um den Finger wickeln und wofür?

Immerhin, man gibt sich einen Ruck. Die Menschen sind alle gleich, jeder hat seine Menschenwürde, jeder hat Anrecht auf faire Behandlung. Als Arzt kannst Du nicht verhindern, dass Dir Deine Klienten weniger oder mehr sympathisch sind, ausnahmsweise kannst Du Dich sogar verlieben. Das macht nichts. Du musst es nur merken, es Dir bewusst machen und Dich entsprechend kontrolliert und korrekt zu verhalten.

Anderntags kamen die Akten und ich führte ein kontrolliert-korrektes Aufnahmegespräch ohne voyeuristisches Interesse. Auch er hatte ja seine Strafe verbüsst und das alles ging mich im Grunde nichts mehr an.

Die Akten waren gewichtig: Immerhin hatte er zuletzt zehn Jahre im Zuchthaus gesessen. Eine typische Verbrecherkarriere, Vater unbekannt, Mutter verwahrlost. Er als schwieriges Kind von Heim zu Heim verschoben. Sicher wurde er brutalisiert und wohl auch sexuell missbraucht, wenn alles zutraf, was er laut Akten behauptete. Es war damals zweiter Weltkrieg, harte Zeiten.

Mit zwölf kam er in eine Pflegefamilie, wo er erstmals gut behandelt wurde. Er schloss sich besonders an den Pflegevater an. Von dem redete er auch jetzt noch mit Respekt. Aber trotzdem ging es weiter mit Lügen, Stehlen und Schuleschwänzen. Auch dem Pflegevater entwendete er Geld und zündete sein Schrebergartenhäuschen an, das voll niederbrannte. So kam er halt in ein Heim für Schwererziehbare. Danach lebte er als gewerbsmässiger Kleinkrimineller. Eine bedingte Gefängnisstrafe änderte nichts. Später glitt er in wiederholten bandenmässigen Diebstahl ab. Aus Angst, erwischt und eingesperrt zu werden sei er schliesslich nach Strassburg gereist und habe sich im Rekrutierungsbüro der Französischen Fremdenlegion gemeldet, im Wissen, dass dort jeder eintreten kann, ohne dass nach seinem Vorleben gefragt wird.
Fremdenlegionäre in Nordafrika
Im Gespräch blieben sein Blick ausweichend und seine Antworten einsilbig. Ja, dieser Pflegevater sei gut zu ihm gewesen. Wieso er dieses Gartenhäuschen angezündet habe, wisse er auch nicht. Die Fremdenlegion sei hart gewesen, sie hätten unter Stacheldrahtverhauen durchkriechen müssen bis Hemd und Rücken blutig zerfetzt gewesen seien. Meist sei er in Algerien gewesen. Er verlor kein Wort über den entsetzlichen Kolonialkrieg, den die Franzosen dort geführt hatten. Ich fragte auch nicht weiter danach, was ging mich das an... Er erwähnte nur, dass sie einem als Strafe am frühen Morgen bis zum Hals im Wüstensand eingegraben hätten, dort habe man dann bis zum Abend in der Sonne aushalten müssen, ohne Essen oder Wasser. Acht Jahre sei er dort gewesen. Er habe es bis zum Gefreiten gebracht. Das sei schon eine gute Zeit gewesen.

Nach seiner Rückkehr kamen alle Strafen zusammen: die erste, bedingt erlassene Gefängnisstrafe, die Strafe, der er mit Eintritt in die Fremdenlegion entgehen wollte und die Strafe für fremden Kriegsdienst. Da wurde halt zusammengerechnet und er war weggesperrt auf dem Fels in dem mittelalterlichen Schloss, das seit Jahrhunderten als Zuchthaus dient.

Nach ein paar Tagen kam noch die körperliche Untersuchung. Im Liegen auf der Untersuchungscouch werden Herztöne und Reflexe geprüft. Dann Aufsitzen, um den Rücken und die Lungen von hinten zu untersuchen. Der Rücken war ein einziges Narbenfeld, mit Hügeln und Vertiefungen, teils auch schwärzlichen Verfärbungen. Was das denn sei fragte ich. Er berichtete fast ungerührt, da sei halt eine Granate nicht weit hinter ihm explodiert. Er habe nur knapp überlebt. Über vierzig Metallsplitter habe man herausoperieren müssen, aber die kleinen Splitter habe man dringelassen. Ein halbes Jahr Spital. Gut, da war nichts Medizinisches. In vier Wochen würde er in seine Freiheit gehen.

Später kam noch der Bewährungshelfer vorbei. Der eher vierschrötige Mann mit expansivem Auftreten und Krawatte meinte, der Lampart habe sich gut gehalten, drum werde er jetzt zwei Jahre früher entlassen. Das letzte Jahr sei er in der Aussenstation Bannholz gewesen mit den Pferden und beim Holzen. Dort habe er selbständig gearbeitet. Er hätte jeden Tag abhauen können, aber der sei schon recht und habe seine Lektion gelernt. Nein, nein, die Haare seien nicht gefärbt, der sei einfach immer in der Sonne gewesen, da bleichten sie aus...

Die Organe des Strafvollzugs sehen sich in der Regel im Dienste des Guten, denn Strafe treffe und bewirke Einsicht und Besserung. Das würde man ja gern glauben, wenn es nicht so salbungsvoll vorgetragen würde. Die Salbung erweckt Misstrauen. Übrigens wird das Gewähren und Entziehen von Hafterleichterungen durchaus genussvoll gehandhabt. Das Handhaben von Daumenschrauben muss im Mittelalter eine ähnliche Befriedigung verschafft haben. Geübte Strafgefangene mimen dagegen Einsicht und Besserung und verschaffen sich damit ein leichteres Leben und den Vollzugsorganen ihre narzisstische Befriedigung.

Der Bewährungshelfer war eigentlich gekommen, um mit dem Lampart in die Stadt zu gehen und Kleider einzukaufen. Da Kleider bekanntlich Leute machen muss der neue Mensch nach dem Gefängnis auch neue Kleider haben. Diesmal wollte ich auf die Kleiderexpedition mitgehen, um wenigstens einmal auch diesen Aspekt des Resozialisierungsprozesses mitzuerleben.

