Über mich

Samstag, 30. Mai 2020

Korruption im Spital

Ein Whistleblower hat Misstände in der Zürcher Herzchirurgie ausgepackt. Die NZZ berichtete nur nebelhaft. Die Spitalleitung und ein in Auftrag gegebener Untersuchungsbericht spielen die Sache herunter.

Einmal mehr stellt Insideparadeplatz.ch klar, was Sache ist -  Mauschelei, Wegsehen, Vertuschung, medizinischen Grenzverletzungen, Mafiastrukturen und persönliche Bereicherung. Der Whistleblower wurde in die Wüste geschickt.

All das würde mir die noch vorhandenen Haare zu Berge stehen lassen, hätte ich nicht alles vor 35 Jahren im Berner Tiefenauspital genau so erlebt. Ich stiess dort als Vorstandsmitglied auf ähnliche Zustände. Wie jetzt in Zürich tat die SP-Prominenz alles, um die korrupten Verantwortlichen zu schützen und den Skandal unter dem Deckel zu halten, was dann doch nicht gelang. Die Einzelheiten und die daraus abzuleitenden Schlussfolgerungen habe ich für mein Büchlein "Begegnungen mit dem Leibhaftigen" (Tredition 2016) aufgeschrieben, hier ist das entsprechende Kapitel: 

  

Die Sumpfweid

Beim Gerichtsmediziner landen Morde und Selbstmorde. Aber auch ein Arzt, der mit Gewissen und Recht in Schwierigkeiten kommt, darf zum Gerichtsmediziner, ist der doch ein halber Jurist. Ich brauchte seinen Rat.  

Um elf Uhr morgens durfte ich vorsprechen. Mit Zigarette und einem Zweier Weisswein sass der Professor (Prof. Eugen Läuppi) am Schreibtisch. Als Toxikologe - Vergiftungsspezialist - war er bekannt dafür, den süssen Giften dieses Lebens nicht abgeneigt zu sein. Er bot mir Stuhl und Glas an, letzteres lehnte ich ab, und er fragte nach dem Problem.

Ich war ja seit zwei Jahren im Vorstand des Stadtspitals Sumpfweid (eigtl. Tiefenau) von Seldwyla (eigtl. Bern). Der Vorstand überwacht Kosten und den erhaltenen Gegenwert. Das Spital hatte den teuersten Pflegetag im ganzen Land. Als neugebackenes stolzes Vorstandsmitglied wanderte ich durch Spitalgelände und Korridore auf der Suche nach dem Gegenwert. Aber im Wartebereich nur abgeschabte Stühle mit teils zerschlissenen Polstern, Vorhänge mit Flecken, manchmal halb heruntergerissen. Auf dem Vorplatz eine behelfsmässige Holzbaracke für das Labor. Alles erbärmlich und provinziell. Mir verging der Stolz. Wo versickerte das Geld?

Von den Ärzten hörte man, sie hätten Monitore für die Intensivstation beantragt, vom führenden Hersteller Hewlett-Packard. Nach unklaren Verzögerungen standen Apparate eines obskuren deutschen Herstellers da. Oder die Röntgenärzte, die einen Bildverstärker wollten und nicht das modernste Produkt erhielten, sondern ein Occasionsgerät von der Luxusjacht eines saudischen Waffenhändlers. Klärung brachte die Geschichte, die mir ein Kollege erzählte: Der Direktor des Städtischen Behindertenheimes erhielt Besuch von einem Vertreter für Bettwäsche, der ihm sagte: Machen wir es wie in der Sumpfweid, Sie kaufen alles bei uns und schon haben Sie ein neues Auto...

Was wollte man machen? Der Direktor der Sumpfweid (Walter Mamie) regierte das halbe Gesundheitswesen von Seldwyla, er beriet den Sanitätsdirektor von Seldwyla, den vorgesetzten Gesundheitsdirektor des Landes Seldwylien, er beriet andere Spitäler, begleitete und realisierte Bauprojekte für Spitäler und Pflegeheime im ganzen Land. Überdies rüstete er die Luxusjacht eines Saudischen Waffenhändlers mit modernstem medizinischem Gerät auf, das, wenn ersetzt, in der Sumpfweid landete. Bei rauschenden Spitalfesten liess er Champagner strömen, bis eingeladene Politiker, Vorstandsmitglieder und Gewerkschafter nur noch mit glasigem Blick unter den Tischen herumkrochen. Sogar von halbbekleideten Orgien im Therapiebad wurde gemunkelt. Jedenfalls hatte dieser Direktor alle in der Tasche, mit allen war er per Du. So zog ich mich auf die Position zurück, die ich schon als Militärarzt eingenommen hatte: Ich mache Medizin und stecke meine Nase nicht in die Sache von Fourier und Feldwebel. Für das Medizinische musste man sich in der Sumpfweid überhaupt nicht schämen. Der Chefarzt (Prof. Guido Riva) war zwar alt und ein Tessiner, aber die geniale Gründlichkeit in Person.    

