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Freitag, 13. Mai 2022

DER SCHWEIZER PANZERWAHN

Wegen des Ukrainekrieges wollen die Schweizer Militärköpfe in Verwaltung und Parlament jetzt wieder mehr Panzer beschaffen. 

Schon in den Achzigerjahren kaufte die Schweiz Unmengen von Panzern Leopard. Im Vorfeld der Beschaffung wurde ein Deutscher Panzergeneral, der einst selber noch im zweiten Weltkrieg gekämpft hatte eingeladen, um vor Fachleuten und der Beschaffungskommission ein Referat zu halten, das er, wie mir ein berufsmässiger Panzeroberst danach berichtete, wie folgt eröffnete:

"Na, meine Herren. Jetzt bin ich doch mit nem Zuch (Eisenbahnzug) über Basel und Olten hieher nach Bern gefahren. Wo haben Sie jetzt dieses Mittelland, in dem Sie mit Panzern fahren wollen?"

Diese wichtigste Frage wurde nicht diskutiert. 380 Leos wurden gekauft. Etwa ein Drittel ist noch im Betrieb, der Rest wurde verkauft oder eingemottet. 


Und ja, in diesen Jahren durchlief ich zwei mehrwöchige militärische Zentralschulen, wo wir auch supponierte Schweizer und Russische Panzerregimenter kommandierten: Panzergelände gibt es in der Schweiz nur in der Ostschweiz nordöstlich von Winterthur und in der Westschweiz zwischen Freiburg und Lausanne, der Rest der Schweiz ist verbaut, hügelig oder unwegsam und für Panzer eine Todesfalle.  

Ab den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts kamen die ferngesteuerten Panzerabwehrraketen, man konnte sich wieder verteidigen. Diese Raketen wurden immer besser und - wie der Ukrainekrieg zeigt - geht das bei der Panzerabwehr heute wie beim Tontaubenschiessen. Panzer sind verwundbar geworden, in unserem Gelände erst recht. Ich bin wirklich kein Armeegegner und würde die Beschaffung jeder Menge von Flugabwehrraketen, Panzerabwehrraketen und Drohnen befürworten. Aber mehr Panzer sind eine Bieridee. 

Und mein Panzeroberst? Er sagte mir mit andächtig-verklärtem Blick "Ja wenn so ein Leo anfährt, 56 Tonnen und 1500 PS, und im Sprung auf 60 Stundenkilometer beschleunigt - das ist einfach eine Wucht". 

Klar, auch Männer brauchen Spielzeug. Aber ob wir Steuerzahler das berappen sollen?

Freitag, 29. April 2022

VOR DEM KRIEG

Von Tariq Ali

Aus London Review of Books Vol. 44 Nr. 6 · 24. März 2022, übersetzt von Lukas Fierz, veröffentlicht mit Genehmigung von Verlag und Autor.

Der Autor stammt aus Pakistan und ist ein Britischer Journalist, Historiker, Buchautor und Filmemacher. Seine Sichtweise unterscheidet sich oft vom Euro- und US-zentrischen westlichen Mainstream. 

Tariq Ali

Niemand weiß, wie das enden wird.

Putins rücksichtsloses Abenteurertum ist nach hinten hinausgegangen: Er versuchte die USA nachzuahmen auf der Basis seines Bruttosozialproduktes von 1,5 Billionen Dollar, das sogar kleiner ist als jenes von Italien und winzig im Vergleich zu jenem Chinas (14,7 Billionen Dollar). Das war tollkühn. Er erhoffte einen schnellen Sieg im Rahmen einer „Polizeioperation“ im Kolonialstil. Und jetzt erkennt er, dass die Installation eines Marionettenpräsidenten à la Janukowitsch in Kiev Russland dazu zwingen würde, eine massive Militärpräsenz in der Ukraine aufrechtzuerhalten. Dieses Land, das noch vor zwölf Jahren in eine pro-russische und eine pro-westliche Fraktion zerfiel hat sich inzwischen entschieden zum Westen gewandt.

Auch Biden war nicht gerade vorsichtig. Seine Entscheidung vom vergangenen November, die Nato-Erweiterung weiterzuführen und dabei die Aufnahme der Ukraine einzuleiten – halb hoffend, halb überzeugt, damit Russlands  Vordringen am Dombass und der Krim aufzuhalten -  erwies sich als katastrophaler Fehler. Zwar darf das nicht öffentlich zugegeben werden, aber die Nato-Leitung weiss es ebenso wie die Führer Chinas, Indiens, Vietnams, Pakistans, Bangladeschs, Sri Lankas, Kubas und der anderen Länder, die es unterlassen haben, Russland bei der UNO zu kritisieren. Deren Gesamtbevölkerung macht die Hälfte der Menschheit aus. Die USA werden an anderen Fronten Zugeständnisse machen müssen. Z.B. müssen sie das Russische Öl ersetzen und werden deshalb wohl den von ihnen in einem Putsch eingesetzten und sogar im Westen umstrittenen Präsidenten Venezuelas, Juan Guaidó fallen lassen müssen. Eine Delegation des US-Aussenministeriums hat verhandelt. Auch geheime Gespräche mit dem Iran wurden wieder aufgenommen, sehr zum Ärger Israels.

Die Ursprünge dieses massiven außenpolitischen Versagens sind Gegenstand einer kürzlich erschienenen Studie, «Not One Inch» («Kein Zentimeter»), von M. E. Sarotte, Historiker an der Johns Hopkins-Universität und Mitglied des Council on Foreign Relations (1): «Not one inch» war die Zusicherung über die Begrenzung der NATO-Osterweiterung, die der US-Aussenminister James Baker 1990 an Michael Gorbatchov gegeben hatte.