Die Häftlinge verdienen im Knast täglich ein paar Franken, das sogenannte Pekulium. Das wird beiseitegelegt. Nach Verbüssung der Strafe blieben vor dreissig Jahren ein paar Hundert Franken, jetzt werden es ein paar Tausend sein. Die gehören ihm und damit kaufte man die Kleider. Das geschah bei vorzeitiger Entlassung in Begleitung des zukünftigen Bewährungshelfers. Man ging immer ins gleiche Geschäft in der schönen Innenstadt. Dort gabs nur Qualitätsware. Ein Outfit kostete damals viele Hundert Franken. Die wurden dem Pekulium des Sträflings belastet.

Man beschaffte zwei Hemden, eine Hose, ein Jackett, Socken, zwei Sets Unterwäsche. Damit haben sie den Lampart eingekleidet. Da stand er jetzt verlegen vor dem Spiegel, mit Hemd, Bügelfalten und einem an den Schultern lächerlich ausgestopften blauen Veston, für den er eigentlich gar keine Verwendung hatte und der auch gar nicht zu ihm passte. Er sah aus wie im falschen Film mit seinem Hundeblick und seiner Schmachtlocke. Aber Verkäufer und Bewährungshelfer befanden den Aufzug für gut und Lampart konnte wieder in die Kabine, um sich umzuziehen. 

Derweil wurde bezahlt. Wahrscheinlich haben sie mich im Geschäft auch als Bewährungshelfer angesehen. Sonst hätte ich beim Zahlen wohl nicht mitbekommen, dass das Geschäft dem Bewährungshelfer zehn Prozent des Kaufpreises in dessen Tasche rückvergütet. Eine wirklich bewährte Methode, damit der nächste Häftling auch wieder bewährte Qualitätsware kauft, die er zwar teils gar nicht braucht, dafür im bewährten teuren Qualitätsgeschäft in der schönen Innenstadt. Schliesslich opfert der Bewährungshelfer seine wertvolle Arbeitszeit für diesen Einkauf und überhaupt entsteht bewährte Harmonie doch am ehesten, wenn die Vollzugsorgane nicht nur den Strafgefangenen, sondern gleichzeitig auch sich selber Gutes tun.

Nach dieser Exkursion schien der Fall für mich erledigt. Manchmal sah ich den Lampart noch auf dem Korridor, aber meist war er unterwegs oder in einer Werkstatt.

Eine Woche später war Morgenvisite auf der offenen Männerabteilung. Der Abteilungspfleger berichtete über dies und das, der übliche Kleinkram. Zum Schluss kam er auf den Lampart. Also der brülle nachts wie ein angeschossenes Tier, das gehe durch Mark und Bein. Die Nachtwache sage, das sei fast jede Nacht so und manchmal höre er fast nicht mehr auf. Und trotzdem sei er kaum zu wecken. Dafür wecke er die ganze Abteilung. Kurios, was konnte das sein? Alpträume? Anfälle?

Wir machten ab, dass man versuche, mit ihm zu sprechen, besonders in der Nacht nach dem Schreien, aber vielleicht war ja auch am Tag etwas herauszufinden. Mir zwar erzählte er nichts, es blieb beim wachsamen, feuchten Hundeblick. Schon als junger Arzt bist Du eine Autoritätsperson, da öffnet sich nicht jeder. Aber die Pfleger und die Nachtwache fanden Zugang und so hörte ich nach und nach folgendes:

Lampart erlebte in den Nächten wieder den Algerienkrieg. Die meisten seiner Unteroffiziere waren Weltkriegsveteranen, die hatten mit den Nazis an der Ostfront gekämpft. Die Methoden der Ostfront habe man auch in Algerien übernommen. Z.B. habe man nach einem Partisanenanschlag grundsätzlich das nächste Dorf vollständig eliminiert. Das geschah nachts, immer ohne Schusswaffen, um Lärm und Aufsehen zu vermeiden. Man habe alles mit dem aufs Gewehr aufgepflanzten Bajonett gemacht. Das Dorf wurde eingekreist, die Bewohner in den Betten massakriert oder auf den Hauptplatz getrieben. Dort habe man zuerst die Männer erledigt, sonst wären die ja noch auf die Idee gekommen, sich zu wehren. Dann die Frauen und Kinder. Schwangeren sei man solang auf dem Bauch herumgetrampelt, bis die Frucht abgegangen sei, nachher konnte man sie liegen lassen oder auch erledigen. Am lustigsten sei es mit Säuglingen und Kleinkindern gegangen: Man warf die hoch in die Luft und ein Kamerad konnte sie dann im Fallen mit dem Bajonett aufspiessen. Das war nicht ganz einfach, manchmal musste man es mehrmals versuchen.

Mir wurde übel. Auch jetzt - vierzig Jahre später - wird mir noch übel, wenn ich das aufschreibe. Ich konnte diesen Kerl nicht mehr aushalten, ihm nicht die Hand geben, mit ihm nicht im gleichen Raum sein. Grausige Ausgeburt der Hölle, die da auf dem Bett sass mit dem klebrigen, anerkennungsheischenden Hundeblick.

Und was war jetzt mit dem inneren Ruck? Schuldete der Arzt nicht jedem die gleiche faire Behandlung? Hatte nicht jeder seine Menschenwürde? Es nützte alles nichts, dieses Monster fiel aus meinem Beziehungsraster. Ich konnte mich als Arzt nicht kontrolliert und korrekt verhalten. Das plagte mich enorm, denn es war mein Ideal, dass der Arzt nicht zu richten und nur zu helfen habe. Mit Drogensüchtigen, Betrügern oder Prostituierten konnte ich immer gut umgehen, die waren Teil des Welttheaters und ich fühlte weder Hochmut noch Überlegenheit. Aber jetzt ging es nicht. Ich war blockiert und auch beschämt, weil ich fand, als Arzt zu versagen. 