Jetzt, bei der Wahl seines Nachfolgers, ging es nicht mit rechten Dingen zu. Die besten Kandidaten wurden eliminiert, zum Beispiel der brillante erste Oberarzt des Universitätsspitals, oder der berühmte junge Arzt aus der Nachbarstadt, der gezeigt hatte, wie man eine tödliche Penicillinnebenwirkung vermeidet, damit hatte er weltweites Aufsehen erregt und Tausenden das Leben gerettet... Keiner von denen wurde gewählt. Gewählt wurde der Patensohn des alten Chefs, der allen nach dem Munde redete, aber immerhin mit Studien für Pharmafirmen Geld ins Spital spülte. 

Der Gerichtsmediziner hatte aufgehört zu trinken, sass jetzt leicht vorgebeugt, er hörte intensiv zu, zog an seiner Zigarette und seine Augen schienen etwas aus ihren Höhlen vorzustehen. Sein Interesse war geweckt, von Berufes wegen war er ja an allem Abartigen und Widerrechtlichen interessiert. Ich fuhr weiter:

Über die dortige Korruption habe ich bisher hinweggesehen. Aber jetzt führt sie dazu, dass nicht der beste als Chefarzt zum Zuge kommt. Für die Qualität der Medizin fühle ich mich zuständig. Das geht doch nicht. Diese Wahl muss man rückgängig machen, den Saustall ausmisten. Was soll ich machen?

Der alte Professor lehnt sich zurück, nimmt einen Schluck und wackelt leise mit dem Kopf. Dann wieder vorgebeugt, fasst er mich intensiv in die jetzt eindringlich vorquellenden Augen und sagt langsam, jedes Wort einzeln betonend: "Der Direktor der Sumpfweid ist der mächtigste Mann im Seldwyler Gesundheitswesen. Da können Sie überhaupt nichts machen."

Der alte Professor war mir väterlich wohlgesinnt, und sein Rat war weise, gutgemeint und gut. Doch was löste er aus? In der Sonntagsschule, die ich als Kind besuchte, gab es eine alte blecherne Spendenkasse, auf der ein kleiner betender Neger sass. Wenn man eine Münze einwarf, so nickte der dankbar mit dem Kopf. Der Satz des Professors war in mir hinuntergefallen, wie die Münze. Und so reflexartig, wie der kleine Neger nickte kam in mir die Reaktion: Dann probieren wir mal, wir werden ja sehen.

Der Angriff, auf den ich vor einem Jahr verzichtet hatte musste jetzt gefahren werden. Aber wie nur diese Festung knacken, diesen Sumpf trockenlegen?

Vom Spitalvorstand, der hier sozusagen das Parlament spielte war nichts zu erwarten. Es war inzwischen klar, dass die meisten Mitglieder seit Jahren wussten, was gespielt wurde. Irgendwie hatte sie der Spitaldirektor in der Hand. Sie hielten zu ihm und sie hielten dicht. 

Ich telefonierte der vorgesetzten Gesundheitsdirektion von Seldwylien und verlangte den Hausjuristen, der mir vom Stadtrat her bekannt war. Ich wurde nur mit seinem Vertreter verbunden, der einen Namen von altem Seldwyler Adel trug, ein Herr de Haberbourg. Ich hörte eine schläfrig-gedehnte Stimme mit französischem Akzent, - worum es gehe? Ich schilderte kurz den Sumpf in der Sumpfweid, die Wahl, und dass jetzt genug Heu drunten sei, die vorgesetzte Behörde müsse handeln. Die schläfrige Stimme zeigte weder Aufregung noch Interesse: Das sei bekannt. Über die Sumpfweid habe man einen Schrank voll Material. Alles, was komme werde dort abgelegt. Aber es werde nichts unternommen. Der Mann leierte weiter: Hier werde sowieso nie etwas unternommen, zum Beispiel dieser Zahnarzt in Oberseldwylien, der seine Patientinnen jeweils mit Lachgas narkotisiert, missbraucht und erst dann behandelt habe, der praktiziere ja auch immer noch.