Die Sowjetunion hatte seit der Befreiung Berlins Truppen in Ostdeutschland stationiert; 1990 waren es 380.000. Gorbatschow war militärisch in einer starken Position, in jeder anderen Hinsicht war er jedoch schwach. Sarotte beschreibt ihn als „idealistischen Visionär“, aber diese Worte treffen nicht wirklich zu. Er war ein wohlmeinender Reformer (Ich war selbst Zeuge der Aufregung, die Glasnost in Russland auslöste – nicht nur in intellektuellen Kreisen und an den Universitäten, sondern auch in Fabriken und unter Bürokraten.), als Weltführer war er jedoch überfordert und westliche Schmeichelei stieg ihm zu Kopf.

Baker spielte diese Schwäche aus und schlug einen Deal vor. Würde die Sowjetunion einem Rückzug aus Ostdeutschland zustimmen, wenn die USA sicherstellen würden, dass die Nato „keinen Zentimeter von ihrer Position nach Osten abweicht“? Am nächsten Tag wiederholte er seine Worte an Gorbatschow in einem Brief an Helmut Kohl: „Wollen Sie lieber ein vereintes Deutschland außerhalb der Nato sehen, unabhängig und ohne US-Streitkräfte, oder bevorzugen Sie ein vereintes Deutschland, das an die Nato gebunden ist, mit der Zusicherung, dass sich die Zuständigkeit der Nato von ihrer derzeitigen Position keinen Zoll nach Osten verschieben würde?».

Was Kohl und sein Außenminister Hans-Dietrich Genscher bevorzugten, waren direkte Gespräche mit Gorbatschow, bei denen Kohl versprach, es werde keine Nato-Stützpunkte in der ehemaligen DDR geben. Bis es soweit war, waren Washington und Bonn extrem nervös. Sie konnten nicht glauben, dass die Sowjetunion die DDR ohne etwas Schriftliches ausliefern würde. Gorbatschow hielt seine Seite der Abmachung. Die USA nicht.

Madeleine Albright, Clintons Außenministerin, wird in Sarottes Bericht besonders kritisiert – nicht nur als Kriegstreiberin („Colin, wofür sparen Sie dieses unglaubliche Militär?“), sondern auch, weil sie den amerikanischen Vorteil um jeden Preis erzwingen wollte. Die Nato-Erweiterung habe sich gelohnt, weil sie „von der Ukraine bis in die Vereinigten Staaten“ zeigen würde, dass „das Streben nach europäischer Sicherheit kein Nullsummenspiel mehr sei“.

Man hätte andere Wege beschreiten können. Ein Geheimdienstbericht an die damalige US-Aussenministerin Condoleezza Rice im Jahr 2008 enthielt die folgende Warnung:

Der Eintritt der Ukraine in die Nato ist für die russische Elite (nicht nur Putin) die röteste aller roten Linien. In mehr als zweieinhalb Jahren Gesprächen mit wichtigen russischen Akteuren - von Handlangern in den dunklen Winkeln des Kremls bis hin zu Putins schärfsten liberalen Kritikern -  habe ich noch niemanden gefunden, der eine Ukraine in der NATO anders als direkte Herausforderung der Russischen Interessen sehen würde. [Die Verfolgung dieser Strategie] würde einen fruchtbaren Boden für russische Einmischungen auf der Krim und in der Ostukraine schaffen.

Der Autor? William Burns, inzwischen Direktor der CIA, dessen Aufgabe jetzt darin besteht, die Folgen seines abgelehnten Rates zu bewältigen.

Kritik am Expansionismus ist weder neu noch auf die Linke beschränkt. Thomas Friedman hat in zwei kürzlich erschienenen Kolumnen der New York Times überraschend scharfe Kritik an der US-Politik geübt. In der ersten erzählte er seine Erinnerungen vom 2. Mai 1998:

Unmittelbar nachdem der Senat die Nato-Erweiterung ratifiziert hatte, rief ich George Kennan an, den Architekten von Amerikas erfolgreicher Eindämmung der Sowjetunion. Nachdem Kennan 1926 in das Außenministerium eingetreten war und vor und nach dem zweiten Weltkrieg widerholt als US-Botschafter in Moskau gedient hatte, war er wohl Amerikas größter Russland-Experte. Obwohl er damals 94 Jahre alt war und eine schwache Stimme hatte, war er scharfsinnig, als ich ihn nach seiner Meinung fragte.

Dann zitiert Friedman die Antwort von George Kennan vollständig:

Ich denke, es ist der Beginn eines neuen Kalten Krieges. Ich denke, die Russen werden allmählich ziemlich negativ reagieren und es wird ihre Politik beeinflussen. Ich denke, es ist ein tragischer Fehler. Dazu gab es keinerlei Anlass. Niemand drohte jemand anderem. Diese Expansion würde die Gründerväter dieses Landes dazu bringen, sich in ihren Gräbern umzudrehen.

Wir haben uns verpflichtet, eine ganze Reihe von Ländern zu schützen, obwohl wir weder die Ressourcen noch die Absicht haben, dies ernsthaft zu tun. [Die Nato-Erweiterung] war einfach eine leichtfertige Aktion eines Senats, der kein wirkliches Interesse an Außenpolitik hat. Was mich stört, ist, wie oberflächlich und schlecht informiert die ganze Senatsdebatte war. Besonders störten mich die Hinweise auf Russland als ein Land, das darauf aus ist, Westeuropa anzugreifen.