Als junger Arzt gehst Du wie gesagt zum Oberarzt und hoffst auf Rat. Eigentlich wäre ja der alte Dr.C. für die Männerseite zuständig gewesen. Aber von seiner desillusioniert-zynischen Weltsicht erwartete ich wenig. Ausserdem ging es ja gar nicht um den Herrn Lampart, sondern um mich, beziehungsweise mein Problem, meine Blockade als Arzt.

So ging ich zu Dr.H., dem Oberarzt für meine weiblichen Patienten. Zu Dr.H. hatte ich Vertrauen. Er war etwa vierzig Jahre alt, hatte aber immer noch einen bubenhaften Strubelkopf und hinter seiner Drahtbrille distanziert-freundliche graue Augen. Sein Büro war in einem abgeschrägten Dachzimmer, über dem Schreibtisch gab das Fenster den Blick auf die alten Bäume frei. Krankengeschichten, Bücher und Zeitschriften lagen herum, auch auf den Stühlen. Hier wohnte nicht einer, der rechteckig aufräumt. Im Büro trug er nie einen Arztkittel, nur seinen abgewetzten graublauen Pullover, der mich an den Lieblingspullover meines Vaters erinnerte.

Wenn man zu ihm kam hatte er meistens Zeit. Dabei sagte er nicht viel: Unvergesslich sein Blick, der Dich stetig fixiert, ohne Eile und fast ohne Neugier, der auch durch Dich hindurch sieht auf das Wesentliche. Ich hasse Leute, die nur sehen, was sie vor der Nase haben. Sein freier Blick erinnerte an denjenigen der Wölfe, die in unserem Zoo in einem riesigen Gehege leben.

Ja, da war etwas vom freien, ursprünglichen Wesen des Wolfes. Aber auch etwas von einem älteren Bruder, mit ihm war man per Du. Mag sein, dass Wolf und Bruder nur Projektionen waren, aber die Empfindungen sind da und bestimmen die Beziehung.

So stieg ich in seinen Dachstock. Die Bürotür war offen. Dr.H. sass am Schreibtisch, mir den Rücken zugewandt. Ich blieb stehen und klopfte. Dr.H. drehte sich, wies mir einen Stuhl und fragte, was sei. Ich setzte mich und berichtete über mein Erlebnis mit dem Lampart. Der sei ja schrecklich, ich könne den nicht aushalten, ich könne mich mit dem gar nicht mehr beschäftigen. Ja und was sollte man in so einem Fall machen? Dr. H. sass zurückgelehnt im Sessel, die Ellbogen auf den Armlehnen aufgestützt und die Hände verschränkt. Er hörte zu, sah durch mich hindurch. Nachdem ich geendet hatte, sah er vor sich hin und sagte lange nichts. Dann schaute er mich wieder an und sagte ganz ruhig, weder belehrend noch behauptend, sondern als einfache Feststellung: Ja weisst Du Lukas, den Teufel gibts. 

Diese Antwort hatte ich nicht erwartet. Denn unter Psychiatern spricht man viel, von den eigenen Problemen, von den Problemen des Kollegen, oder den Problemen, die man mit den Problemen des Kollegen hat und umgekehrt. Manchmal spricht man sogar von den Patienten. 

Und hier nur eine lapidare Feststellung. Kein Wort über mich, über uns, über Lampart. 

So verblieben wir. Es gab den Teufel und da war nichts zu machen. Aber die Schwierigkeit, wegen der ich Dr.H. aufgesucht hatte war schlagartig verschwunden. Ich fühlte mich nicht mehr als Versager, denn ich war im Recht. Der Lampart durfte mir grausen. Und so konnte ich ihm plötzlich wieder guten Tag sagen, sogar die Hand geben, oder mit ihm in einem Zimmer sein. 

Ich muss nicht extra erwähnen, dass diese Geschichte meinen Respekt vor Dr.H. nochmals erhöhte. Ein komplexes Problem mit sieben Worten zu lösen, sowas können sonst nur Zen-Meister. 

Tatsächlich hatte ich den Teufel vorher nur indirekt gekannt, aus Märchen, aus Gotthelfs Schwarzer Spinne, aus Dokumenten über das Dritte Reich und aus den Reportagen von Curzio Malaparte. 

Aber jetzt war er mir persönlich entgegengetreten, der Leibhaftige. Und wie Gotthelf mahnt: Er kann überall und jederzeit wiederkommen.

Glück hat, wer ihm nicht begegnet und von wem er nicht Besitz ergreift.

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Zwei weitere Betrachtungen zum gleichen Thema: 

Dienstag, 7. Januar 2020

Das extrapolierte Känguru - Roman Buchelis Fantasiewelt

(erschienen am 8.1.2020 auf www.infosperber.ch)

Jetzt hat auch der NZZ-Literaturkritiker Roman Bucheli zum Klimathema zugeschlagen, ein weiteres peinliches Beispiel, wie wenig ein Literat von Naturwissenschaft begreift (viele andere hier).

Im Artikel "Die Zukunft macht was sie will" in der Neuen Zürcher Zeitung vom 7.1.2020 meint er: "Auf der anderen Seite erleben wir derzeit eine Konjunktur apokalyptischer Szenarien. Zumal die Klimabewegung wird nicht müde, auf der Grundlage extrapolierter Datenreihen den bevorstehenden Kollaps vorauszusagen." und zitiert als "Autorität" ausgerechnet den Alt-Weltwocheredaktor Markus Schär mit "Der Weltuntergang findet nicht statt".

Bucheli fährt fort: "...dieses Zukunftsmodell, wenn man es so nennen will, ist in zweifacher Hinsicht nicht besonders innovativ. Es schreibt zum einen die Vergangenheit linear in die Zukunft fort, und es hat zum anderen eine starke konservative Komponente."