Später erreichte ich den Hausjuristen, der die Existenz des Schrankes bestätigte und ein Gespräch mit Seldwyliens oberstem Gesundheitsdirektor vermittelte, einem erfahrenen linken Politiker (damals Kurt Meyer). Dieser belehrte mich, dass beim Regieren die Hauptsache das Bewahren von Ruhe und Ordnung sei. Wogen müsse man unter den Teppich kehren, schlafende Hunde nicht wecken und den Rest unauffällig verwedeln. Vom Schrank wollte er nichts wissen und die Seldwyler Lösung des Problems bestand darin, dem de Haberbourg den Telefonanschluss abzustellen und auch jegliche Kompetenz zu telefonischen Auskünften zu entziehen.

Nachdem die Exekutive versagte hätte man an die dritte Gewalt, den Rechtsweg denken können. Aber wen hätte man wegen welchen Tatbestandes einklagen können und mit welcher Legitimation? Das war nebelhaft.

Blieb die vierte Gewalt, die Medien. Wenn man einen Skandal lostreten konnte, so würden Politik und Justiz schon folgen.

Nur wollten die Lokalredaktoren des „Seldwyler Morgenrufes“ (eigtl. Bund) und des „Seldwyler Patrioten“ (eigtl. Berner Zeitung) nichts machen, zu unglaublich schienen die Vorwürfe, zu mächtig die Angegriffenen. 

In diese Blockade kam der Anruf der grossen Zeitung aus der grossen Geldstadt (eigtl. Tages-Anzeiger), die über die kommenden städtischen Wahlen im kleinen Seldwyla berichten wollte. Würden die Ameisenfreunde mit einer eigenen Liste eingreifen?

Ich unterbrach mit meiner brisanteren Geschichte von Sumpf, Gerätehandel, Korruption und getürkter Chefarztwahl. Beim Saudischen Waffenhändler wurde der Redaktor (Niklaus Ramseyer) aufmerksam, denn vor Jahren hatte er über ihn einen grossen Bericht gemacht.

Am nächsten Tag kam alles im Geldstadter Anzeiger auf der Frontseite, dasselbe gleichentags in Radio und Fernsehen, anderntags sogar in der verschlafenen Seldwyler Presse, wo ich mich mit der Aussage zitieren liess, dass die Sumpfweid ein „Tummelplatz für Scharlatane und Betrüger“ geworden sei.

Die Eiterbeule war geöffnet, turbulente Zeiten, Telefone liefen heiss, Untersuchungen auf allen Ebenen.

Der Direktor hatte bei Beschaffungen Prozente kassiert. Und mit dem Geld, das eine uralte Patientin namens Paula Herzig für bedürftige Patienten testamentarisch vermacht hatte war der Direktor mit seiner Frau an die Hundertjahrfeier der Metropolitan-Oper New York geflogen. Der Richter qualifizierte das als «niedere Gesinnung» und das gab Zuchthaus. 

Die Universität fand, dass gewisse wissenschaftliche Untersuchungen des Patensohnes und neuen Chefarztes gar nie stattgefunden hatten, die Resultatbogen enthielten nur Fantasiezahlen. Dafür wurde doppelt Rechnung gestellt, nicht nur an die auftraggebende Pharmafirma, sondern auch an die soziale Krankenkasse der untersuchten Patienten. Der neue Chefarzt wurde auch entfernt.

Der lebenslustige Chirurg, der seine Klinik im Sommerhalbjahr jeweils per Satellitentelefon von der Yacht in der Karibik aus geleitet hatte pensionierte sich freiwillig.

Auch ich bekam mein Fett ab: Vier Mitglieder der Belegschaft klagten mich ein. Mein Fehler war, dass ich alles, was ich an Informationen erfuhr vorzu an den Untersuchungsrichter weiterleitete, aus Angst, vielleicht einmal zusammengeschlagen und ohne Gedächtnis in einem Strassengraben zu enden. Schliesslich hatte man es mit Kriminellen zu tun.

Einige der Informationen waren falsch und das wurde eingeklagt. Eine Meute von vier Seldwyler Spitzenanwälten stand mir vor Gericht gegenüber. Sie plusterten sich im Namen wohlanständiger, gutbürgerlicher Rechtschaffenheit auf, wie die Truthähne. Der neue Chefarzt klagte gegen die Aussage „Sumpfweid als Tummelplatz für Scharlatane und Betrüger“ und blitzte ab. Aber die Oberschwester und ein anderer Beteiligter bekamen Recht und bei ihnen muss ich mich wirklich entschuldigen. Obschon mir ehrenhafte Beweggründe zugestanden wurden, betrug die Busse zehntausend Franken. Schadenfreudig frohlockte einer der Truthähne, dass ich jetzt Kartoffeln fressen könne. Empörte Arztkollegen sammelten innert weniger Wochen das Geld für die Busse. Dagegen wollten die Truthähne auch noch klagen, aber das Zahlen einer Busse für Drittpersonen ist nicht strafbar.  