Verstehen die Leute nicht? Unsere Differenzen im Kalten Krieg bestanden mit dem sowjetischen kommunistischen Regime. Und jetzt kehren wir genau jenen Menschen den Rücken, die die größte unblutige Revolution der Geschichte inszeniert haben, um dieses Sowjetregime zu beseitigen. Und Russlands Demokratie ist so weit fortgeschritten, wenn nicht sogar weiter, als jedes dieser Länder, die wir gerade unterzeichnet haben, um sie gegen Russland zu verteidigen. Natürlich wird es eine schlechte Reaktion aus Russland geben, und dann werden [die Nato-Expansionisten] sagen, dass wir Ihnen immer gesagt haben, dass die Russen so sind – aber das ist einfach falsch.

Putin ist natürlich ein überzeugter Antikommunist, ein Anhänger sowohl von Mutter Russland als auch der orthodoxen Kirche. 2017 weigerte er sich, den 100. Jahrestag der Februar- und Oktoberrevolution zu feiern und sagte einem indischen Zeitungsbesitzer (den ich vor ihrem privaten Treffen in Moskau vorbereitet hatte), dass „diese Revolutionen nicht Teil unseres Kalenders sind“. An einer neulichen Pressekonferenz bezeichnete Putin Lenin als den Vater der ukrainischen Unabhängigkeit. Das ist teilweise richtig. Lenin verachtete den großrussischen Chauvinismus und den Nationalismus der Unterdrückernationen. Er feierte die zaristische Niederlage gegen die Japaner, welche die Revolution von 1905 auslöste. Im Juni 1917, an einem kritischen Punkt zwischen den beiden Revolutionen, verurteilte Lenin die Provisorische Regierung dafür, dass sie sich weigerte „die Autonomie und die vollständige Freiheit der Sezession der Ukraine“ zu unterstützen, für ihn eine „elementare demokratische Pflicht“. Später bestand er darauf, dass die Verfassung der Sowjetunion allen Gliedstaaten das Recht auf nationale Selbstbestimmung, d.h. das Recht auf Sezession, einräumt.

Die Bolschewiki einigten sich bald nach der Machtübernahme darauf, Finnland, Polen und der Ukraine die Unabhängigkeit zu gewähren. Dabei wussten sie von den einzigartigen Problemen, die das besondere nationale Gefüge in der Ukraine mit sich brachte: Eingewandertes russisches Proletariat und Bürokratie; ultranationalistische Bauernschaft mit Ressentiments gegenüber polnischen Landbesitzern und Juden). Es war Stalin, der als Kommissar für Nationalitäten nach Finnland reiste, um die Botschaft zu überbringen. Niemand wurde in die Ukraine entsandt, aber der örtliche Sowjet, die Rada, rief eine Volksrepublik aus, allerdings auf der Abicht bestehend „sich nicht von der Russischen Republik zu trennen“. Als andere Sowjets in der ganzen Ukraine entstanden, spaltete sich die nationale Bewegung in jene, die einen separaten Vertrag mit Deutschland (und später mit Frankreich) unterzeichneten, und jene, die im neuen Sowjetstaat blieben. Der russische Bürgerkrieg spaltete das Land ebenso wie der Zweite Weltkrieg. Ukrainische Überläufer zu Hitler sind gut dokumentiert. 1954, ein Jahr nach Stalins Tod, erweiterte Nikita Chruschtschow, der ukrainische Führer der Sowjetunion, unterstützt vom Präsidium, die Ukraine um die Krim. Es war eine emotionale Geste ohne politische Begründung. Nur wenige konnten sich in diesem Zeitpunkt vorstellen, dass die Sowjetunion einmal implodieren könnte.

Das Entstehen einer russischen Friedensbewegung ist eine der ermutigenderen Entwicklungen der letzten Monate. Die meisten westlichen Politiker legen Lippenbekenntnisse zum Mut der jungen Russen ab, die der staatlicher Repression ausgesetzt sind.  Aber auch in England haben sowohl der Premierminister Johnson als auch Oppositionsführer Starmer die Kriegsgegner von „Stop the War“ angeprangert: Putin greift seine Andersdenkenden als Nato-Agenten an, was sie entschieden dementieren. Und hier in England werden die Leute von „Stop the War“ als Putin-Unterstützer verleumdet , wenn sie sich gegen den Expansionsdrang der Nato und gegen ihre Kriege stellen. Sie können kaum anders: Die Nato ist eine Militärorganisation, die die US-Hegemonie in Europa und darüber hinaus bewahren soll. Aber ist das überhaupt nötig?

(1) Not One Inch: America, Russia and the Making of Post Cold-War Stalemate by M.E. Sarotte (Yale, 550 pp., £25, February, 978 0 300 25993 3).



Dienstag, 12. April 2022

Das Russische Programm für den Ukraine-Genozid

Von Timothy Snyder, übersetzt von Lukas Fierz

Erstmals erschienen auf dem Blog des Historikers Timothy Snyder am 8. April 2022. Snyder ist der Autor des Buches "Bloodlands", welches die Völkervernichtungspolitik Stalins und Hitlers im Osten darstellte. ________________________________________________________________________________

Russland hat gerade ein Genozid-Manifest für seinen Krieg gegen die Ukraine herausgegeben: Die offizielle und vom Kreml kontrollierte russische Presseagentur „RIA Novosti“ veröffentlichte am vergangenen Sonntag ein explizites Programm zur vollständigen Beseitigung der ukrainischen Nation als solcher (Es ist immer noch verfügbar und wurde inzwischen mehrfach ins Englische übersetzt. Falls das Original verschwinden würde, wäre hier der Link zum Webarchiv).