Doch Literaturpapst Bucheli irrt: Das Problem ist doch, dass alles nicht linear verläuft, auch die Voraussagen nicht:

  • Der CO2-Ausstoss steigt nicht linear, sondern sich beschleunigend.
  • Damit wird nicht nur die Erwärmung beschleunigt, sondern sogar die Beschleunigung der Erwärmung.
  • Die Methanfreisetzung aus dem Permafrost, die verminderte Strahlungsreflexion wegen Eisschmelze und grossflächige Brände in Südamerika, Sibirien und Australien fügen beschleunigende Rückkopplungsschleifen hinzu.
Diese Nicht-Linearität ist geradezu des Pudels Kern und sie macht eine unbeherrschbare runaway-Situation jederzeit möglich. Wenn man den sich beschleunigenden Temperaturanstieg, die Temperaturrekorde der letzten zwölf Monate und die Brände in Südamerika, Sibirien und Australien betrachtet, so könnten wir schon mitten in diesem runaway sein.

Und Bucheli schliesst: "Nie wird das geschehen, was sie sich vorgestellt haben... Keiner hat eine präzise Vorstellung davon, wie die Welt aussehen wird bei einer Erwärmung von x Grad." Lieber Herr Bucheli: Wir sind hier nicht im Fantasiereich des Feuilletons. Um zu sehen, was die Erwärmung macht müssen Sie sich nichts vorstellen, nur nach Australien sehen. Ist das verkohlte Kängurubaby etwa "extrapoliert"? Die Brände in Australien wurden übrigens von Fachleuten und Feuerwehr vorausgesagt, aber die Regierung weigerte sich, zuzuhören.


Verkohltes Kängurubaby (Australien, Jan 2020)




Samstag, 4. Januar 2020

Das Versagen der NZZ


Sehr geehrte Redaktion der NZZ,

Es wäre aus liberaler Sicht nichts dagegen einzuwenden, wenn Sie den Alt-Weltwocheredaktor Schär in Form einer Buchrezension von Andrew McAfee's  «More for less» (2019) eine weitere Bagatellisierung der Umweltkatastrophe schreiben liessen, falls Sie andere Standpunkte auch berücksichtigen würden. Aber Ihr Blatt ignoriert systematisch die masstabsetzenden Bücher zum Problem, ich erwähne nur Schellnhuber: Selbstverbrennung (2015), Wallace-Wells: Die unbewohnbare Erde (August 2019), oder Glaubrecht: Das Ende der Evolution (Dezember 2019) - das heisst, das Bagatellisieren ist bei Ihnen Programm (mehr dazu hier: NZZ gegen Wissenschaft).

Australischer Bub (11) steuert das rettende Boot
1983 hat die Freisinnige Partei des Kantons Bern der chancenreichen Leni Robert die Nationalratskandidatur verweigert, was zur Gründung der Freien Liste/Grünen Partei auch im Kanton Bern führte. Wir haben damals der Freisinnigen Partei die Bedeutungslosigkeit vorausgesagt, falls sie die wesentlichen Probleme der Zeit ignoriere. Inzwischen ist die FDP auf diesem Weg schon weit fortgeschritten und ihre zwei Bundesräte sind nicht mehr zu rechtfertigen.

Ihrer Neuen Zürcher Zeitung ist die gleiche Bedeutungslosigkeit vorauszusagen, falls sie sich weiter vor der Schicksalsfrage unserer Zeit drückt, besonders nachdem in den letzten zwölf Monaten eine nie gekannte Zahl von Temperaturrekorden die Erde bedroht. Auch mit Hofieren des Deutschen AfD-Publikums werden Sie sich nicht retten können. Und solange nötig werden wir nicht nachlassen, auf dieses klägliche Versagen Ihres einst stolzen Blattes hinzuweisen.

Mit freundlichen Grüssen

Lukas Fierz, Alt-Nationalrat

Sonntag, 15. Dezember 2019

Grüne sind keine Populisten - Antwort an Gerhard Schwarz von der NZZ

(aktualisiert am 5.1.2020)

Sehr geehrter Herr Schwarz

Sie sind im publizistischen Beirat der NZZ und wohl mitprägend für deren Berichterstattung. 

In Ihrem neulichen NZZ-Artikel "Der verdrängte grüne Populismus" stellen Sie die Standpunkte der Grünen mit folgenden Formulierungen in Frage: «Muss man nicht viele grüne Forderungen als populär, aber unrealistisch und nachteilig taxieren? Werden nicht gegebene Stimmungen ausgenutzt und durch apokalyptische Visionen bestärkt? Wird nicht allenthalben die Krise beschworen? Sind Grüne nicht genauso Angstspezialisten wie jene, die vor dem Islam oder der Zuwanderung warnen? Werden von ihnen nicht die Machteliten, natürlich vor allem (aber nicht nur) die wirtschaftlichen Machteliten, als verantwortungslos angeprangert? Sehen sich nicht viele Grüne im alleinigen Besitz der Wahrheit und werfen anderen Problemblindheit vor?»

Sehr geehrter Herr Schwarz. Sie behandeln das Wissen um die katastrophale Umweltsituation wie einen Glauben, den man haben oder nicht haben könne. Es handelt sich aber nicht um einen Glauben. Schauen Sie sich die Julitemperaturen der letzten 140 Jahre an: 

Die Julitemperaturen steigen seit 1980 stärker als früher, Messwerte, kein Glauben. Dieser Verlauf wurde schon 1988 von Hansen vorausgesagt und die weiteren Voraussagen lauten auf weiteren Anstieg. Diese Voraussagen werden nicht von Grünen gemacht, sondern von den besten Physikern und Klimatologen die die Hochschulen bei uns und weltweit  hervorgebracht haben. Das sind die Hochschulen und Wissenschaftler, welche auch die Kernspaltung und die Mondlandung möglich gemacht haben. Abweichende Meinungen gibt es, aber sie kommen meist von Leuten, die von Wissenschaft keine Ahnung haben oder von Experten, die sehr alt und senil sind, oder von der Erdölindustrie gekauft.