Einer dieser vier Anwälte vertrat später jahrelang FDP und die wohlanständige, gutbürgerliche Rechtschaffenheit als Richter am obersten Landesgericht.

Wir im Vorstand wählten einen neuen Chefarzt, der uns allen den soliden Eindruck wohlanständiger, gutbürgerlicher Rechtschaffenheit machte.

Neulich kamen jedoch brisante Nachrichten, wiederum aus Geldstadt: Die dortige Feiertagszeitung enthüllte, dass dieser Chefarzt sich für jeden Herzpatienten, den er zur Behandlung an Privatspitäler weiterwies Geld aufs Privatkonto rückvergüten liess, 1005 Franken pro Herzinfarkt und 1072 Franken für einen Herzklappeneingriff. Vor Jahren deswegen von seinem Spitalvorstand zur Rede gestellt habe er eingeräumt, dass dies „rechtliche Fragen und sozialpolitischen Sprengstoff“ aufwerfe. Er zahlte einmalig den fünfstelligen Betrag zurück, den er in diesem Jahr erhalten hatte. Dafür entging er einer Untersuchung oder Meldung an die Gesundheitsdirektion. Von den Zahlungen in den Vorjahren redete niemand. Und Zahlungen liefen danach trotzdem weiter, lediglich auf ein anderes Konto. Merkwürdig.

Der neue Geldstadter Bericht zwang die Seldwyler Gesundheitsdirektion nun doch zu einer Untersuchung. Aber bekanntlich heisst in Seldwyla eine Untersuchung noch lange nicht, dass etwas gefunden werde, selbst wenn etwas zu finden wäre. Und selbst wenn etwas gefunden würde, hätte es ja immer noch Platz in besagtem Schrank. Jedenfalls hat man seither nichts mehr davon gehört. 

Solche Vorgänge sind nun denn doch schon ein ganz klein bisschen verunsichernd. Konnte es sein, dass man die Eiterbeule umsonst aufgestochen hatte?  Wenn es gelungen war, den korrupten Direktor und den Patensohn aus dem Sattel zu heben, war es auch gelungen, den Geist auszutreiben, der hier regierte? Oder war gegen diesen Geist nichts zu machen? Hatte der alte Professor der Gerichtsmedizin womöglich sogar recht behalten?

Ich bin seither nicht mehr so sicher, dass sich in Seldwyla ein öffentliches Spital ordnungsgemäss betreiben lässt. Und ich bin auch nicht mehr so sicher, ob ich noch einmal antreten würde, gegen die versammelte, wohlanständige, gutbürgerliche Rechtschaffenheit.



Samstag, 23. Mai 2020

Hilferuf aus Russland und eine Buchempfehlung

Als Arzt hat man oft Mühe mit Literatur, denn die Geschichten, die man in der Praxis hört sind oft farbiger, drastischer und authentischer als die Erfindung der Dichter.

Aber nach einem Artikel im New Yorker  entdeckte ich Maxim Osipovs Kurzgeschichten, übersetzt im Band "Nach der Ewigkeit", Hollitzer Verlag, Wien 2018, ISBN 978-3-99012-454-3: So unterhaltend, überraschend in Inhalt und Form und mit einem eigenartigen Hintersinn. Ich musste sie in einem Zug durchlesen. Seine Kurzgeschichten sind ein Welterfolg, wurden in viele Sprachen übersetzt.

Besonders berührt hat mich die Geschichte "Der polnische Freund", in der eine Geigerin plötzlich den Musiker trifft, den sie sich vorher jahrzehntelang immer nur in ihrer Fantasie erträumt hatte. Wer das schreiben konnte muss ein ganz tiefes Verständnis für die Musik haben. Ich habe dann herausgefunden, dass Osipovs Frau Pianistin ist,  und seine Tochter als Geigerin im Eliot-Streichquartett spielt. Über diese musikalische Achse sind wir in Kontakt gekommen.

Osipov ist Arzt, Kardiologe, leitet ein kleines Spital in Tarusa, zwei Stunden von Moskau. Dank der Einnahmen aus seinen Werken kann er in diesem Spital einen hohen Standard halten, deshalb zieht es Patienten von weitherum an. 

Wie viele Spitäler in der Schweiz oder auch den USA ist das Spital durch die Coronakrise in Finanznöte gekommen und Osipov hat seine Freunde gebeten, zu Spenden aufzurufen. Ich habe gespendet und gleichzeitig mit der Empfehlung seines Buches frage ich, wer sonst noch etwas Geld übrig hätte, zehn, zwanzig, fünfzig Franken, alles hilft. Zahlen geht einfach über Paypal: https://www.paypal.me/tarusahelp. Danke!