Wie ich seit Beginn des Krieges gesagt habe, bedeutet „Entnazifizierung“ im offiziellen russischen Sprachgebrauch nur die Zerstörung des ukrainischen Staates und der ukrainischen Nation. Ein "Nazi", wie das Genozid-Handbuch erklärt, ist einfach ein Mensch, der sich selbst als Ukrainer identifiziert.

Laut Handbuch war die Gründung eines ukrainischen Staates vor dreißig Jahren die "Nazifizierung der Ukraine". Tatsächlich muss „jeder Versuch, einen solchen Staat aufzubauen“, eine „Nazi“-Aktion sein. Ukrainer seien "Nazis", weil sie "die Notwendigkeit nicht akzeptieren, dass das Volk Russland unterstützt". Die Ukrainer sollten leiden, weil sie glauben, dass sie als eigenständiges Volk existieren; nur dies kann zur „Schuldtilgung“ führen.

Für jeden da draußen, der glaubt, dass Putins Russland gegen die extreme Rechte in der Ukraine oder anderswo ist, ist das Völkermordprogramm eine Chance, es noch einmal zu überdenken. Putins russisches Regime spricht von „Nazis“, nicht weil es sich gegen die extreme Rechte wendet, was es mit Sicherheit nicht tut, sondern als rhetorisches Mittel, um die unprovozierte Kriegs- und Völkermordpolitik zu rechtfertigen.

Putins Regime ist die extreme Rechte. Es ist das Weltzentrum des Faschismus. Sie unterstützt Faschisten und rechtsextreme Autoritäre auf der ganzen Welt. Indem sie Wörter wie „Nazi“ in ihrer Bedeutung verfälschen, schaffen Putin und seine Propagandisten mehr rhetorischen und politischen Raum für Faschisten in Russland und anderswo.

Das Genozid-Handbuch erklärt, dass die russische Politik der „Entnazifizierung“ nicht im üblichen Sinne gegen Nazis gerichtet ist. Das Handbuch räumt ohne Zögern ein, dass es keine Beweise dafür gibt, dass der Nationalsozialismus, wie allgemein verstanden wird, in der Ukraine wichtig ist. Sie arbeitet innerhalb der speziellen russischen Definition von „Nazi“: Ein Nazi ist ein Ukrainer, der sich weigert, zuzugeben, ein Russe zu sein. Der fragliche „Nationalsozialismus“ sei „amorph und ambivalent“; man müsse zum Beispiel hinter die Scheinwelt blicken können und die Affinität zur ukrainischen Kultur oder zur Europäischen Union als "Nationalsozialismus" entschlüsseln.

Die tatsächliche Geschichte der tatsächlichen Nazis und ihrer tatsächlichen Verbrechen in den 1930er und 1940er Jahren ist daher völlig irrelevant und wird vollständig beiseitegeschoben. Dies ist vollkommen konsistent mit der russischen Kriegsführung in der Ukraine. Im Kreml werden keine Tränen über die russische Tötung von Holocaust-Überlebenden oder die russische Zerstörung von Holocaust-Mahnmalen vergossen, weil Juden und der Holocaust nichts mit der russischen Definition von "Nazi" zu tun haben.

Dies erklärt, warum Wolodymyr Selenskyj, obwohl er ein demokratisch gewählter Präsident und ein Jude mit Familienmitgliedern ist, die in der Roten Armee gekämpft haben und im Holocaust gestorben sind, als Nazi bezeichnet werden kann. Zelens'kyi ist Ukrainer, und das ist alles, was "Nazi" bedeutet.

Nach dieser absurden Definition, wo Nazis Ukrainer und Ukrainer Nazis sein müssen, kann Russland nicht faschistisch sein, egal was Russen tun. Das ist sehr praktisch. Wenn „Nazi“ die Bedeutung „Ukrainer, der sich weigert, Russe zu sein“ zugewiesen wurde, folgt daraus, dass kein Russe ein Nazi sein kann. Da Nazi-Sein für den Kreml nichts mit faschistischer Ideologie, Hakenkreuz-ähnlichen Symbolen, großen Lügen, Kundgebungen, Säuberungsrhetorik, Angriffskriegen, Entführungen von Eliten, Massendeportationen und der Massentötung von Zivilisten zu tun hat, können die Russen all dies tun, ohne jemals fragen zu müssen, ob sie selbst auf der falschen Seite der Geschichte stehen,

Und so finden wir Russen, die faschistische Politik im Namen der „Entnazifizierung“ umsetzen. Das russische Handbuch ist eines der am offensten genozidalen Dokumente, die ich je gesehen habe. Es fordert die Liquidierung des ukrainischen Staates und die Abschaffung aller Organisationen, die in irgendeiner Weise mit der Ukraine in Verbindung stehen. Sie postuliert, dass die „Mehrheit der Bevölkerung“ der Ukraine „Nazis“ sind, also Ukrainer. (Dies ist eindeutig eine Reaktion auf den ukrainischen Widerstand; zu Beginn des Krieges ging die Russische Führung ja davon aus, dass es nur wenige Ukrainer gäbe und dass sie leicht zu beseitigen seien. Dies wurde in einem anderen in RIA Novosti veröffentlichten Text, der Siegeserklärung vom 26. Februar, deutlich.)

Solche Menschen, "die Mehrheit der Bevölkerung", also mehr als zwanzig Millionen Menschen, sollen getötet oder zur Arbeit in "Arbeitslager" geschickt werden, um ihre Schuld für die Nichtliebe zu Russland zu tilgen. Überlebende sollen einer „Umerziehung“ unterzogen werden. Kinder werden russisch erzogen. Der Name "Ukraine" wird verschwinden.