Wenn wir jetzt ansehen, was die kompetenten Experten (NICHT die Grünen) uns voraussagen ist es folgendes: 

Zunächst gibt es das IPCC, welches den Internationalen politischen Konsens der Regierungen über die Situation formuliert: Es sagt 1,5 Grad globale Temperaturerhöhung für 2040 voraus (vor wenigen Jahren hoffte man noch auf diesen Wert für 2100!). Gemäss diesen Voraussagen erhalten wir bei Einhalten der Pariser Verträge bis 2100 eine globale Temperaturerhöhung von 3,2 Grad.. Da niemand die Pariser Verträge einhält sind wir auf Kurs für global 4-5 Grad gemäss Voraussagen des IPCC. Das sagen nicht die Grünen.

Das IPCC vernachlässigt mehrere unbestritten temperaturerhöhende Mechanismen, das sagen nicht die Grünen sondern erstrangige Fachzeitschriften:    
  1. Das Abschmelzen des Eises reduziert die Rückstrahlung der Erde, was die prognostizierte -Temperaturerhöhung um bis 50 Prozent erhöhen kann.
  2. Der jährliche Treibhausgasausstoss steigt, die Temperatur steigt somit immer schneller und schneller, die 1,5 Grad werden deshalb schon 2030 erreicht sein. 
  3. Seit vier Jahren steigt das Methan in der Luft, ein 30 mal stärkeres Treibhausgas als CO2. Es blubbert im Norden förmlich aus den Gewässern und dem auftauenden Permafrost. Diese Feedbackschleife hat die Kraft, die Erdtemperatur nicht in Jahrzehnten, sondern in Jahren (wenn nicht Monaten) auf unerträgliche Werte zu steigern. Das IPCC rechnet diesen Mechanismus nicht ein, weil er nicht genau voraussagbar ist.
  4. Die Regen- und Trockenwälder verschwinden rapid, was die natürliche CO2-Elimination beeinträchtigt. 
Aufgrund dieser Feedback- und Verstärkungsmechanismen kann man die IPCC-Voraussagen zur Temperatur locker erhöhen, vielleicht verdoppeln, zudem lassen sie erwarten, dass es irgendwann zu einer galoppierenden runaway-Situation kommen wird. Wenn wir die annähernd 400 Temperaturrekorde diesen Juli und den heissesten je gemessenen September und Oktober 2019 ansehen, so sind wir vielleicht schon mitten drin.

Dass die IPCC-reports nur die Hälfte sagen, man könnte auch sagen, dass sie lügen, liegt daran, dass das IPCC eine regierungsabhängige Organisation ist und nur Konsensstatements abgibt, hinter denen auch Saudiarabien und die USA stehen. Diese Verharmlosung habe ich als laienhafter Beobachter erst Ende 2018 bemerkt, vorher habe ich den Unsinn geglaubt.

Kommen dazu die übrigen Kalamitäten wie Wassermangel für einen Viertel der Weltbevölkerung, das galoppierende Artensterben (sind das Erfindungen der Grünen?) und die weitergehende Bevölkerungsexplosion. Man rechnet, dass die Ernteerträge pro Grad Anstieg um 6 Prozent zurückgehen werden. Johan Rockström, neuer Direktor des Potsdam-Instituts meint sogar, dass die Erde mit 4 Grad Temperaturerhöhung nicht mehr eine Milliarde, vielleicht nicht einmal eine halbe Milliarde ernähren könne. 

Wenn wir 2015 noch glaubten, es brauche Generationen bis zur Katastrophe, so glauben wir jetzt, dass es Jahrzehnte (wennicht nur Jahre) braucht. Bendell und andere rechnen schon innerhalb der nächsten zehn Jahre mit Auflösung der Zivilisation, die US-Army (ist die grün oder links?) gibt sich dafür noch zwanzig Jahre. Nachher kommen Hungersnöte, Seuchen, Migration von Hunderten von Millionen bis Milliarden Menschen, Kriege und Genozide, die den Verhältnissen im Dritten Reich spotten werden. Das ist alles keine Apokalypsenrhetorik, sondern es lässt sich alles mit Publikationen in erstrangigen Journals und Quellen belegen. Der führende Deutsche Klimaforscher Prof.Schellnhuber  hat mir schon 2017 gesagt, dass er für die Menschheit keinen Ausweg aus dieser Falle mehr sehe und 2019 hat er mir zugegeben: «Dein Zorn und Deine Verzweiflung darüber ist leider wissenschaftlich nicht von der Hand zu weisen», es werde «scheusslich» werden (seine Worte). 

Sie sind der mittlerweile einundzwanzigste (!) Autor der NZZ, der so tut, wie wenn es diese Fakten nicht gäbe (https://lukasfierz.blogspot.com/2019/09/nzz-gegen-wissenschaft.html). Die einzige Zeitung, die sich der Realität wirklich stellt ist der Guardian. Der unlängst verstorbene Arnold Hottinger hat mir schon 2015 gesagt, dass die Klimakrise auch einem Versagen der Medien geschuldet sei. 

Ein Arzt, der eine derart kritische Situation derart nachlässig handhaben würde, würde vor jedem Bezirksgericht wegen Kunstfehler schuldig gesprochen (https://lukasfierz.blogspot.com/2019/11/klimapolitik-als-kunstfehler.html).

Die NZZ sollte sich klar sein, dass ihre Leserschaft nicht nur aus korrupten Bankern und raffgierigen Aktionären besteht, sondern auch aus den Angehörigen von zwei der weltweit besten Hochschulen. Für diese ist die publizistische Haltung Ihres Blattes in dieser Frage kläglich und eine Beleidigung. 

Mit freundlichen Grüssen

Lukas Fierz 
https://lukasfierz.blogspot.com/2019/11/sitemap.html


N.B. Dies wurde Herrn Schwarz zuerst als mail geschickt und blieb ohne Antwort.


Montag, 11. November 2019

Sitemap

Übersicht über die wichtigsten Artikel, geordnet nach Themen: Grundprobleme, Folgen, Reaktion.
Some important articles available in English (see last paragraph)

Die Grundprobleme:

Die Folgen: 

Die Reaktionen:

Kommentare zum Tagesgeschehen: 


English: Five articles available in English

Sonntag, 10. November 2019

NZZ steckt Kopf in Sand


Sehr geehrter Herr Scheu,

Als Abonnenten der NZZ lesen wir heute den mindestens neunzehnten Artikel gegen die Klimaproteste, diesmal aus Ihrer Feder gegen die Extinction Rebellion. Die anderen waren meist im Feuilleton, Sie werden sie kennen, teils zeichneten sie sich durch unsägliche Dummheit aus (Bolz, Acklin, Mai), andere sind hier.

Ich möchte Ihnen als verantwortlichem Feuilletonredaktor deshalb die Frage stellen: Sind Sie sich eigentlich klar darüber, dass die schon genug schlimmen Voraussagen des IPCC vier bekannte verschlimmernde Faktoren unterschlagen?
  1. Das Abschmelzen des Eises vermindert die Erdreflexion was den vorausgesagten Temperaturanstieg um bis 50 Prozent erhöhen kann.
  2. Die CO2-Konzentration in der Luft und der jährliche CO2-Ausstoss bleiben nicht stabil sondern steigen weiter an, was das IPCC nicht berücksichtigt.
  3. Seit vier Jahren steigt das Methan stark an und sprudelt im hohen Norden direkt aus den Gewässern, weiterer rascher Anstieg ist durch Auftauen des Permafrostes programmiert, im schlimmsten Fall kann das zu fatalem Temperaturanstieg innert weniger Jahre (wennicht sogar Monate) führen.
  4. Die Ur- und Regenwälder gehen weltweit durch Rodung, Trockenheit und Brände zurück, können so immer weniger CO2 binden, und strafen damit den CO2-Ablasshandel mit Zertifikaten Lügen.
Das sind alles keine alarmistischen Behauptungen sondern unbestrittene Fakten.
 
Alle diese Feedbackschleifen müssen irgendwann zu einer sich beschleunigenden Runaway-Situation führen. Die immer schneller ansteigenden Temperaturkurven und der jetzige Sommer mit fast 400 gebrochenen Temperaturrekorden sowie die diesjährigen heissesten je gemessenen September und Oktober wecken den Verdacht, dass wir schon mitten in diesem Prozess sind. Hansen hat 1988 das erste gute und bis jetzt funktionierende Klimamodell eingeführt. Er ist der Meinung, dass wir den Point of No Return schon 2010 überschritten haben und seine Prognosen sind dramatisch.            


Wir können somit die Prognosen des IPCC in die Kategorie der politischen Schönrednerei einordnen. Und was die Politik bisher weltweit und hierzulande getan hat ist völlig ungenügend. Die Forderung nach radikalen Massnahmen ist angesichts dieser Inertie verständlich und berechtigt, man müsste nur noch diskutieren, welche radikalen Massnahmen nötig sind. Im Rahmen unseres bisherigen Denkens werden sie jedenfalls nicht liegen.
 
Es ist mir rätselhaft, wie die NZZ angesichts dieser dramatischen Situation soviel ihres von uns dummen Abonnenten bezahlten wertvollen redaktionellen Raums für Bagatellisierer und Schwätzer reservieren kann und daneben über das wirkliche Problem nur sporadisch und zögerlich berichtet. Auch Ihr Spezialist Herr Tietz scheint mir das Problem nicht wirklich begriffen zu haben oder begreifen zu wollen, oder vielleicht darf er auch nicht schreiben was er denkt, falls er denkt.

Mit freundlichen Grüssen

Lukas Fierz



Freitag, 8. November 2019

Klimapolitik als Kunstfehler

(erschienen im Tages-Anzeiger vom 9.11.2019, aktualisiert 5.1.2020)

Für einen Arzt ist der Umgang mit der Klimakrise durch Publikum, Politik sowie viele Medien und Experten eigenartig, um nicht zu sagen befremdlich. Ab Beginn der Ausbildung wird dem Arzt klargemacht, das er im Falle einer Fehlleistung - eines sogenannten Kunstfehlers - vor Gericht und sogar ins Gefängnis kommen kann. Kunstfehler können z.B. darin bestehen, dass man eine schlimme, eine noch schlimmere, oder die schlimmste Möglichkeit verpasst. Diese schlimmen Möglichkeiten mögen selten und sehr selten sein, aber das wird vor Gericht nicht helfen. Ein oft angeführtes Beispiel ist die Blutung aus dem Enddarm: Weit häufigste und wahrscheinlichste Ursache sind natürlich harmlose Haemorrhoiden, aber was für den Arzt vor allem zählt ist der Dickdarmkrebs. Wenn er diesen übersieht, und nur Haemorrhoiden behandelt, die auch vorhanden sein können, so kann daraus ein Gerichtsfall werden.


Vergessene Schere
Deshalb ist ist die schlimmste Möglichkeit für den Arzt eine dauernde Sorge, wir suchen sie, wir bereiten uns darauf vor und die harmlosen und häufigen Ursachen sind fast eine Nebensache. Dafür haben wir eine Art doppelte Buchführung im Kopf, zwei Algorithmen: Der eine sucht und berechnet dauernd die wahrscheinlichste Möglichkeit von Ursache/Verlauf/Endresultat,  der andere die schlimmste. Im Zweifel geht man von der schlimmeren Möglichkeit aus. Weil die Medizin ein unpräzises und unvorhersehbares Geschäft ist müssen wir uns oft mit Näherungsresultaten begnügen.  

Die Experten des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) verhalten sich anders: Sie beliefern uns mit einleuchtenden Voraussagen in der Mitte eines angeblichen Wahrscheinlichkeitskorridors. Als Arzt wäre man reflexartig interessierter an den schlimmsten Möglichkeiten. Aber - wie erst letztes Jahr allgemein durchsickerte - vernachlässigt das IPCC mehrere bekannte verschlimmernde Faktoren und Selbstverstärkungsmechanismen (*) und liefert damit nicht einmal den wahrscheinlichsten Verlauf, gar nicht zu sprechen vom schlimmsten, welche jedoch unser Verhalten bestimmen sollten. Das überrascht nicht sehr, ist doch das IPCC ein von Regierungen abhängiges Gremium: Alle Regierungen wollen im Sattel bleiben und deshalb werden Probleme in der Regel nicht voll zugegeben. 
      