Ein Mädchen blickt zurück, als sie aus Irpin evakuiert wird. Viele Zivilisten, die in diesem Kiewer Vorort geblieben waren, wurden von russischen Soldaten ermordet. Nach Angaben lokaler Beamter wurden ihre Körper dann mit Panzern zerquetscht. Wäre dieses Völkermord-Handbuch an einem anderen Ort erschienen?

Ein Mädchen blickt zurück, als sie aus Irpin evakuiert wird. Viele Zivilisten, die in diesem Kiewer Vorort geblieben waren, wurden von russischen Soldaten ermordet. Nach Angaben lokaler Beamter wurden ihre Körper dann mit Panzern zerquetscht. 

Wäre dieses Genozid-Handbuch zu einem anderen Zeitpunkt und an einem obskureren Publikationsort erschienen, wäre es möglicherweise der Aufmerksamkeit entgangen. Aber es wurde mitten in der russischen Medienlandschaft während eines russischen Vernichtungskrieges veröffentlicht, explizit legitimiert durch die Behauptung des russischen Staatsoberhauptes, dass es keinen Nachbarstaat Ukraine gebe. Es wurde an einem Tag veröffentlicht, als die Welt von einem Massenmord an Ukrainern erfuhr, der von Russen begangen wurde. Russlands Genozid-Handbuch wurde am 3. April veröffentlicht, zwei Tage nach der ersten Enthüllung, dass russische Soldaten in der Ukraine Hunderte von Menschen in Bucha ermordet hatten, und gerade als diese Geschichte die großen Zeitungen erreichte.

Das Massaker von Bucha war einer von mehreren Fällen von Massenmord, die beim Abzug russischer Truppen aus der Region Kiew entdeckt wurden. Das Völkermordprogramm wurde also wissentlich in dem Moment veröffentlicht, als die physischen Beweise für den Völkermord auftauchten. Der Autor und die Herausgeber haben diesen besonderen Moment gewählt, um ein Programm zur Beseitigung der ukrainischen Nation als solcher zu veröffentlichen.

Als Historiker des Massenmords fällt es mir schwer, an viele Beispiele zu denken, in denen Staaten den völkermörderischen Charakter ihrer eigenen Handlungen genau in dem Moment anpreisen, in dem diese Handlungen öffentlich bekannt werden. Aus rechtlicher Sicht macht die Existenz eines solchen Textes (im größeren Kontext ähnlicher Äußerungen und Wladimir Putins wiederholter Leugnung der Ukraine) die Anklage wegen Völkermordes viel einfacher. Rechtlich braucht es für  Völkermord zwei Gegebenheiten: Es muss nicht nur eine Volksgruppe ganz oder teilweise vernichtet werden, sondern es muss auch eine Absicht nachgewiesen sein, dies zu tun. Russland hat die Tat begangen und die Absicht gestanden.

Samstag, 2. April 2022

Der Experte

(Aus meinem Büchlein "Begegnungen mit dem Leibhaftigen, Tredition 2016)

Die Patienten für medizinische Gutachten habe ich immer um 10 Uhr oder 10:30 Uhr bestellt und Zeit reserviert bis Mittag. Da konnte man nötigenfalls noch in die Mittagspause arbeiten, ohne Zeitdruck.

Angemeldet war dieser höfliche, ja freundliche ältere Herr wegen eines Schleudertraumas. Er war auffallend klein, etwas beleibt. Er hatte eine Glatze, leicht abstehende, grosse Ohren und trug einen eleganten grauen Anzug. Zwar sprach er Schweizer Dialekt, aber etwas getragen, singend, mit hochdeutschem Akzent und rollendem R. Trotz seiner Kleinheit strahlte er heitere Selbstsicherheit und Überlegenheit aus. Er war der Patron einer grossen Firma.

Medizinisch war die Sache klar und weiter nicht interessant. Aber man protokollierte halt die Geschichte und machte die Untersuchung, bei der man meist ausser einem steifen Nacken nichts fand.

Jetzt sitzt er vor mir auf der Untersuchungscouch und ich prüfe mit dem Hammer die Sehnenreflexe, rechts, links, alle vorhanden und ganz seitengleich. Aber was ist das hier auf dem linken Vorderarm? Bläulich, eine Nummer, eine tätowierte Nummer, etwas schwierig zu lesen, aber doch, 178453... Man weiss – solche Nummern hatte ich schon zweimal gesehen – solche tätowierten Nummern gab es nur in Auschwitz. Ich fragte vorsichtig, was das sei, und er bestätigte, Auschwitz... Ich beendete die Untersuchung, die Geschichte hatte ich notiert, es war nichts mehr zu tun. Aber dieser Mann wusste mehr als wir… ich musste mehr über ihn herausfinden...

Er hatte sich wieder angezogen und kam aus dem Untersuchungszimmer. Ich sagte ihm, wir seien fertig, ich hätte alles was ich brauche... aber... also... das wisse er ja selber... wir Friedenskinder hätten ja keine Ahnung... ob er mir vielleicht über seine Erfahrungen erzählen wolle... er müsse natürlich nicht, es sei nur für mein persönliches Interesse... Ohne gross zu überlegen meinte er ganz liebenswürdig, das könne er schon machen, setzte sich und fügte an, er gehe sowieso ab und zu in die Schulen, um den Kindern über die damalige Zeit zu berichten. Das sei eine Pflicht.