Jedermann spricht von Kippmechanismen und dem Punkt ohne Wiederkehr, welche jederzeit eintreten können, wenn sie nicht schon eingetreten sind. Wenn ich die zunehmend beschleunigten Temperaturkurven betrachte, die fast 400 Temperaturrekorde dieses Sommers, den diesjährigen wärmsten je gemessenen September und Oktober, und an das Methan denke, das aus Gewässern und auftauendem Permafrost sprudelt, oder an den immer noch steigenden Output von CO2 und SUV's, an das brennende Australien und an das anhaltende Tabu auf Diskussionen über die Bevölkerungsgrösse, so sagen mir meine internen Algorithmen, dass die Auflösung der Zivilisation in den nächsten Dekaden nicht mehr ein worst-case Szenario ist, sondern das wahrscheinlichste. Worst-case wäre, dass alles schon in den nächsten Jahren passiert.  

Wenn man die Haltung und Reaktion der offiziellen Stellen auf die Klimakrise mit den Massstäben misst, die routinemässig auf ärztliches Handeln angewandt werden, so wäre das ein Fall fürs Gericht. Weil es die ganze Welt betrifft und in einer Art Holocaust 2.0 enden wird müsste man sich etwas wie einen Nürnberger Gerichtshof für die ganze Welt überlegen. Nun könnte man einwenden, dass das schlimme Ende noch nicht bestätigt ist.  Aber wenn es bestätigt ist, wird es für Gerichtsverhandlungen zu spät sein.

Um das Thema auf den Tisch zu legen könnte man sich eine gespielte Gerichtsverhandlung vorstellen, ähnlich Ferdinand von Schirachs Theaterstück "Terror": Ankläger wären  Kinder, Tiere, Pflanzen und ihre Vertreter. Angeklagte wären Regierungen, Firmen, Experten usw. Das Publikum wäre die Geschworenen. Vielleicht könnte eine solche Inszenierung das Bewusstsein über die Dringlichkeit der Situation schärfen.      
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(*) Von den IPCC-Prognosen nicht berücksichtigte Selbstverstärkungsmechanismen: 
  1. Das Abschmelzen des Eises vermindert die Erdreflexion was den vorausgesagten Temperaturanstieg um bis 50 Prozent erhöhen kann.
  2. Die Treibhausgase und ihr jährlicher Ausstoss bleiben nicht stabil sondern steigen weiter an, was das IPCC nicht berücksichtigt.
  3. Seit vier Jahren steigt das Methan stark an und sprudelt im hohen Norden direkt aus den Gewässern, weiterer rascher Anstieg ist durch Auftauen des Permafrostes programmiert, im schlimmsten Fall kann das zu fatalem Temperaturanstieg innert weniger Jahre (wennicht sogar Monate) führen.
  4. Die Ur- und Regenwälder gehen weltweit durch Rodung, Trockenheit und Brände zurück und können so immer weniger CO2 binden, strafen zugleich den CO2-Ablasshandel mit Zertifikaten Lügen.




Malpractice in climate politics

(translated from "Klimapolitik als Kunstfehler", Tages-Anzeiger 9.11.2019, updated 5.1.2020)

From a physicians viewpoint the approach to global warming by the public, by politics and some media and leading climate professionals seems rather strange: From the beginning of his training a physician is made aware that he will go before court and even to jail if found faulty of malpractice. Possible mistakes could be that you miss a grave, a worse or worst condition. These bad possibilities may be rare, but this  will not help you in court. An often cited example is bleeding from the end of the bowel: Most frequently and most probably this is caused by harmless hemorrhoids. But what counts for a physician is the worst case, and this is carcinoma of the bowel. If you do not rule this out before treating haemorrhoids (which indeed also may be there) it may become a case for court. That’s why for a physician in any situation the worst case is of constant concern, we look and prepare for it, and the harmless and most frequent causes are an aside.

Forgotten scissors
Therefore we have so to speak a sort of double bookkeeping in our heads, two algorithms, one permanently calculating the most probable cause/course/outcome and the other one the worst, and in doubt the latter one overriding the first. Medicine being an unprecise and unpredictable business we often have to make do with rough approximations.  

This is in contrast to the behaviour of the experts of the Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC): They present us with some probable or plausible middle-of the road projections. A physician would be more interested in worst cases. Anyway - as became clear last year - IPCC omits several known aggravating factors and feedback loops (*) and therefore does not even take into account the most probable outcomes, not to speak of the worst, which however really should determine our behaviour. IPCC being a semigovernmental body this is  not at all surprising: all governments want to stay in the saddle, that’s why as a rule they never report the full scandal.

Everybody mentions tipping points and the point of no return which both of course are to be expected anytime if they did not already happen:  If I consider the accelerating temperature curves, this summers nearly 400 broken temperature records and the warmest September and October ever measured  as well as the reports about Methane bubbling out of lakes and permafrost, the still rising output of CO2 and SUV’s, the burning Australia and the still general taboo on discussing population size my internal algorithms tell me that the impending dissolution of civilisation in the next few decades is not anymore a worst-case scenario but the most probable one. The worst case would be that it already happens in the next years. If you measure the attitude of official bodies towards such outcomes by the standards routinely applied to physicians this would be a case for court. Because this concerns the whole world and ends in a sort of Holocaust 2.0 one could consider something like a world Nuremberg tribunal. Now one could object that the worst outcomes have not been confirmed yet. But if they will be confirmed it will be too late for a court.