Was solle er sagen, er stamme aus Polen, seine Eltern seien arme Bauern gewesen, rechtgläubige Juden, er habe neun Geschwister gehabt. Es habe in Polen schon in den Dreissigerjahren Antisemitismus gegeben, für ihn habe das geheissen, dass er von seinen Mitschülern jeden Tag verprügelt worden sei, und zwar, weil er Jesus ermordet habe, so ein Schwachsinn – nach 2000 Jahren…

Sein Vater habe darauf bestanden, dass alle seine Kinder Englisch lernten, man könne nie wissen … Daneben habe er Hebräisch und in der Synagoge die ganze jüdische Tradition gelernt, die Gebete und die heiligen Texte. Nach der Schule habe man ihn in eine Uhrmacherlehre gesteckt. Aber schon bald war für einen Juden Schluss mit Uhrmacherlehre, denn 1939 marschierte Hitler in Polen ein. So sei er mit dreizehn Jahren ins Ghetto von Krakau gekommen. Irgendwie habe er dort überlebt, immer mit Hunger. Seither sei er nicht mehr gewachsen. 1943 habe man ihn nach Auschwitz deportiert – Rampe, Tätowierung, gestreifte Kleider, stundenlange Appelle, Kälte, harte Arbeit, man weiss.

Aber eigentlich sei er erleichtert gewesen, endlich im Konzentrationslager zu sein. Da habe man wenigstens gewusst, woran man sei. Er schaute mich direkt an und fuhr fort, er habe das eben als Aufgabe aufgefasst: Das war jetzt das Spiel, das es zu spielen galt... Sein Vorteil sei gewesen, dass er so jung gewesen sei.

Er habe nicht viel anderes gekannt und sich deshalb besser darauf einstellen können, als die Erwachsenen. Vorher, im Ghetto, dauernd auf der Hut, dauernd in Angst vor der nächsten Razzia, vor der nächsten Selektion, oft versteckt, dauernd auf der Suche nach Essbarem und jede Minute in Ungewissheit, das sei viel schlimmer gewesen.

Das Konzentrationslager habe er nur mit unglaublich viel Glück überlebt. Wie viele Male sei sein Überleben an einem Fädchen gehangen. Einmal zum Beispiel hätten die Wachen zwei Pflöcke drei Meter voneinander entfernt in den Boden rammen lassen. Daran wurde eine Querlatte befestigt, 140 Zentimeter über dem Boden. Dann habe man alle Jugendlichen versammelt und durch dieses Tor getrieben. Diejenigen, welche die Querlatte mit dem Kopf erreichten oder überragten seien direkt ins Gas gekommen. Sein Glück sei gewesen, dass er durch den dauernden Hunger im Wachstum zurückgeblieben war. So sei er nicht ins Gas gekommen. Durch seine Kleinheit hätten ihm auch die kargen Essenrationen etwas besser gereicht.

Noch vor der KZ-Haft sei es seiner Mutter irgendwie gelungen, ihm Uhrmacherwerkzeuge ins Ghetto schmuggeln zu lassen, und die habe man ihm im Lager nicht weggenommen. Damit habe er manchmal Uhren reparieren und sich eine kleine Zusatzration verdienen können. So seien seine Kleinheit und seine Uhrmacherkunst seine Rettung geworden.

Zur Arbeit hätten sie in Viererkolonnen aus dem Lager hinaus und danach zurückmarschieren müs- sen. Besonders am Sabbat, aber oft auch sonst habe er auf diesen Märschen die rituellen jüdischen Gebete,Psalmen und Verse vor sich hingemurmelt, ganz leise, höchstens für die Nachbarn zur Rechten und zur Linken hörbar, aber nicht für die Wachen. Wie froh sei er gewesen, dass er sie alle auswendig gekannt habe, diese Verse, die für ihn enorm wichtig gewesen seien, als Protest und als Selbstbehauptung, das habe ihm und vielen anderen immer wieder Kraft zum Durchhalten gegeben.

Beim Anrücken der Roten Armee, Anfang 1945 sei Auschwitz durch die Nazis evakuiert worden mit Todesmärschen nach Buchenwald, vorbei an den Leichen derer, die nicht mehr weitergekommen waren, die beidseits der Strasse lagen, erschossen, erfroren, erschlagen im blutigen Schnee.

In all den Jahren im Ghetto und im Konzentrationslager habe er nicht ein einziges Mal geweint, egal, was man ihnen angetan habe. Und dann an einem Frühlingstag seien plötzlich Militärfahrzeuge aufgefahren vor Buchenwald, auf ihnen ein weisser Stern. Die KZ-Wachen seien plötzlich nicht mehr dagewesen und amerikanische Soldaten seien hin- und hergegangen. Und die Gefangenen hätten sich hinter dem Stacheldrahtzaun gedrängt, geschaut und gewusst, das ist das Ende unserer Leiden, die Befreiung. Diesen Moment habe er in der Krankenbaracke erlebt, und erst da hätten ihn die Tränen überwältigt und er habe lange geheult.

Nach der Befreiung habe man bei ihm Typhus und eine offene Lungentuberkulose festgestellt. Er habe noch 29 Kilogramm gewogen. Er sei zur Kur nach Seldwyla gebracht worden, ja in die Sumpfweid, so habe doch das Spital geheissen, und dann in die Berge. Wieder ein Glück, dass er so klein gewesen sei, denn nur so sei er in diesen Rotkreuz-Kindertransport gekommen. Man habe allerdings sein Geburtsdatum von 1926 auf 1929 verschieben müssen, sonst hätte man ihn nicht mitgenommen. Ebenfalls zu seinem Glück sei soeben das Streptomycin verfügbar geworden, das erste wirksame Medikament gegen die Tuberkulose. Ohne seine Kleinheit und ohne Streptomycin wäre er einmal mehr kläglich eingegangen, diesmal an Tuberkulose.