To put the theme on the table one could imagine a mock tribunal (similar to Ferdinand von Schirachs successful drama “Terror") in a theatre. Accusers could be children, animals, plants and their lawyers etc. Defendants could be governments, corporations, experts etc. The public should be the jury. Perhaps such a staging would rise awareness about the urgency of the situation. 
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(*) Some aggravating mechanisms and feedback loops not accounted for by the IPCC:  

  1. Disapperance ice reduces the reflection of the earth of radiaton which can increase the predicted temperature raises by up to 50 percent. 
  2. The CO2-concetration and the CO2-immissions are not stable but increase year by year. 
  3. Since four years one observes a raise of methane concentration in the air. In the north it bubbles from water and thawing permafrost. In the worst case this can cause a dangerous raise of the temperatures within years of even months. 
  4. Large-scale destruction of rainforests by clearing, drought and wildfires reduces their capacity to bind CO2 and at the same time invalidate the concept of climate certificates by CO2-compensation.


Dienstag, 22. Oktober 2019

Offener Brief an Tagi-Kolumnistin Frau Barbara Bleisch

(aktualisiert 10.12.2019)

Sehr geehrte Frau Bleisch,

Unter dem Titel "Die Politik der Apokalypse" vertreten Sie die Meinung, dass heute und morgen die Welt nicht untergehen werde, auch wenn manche die Apokalypse herbeiredeten:

Als erstes nennen Sie politisch motivierte Apokalyptiker, zu denen Sie die "Extinction Rebellion" zählen. 

Dann gebe es die endzeitbegeisterten Naturalistiker des "Voluntary Human Extinction Movement", welche die Natur durch Reduktion der Menschenzahl zu retten versuchten.

Im Schlepptau der Naturalisten sammelten sich die nihilistischen Apokalyptiker, die man auch als «Nach-mir-die-Sintflut-Zyniker» bezeichnen könnte. 

Spätestens hier lägen sich die Weltuntergangspropheten in den Haaren. Denn bemühten die einen die apokalyptische Rhetorik, um die Menschen zum Handeln zu animieren, diene sie den anderen zur Rechtfertigung ihrer Untätigkeit.

Dann holen Sie zum Rundumschlag aus: Diese Zuspitzung auf die Apokalypse sei ungenau. Die Endzeit werde nicht heute oder morgen kommen, sondern in Raten: mit Wassermangel, Feuersbrünsten, Stürmen; mit Ernteausfällen, Migrationsströmen, Bürgerkriegen. Wer die Frage auf «Überleben oder Aussterben», auf «Sein oder Nichtsein» reduziere, werde ihr nicht gerecht. Die Frage laute vielmehr: «Wie sein» angesichts dessen, dass sich unsere Lebenszusammenhänge gewaltig verändern werden.


Sehr geehrte Frau Bleisch, sind Sie sich dessen wirklich so sicher? Sollten wir nicht vor der Rhetorik die Fakten klären? 

Unbestreitbar werden die Treibhausgasimmissionen jährlich grösser. Entsprechend ist eine Beschleunigung der Erderwärmung zu erwarten und auch zu beobachten. Dazu hier ein Bericht der angesehenen BBC, den ich so in der hiesigen Presse nicht gesehen habe: https://www.bbc.com/news/science-environment-49773869

Alle Voraussagen des IPCC und der orthodoxen Wissenschaft zur Erderwärmung waren viel zu optimistisch, wie dem ebenfalls angesehenen Scientific American zu entnehmen ist:   

Nicht nur hat der diesjährige Sommer weltweit fast 400 Temperaturrekorde gebrochen  https://www.bbc.com/news/science-environment-49753680), auch dieser September war der heisseste je gemessene: https://www.washingtonpost.com/weather/2019/10/04/earth-just-experienced-its-hottest-september-heads-record-books/.

Der auftauende Permafrost und die wärmeren Böden setzen CO2 frei und und vor allem das dreissigfach potentere Treibhausgas Methan, welches seit wenigen Jahren stark ansteigt:
https://edition.cnn.com/2019/10/12/us/arctic-methane-gas-flare-trnd/index.html.

Last but not least schwindet mit dem Eis auch die Rückstrahlung der Erde, was die Erderwärmung gegenüber den üblichen Prognosen auch bis um 50 Prozent erhöhen kann. 

Das alles ist keine apokalyptische Rhetorik, sondern es sind verifizierbare Fakten, aus denen eine weitere und selbstverstärkende Beschleunigung der Temperaturerhöhung zu erwarten ist. Die Frage ist nur noch, wie rasant die Beschleunigung gehen werde: Vor einigen Jahren hat man noch von einem Mehrgenerationenproblem gesprochen. Neuerdings sah es eher so aus, wie wenn es ein Problem von wenigen Jahrzehnten bzw. einer Generation werden könnte. Wenn allerdings die Selbstverstärkung durch Methanfreisetzung jetzt im Ernst anspringt, wie es eigentlich zu erwarten ist, so kann das Ende auch eine Frage von Jahren oder sogar von nur Monaten werden, wie die sehr gut informierte Catherine Ingram hier darlegt: 
https://www.catherineingram.com/facingextinction/

Was das alles – auch philosophisch oder theologisch  - heissen könnte habe ich hier zusammenzufassen versucht: https://lukasfierz.blogspot.com/2019/07/und-was-wenn-wir-uns-nicht-retten-konnen.html.

Wenn Sie das jetzt als apokalyptische Rhetorik abtun, so muss ich einwenden, dass ich diesen Essay vier renommierten Klimawissenschaftlern vorgelegt habe, niemand hatte Einwände. Der Deutsche Klimapapst Prof.John Schellnhuber schrieb mir dazu: «Dein Zorn und Deine Verzweiflung sind wissenschaftlich leider nicht von der Hand zu weisen». Er hat mir übrigens schon vor über zwei Jahren gesagt, dass er keinen Ausweg aus dieser Falle mehr sehe.

Und in dieser Sachlage wäre jetzt wirklich die Sternstunde der Philosophin bzw. der Theologin gefragt und gefordert. 

Mit freundlichen Grüssen

Lukas Fierz, Alt-Nationalrat



P.S. Wie fast alle NZZ-Leitartikler hat auch Frau Bleisch auf dieses zuerst ihr direkt gesandte mail nicht reagiert.