Nach der Heilung sei er in eine Uhrenfabrik im Schweizer Jura gekommen, dort konnte er die Uhrmacherlehre abschliessen und später in dieser Fabrik arbeiten. Ja, und dort habe er halt zugeschaut und immer wieder denken müssen, dass die ihre Arbeit ja auf eine ganz dumme Art und Weise machten. Dies und das hätte man besser machen können, oder jenes, wenn man sich nur etwas überlegt hätte...

»Da habe ich eben angefangen, zu erfinden«. Eine Erfindung nach der anderen. Jetzt besitze er ein Portfolio von zwanzig Patenten. Und dazu eine eigene Fabrik mit über hundert Angestellten. In dieser Fabrik sei er alles in einem: Entwicklungschef, Personalchef, Produktionschef, Finanzchef, Verkaufschef, eigentlich Vater und Mutter und alles zugleich.

Unter den vielen Patenten und Produkten sei das wichtigste ein Gerät zum Ölen von Uhren. An jedem Uhrenlager müsse ein winziges, kaum sichtbares Tröpfchen Öl abgesetzt werden. Wenn zu wenig Öl vorhanden sei,gehe das Lager kaputt und die Uhr bleibe stehen. Wenn zu viel vorhanden sei, laufe das Öl in der Uhr herum und beschädige andere Bestandteile. Beide Male entstehe für die Fabrik ein teurer Garantiefall, den es zu vermeiden gelte. So habe er einen Apparat erfunden, der an jedem Uhrenlager genau die richtige Menge Öl absetze. Ein Tropfen Öl reiche diesem Apparat für drei Jahre! Ja, sparen und einteilen lerne man schon im Konzentrationslager. Er produziere diesen Apparat selber in seiner Fabrik, er habe Abnehmer in der halben Welt.

Ein von Leon Reich/Hormec  entwickelter Dosierautomat 

Dann habe Philips die Kassettenrecorder auf den Markt gebracht. Dort bestehe genau dasselbe Problem mit dem Öl, nur seien die Masse und die Mengen zehnmal grösser. Da habe er eben seinen Apparat entsprechend vergrössert und an die Kassettenrecorderfabriken verkauft.

Er reise sehr viel, auch den Verkauf mache er selber. Sein Markt umfasse ganz Europa, Osteuropa und Ja- pan. Ja, Amerika fehle – aber seine Kraft habe dafür nicht mehr gereicht. Wenn er jünger gewesen wäre, dann hätte er dieses Land wohl auch erobert. Aber jetzt müssten die halt ohne seine Maschinen auskommen...

Dieser kleine Mann hatte nur eine Grundschule besucht. DieZeit, die andere in Oberstufe und Lehre verbringen, hatte er im Ghetto, im Konzentrationslager und im Tuberkulosesanatorium verloren. Und jetzt diese Karriere. Ein Triumph des Geistes über die widrigsten Umstände.

Was er mir bis jetzt über die Konzentrationslager erzählt hatte, wusste ich ja im Grunde schon. Und sei- ne so eindrückliche Biographie als Erfinder und Unternehmer war eigentlich auch nicht das, was ich von ihm wissen wollte. Ich brauchte ihn als Experten.

Es war damals die Zeit, wo die Nachachtundsechziger-Generation die Institutionen  durchwanderte, wo eine neue Zeit die Koordinatensysteme veränderte. Feministische Theologinnen predigten weibliche Werte und die Verweiblichung, wenn nicht gar Abschaffung des Mannes. Friedensforscher wiesen nach, dass es Aggressivität im Grunde genommen gar nicht gebe, wenn man nur die Armeen abschaffe. Soziologen, Politologen und Philosophen produzierten Abhandlungen über reflexive Modernisierungsprozesse, über Sosein, Nichtanderssein und Bedingtheiten, Abhandlungen, denen ich nicht entnehmen konnte, was jetzt gemeint sei. Grüne sahen eine Mission darin, die Menschen zum Frieden mit der Natur und untereinander zu bringen. Ihnen schlossen sich alte Marxisten an: Wenn schon die Diktatur des Proletariats nicht mehr möglich war, sollten sich andere Mittel und Wege finden lassen, das Volk zu seinem Glück zu zwingen. Die gemeinsame Prämisse dieser Bestrebungen war, dass der Mensch eigentlich gut sei, wenn man ihn nur lasse, dazu bringe oder zwinge.

Dieser Weltsicht stand ich etwas ratlos gegenüber, als einer, der im Weltkrieg die Sirenen gehört hatte, der bei Fliegeralarm in Basel noch mit dem Kindermädchen in Kellereingänge flüchten musste; als einer, der Luftschutzkeller, Rationierung von Heizung und Nahrung, Kälte und Hunger miterlebt hatte; als einer, der in Presse und Wochenschauen mit angesehen hatte, wie sich 1956 die Studenten in Budapest mit primitiven Molotowcocktails den russischen Panzern entgegengeworfen hatten, zuerst erfolgreich, um dann doch niedergewalzt zu werden; als einer, der erlebt hatte, wie der tschechische Versuch eines Sozialismus mit menschlichem Gesicht des Alexander Dubcek von den gleichen russischen Panzern zerquetscht wurde; als einer, der damals einer tschechischen Flüchtlingsfamilie monatelang Unterschlupf in der eigenen Wohnung gewährt hatte. Als so einer konnte ich dem jetzt immer allgemeingültigeren Friedensdiskurs nicht trauen.

Unsere ältere Generation vor den Achtundsechzigern war in ihrer Jugend überzeugt, dass ein rechter Mann die Pflicht habe, eine Waffe zu beherrschen und in der Armee zu dienen. Wir wollten nicht nur Molotowcocktails haben, wenn man sich denn wehren müsse, sondern Panzerabwehrraketen. Wir leisteten den Militärdienst mit Überzeugung, so grenzenlos stupid er auch organisiert war. Erst nach unserer Zeit drängten sich die jungen Leute in angeblicher Gewissensnot in den Zivildienst. Erst nach unserer Zeit gab es in jeder Rekrutenschule die weinenden Rekruten, welche die Idee, dass eine Waffe – ihre Waffe – töten könnte nicht mehr aushielten. Wir hatten das alles noch nicht gekannt.

Ich hielt es eher mit dem seherhaften Schweizer Dichter Friedrich Dürrenmatt, der den Menschen als »Raubaffen« definiert hatte. Da war alles drin: Primitivität, Egoismus, Ungerechtigkeit, Geschicklichkeit und Gewalt. 

Und so musste ich von meinem Experten vor allem eines wissen: Was war seine Ansicht? War der Mensch gut?

Er reagierte, wie wenn  er  nicht  richtig  verstanden hätte? Wie bitte? Ja eben, wiederhole ich, ist der Mensch gut? Er schaute mich an, wie wenn ich ihn gefragt hätte, ob der Mensch zwei Nasen habe, oder ob der Mond aus Käse sei... Dann sagte er sehr bestimmt und fast unwirsch: Aber selbstverständlich nicht, der Mensch ist überhaupt nicht gut. Wie ich auf so eine Idee komme?... Es komme nur auf die Bedingungen an. Wenn es ums Verhungern ging, im Ghetto, habe man sich wegen eines halben Brotstückes totgeschlagen...

Dann fragte ich ihn, ob das Hitler-Regime eine spezifisch deutsche Erscheinung sei, ob es einer besonderen Bosheit dieses Volkes entsprungen sei?... Wiederum ohne Zögern eine sehr bestimmte Antwort: Aber nein, die Deutschen haben einfach Pech gehabt. Das kann jederzeit und überall wieder passieren.

Aufgrund dieser Überzeugung habe er nicht die geringste Schwierigkeit, sich in Deutschland zu bewegen oder dort Geschäfte zu machen. Was er erlebt habe, nehme er keinem Deutschen persönlich übel.

Ich fragte dann weiter nach Verteidigungsfähigkeit und Armee. Ob er diese eher ablehne oder eher unterstütze. Darauf er: Wo denken Sie hin, ich habe jahrelang in Israel gelebt, ohne Armee ist das dort nicht möglich. Aber jetzt sei er schon Jahrzehnte in der Schweiz. Nur könne man auch hier nie sicher sein. Unrecht, Gewalt und Not könnten jederzeit und überall wieder ausbrechen. Selbstverständlich müsse man sich zu wehren wissen. Soweit mein Experte.

Ja, und selbstverständlich werden es jetzt sehr viele besser wissen: Alle die Sonntagsredner, die Bewegten, Milden, Klugen, die mit den weiten Herzen und mit dem alles verstehenden, einfühlsamen Blick.

Aber wer von diesen allen, bitteschön, hat den Teufel nicht nur gesehen, sondern am eigenen Leib im Massstab eins zu eins erlebt?

Ich glaube meinem Experten.

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Der Experte war Leon Reich (1926-2014), Unternehmer und Gründer der Hormec Technic, Ipsach, Schweiz. Er hat mich ausdrücklich ermächtigt, seine Geschichte mit Namensnennung zu veröffentlichen.

Leon Reich kam mit einem Rotkreuztransport von 370 Kindern und jungen Männern aus Buchenwald über Basel in die Schweiz. Tatsächlich hatten viele ältere Jungen ihr Alter zu tief angegeben, um in den Transport zu kommen. Der Transport verlief chaotisch und die Aufnahme in der Schweiz war nicht nur freundlich (1).

Ein anderer Rotkreuztransport mit ungefähr 270 Konzentrationslagerinsassen, darunter 25 jüdische Kinder aus Buchenwald kam über das Militärspital Herisau in die Schweiz. Dessen damaliger Leiter Prof. A. Hottinger hat in einem zeitnahen Bericht die medizinischen Befunde, die Biographien, die höllischen Erfahrungen und das Verhalten seiner Patienten dargestellt. Es werden anderswo nirgends erwähnte entsetzliche Details der Lagerhaltung beschrieben (2).

Meine Begegnung mit Reich war 1992. Bis 2004 hatte Reich 39 Patente angemeldet.

(1) Madeleine Lerf, »Buchenwaldkinder« – eine Schweizer Hilfsaktion, Chronos-Verlag, Zürich 2010.

(2)  A. Hottinger, O. Gsell, E. Uehlinger: Hungerkrankheit, Hungerödem, Hungertuberkulose, Schwabe, Basel 1948.



Freitag, 18. März 2022

Zahlen zu Russlands Überfall (Update vom 15.5.2022)

1956 wurde der Aufstand in Ungarn niedergewalzt. Ich war damals 15 Jahre alt. Fassungslos sahen wir, wie sich junge Leute mit blossen Händen und Molotowcocktails gegen die Russischen Panzer stellten. Wir wollten mehr als Molotowcocktails, wir wollten schiessen lernen, wir wollten Waffen und wir wollten in unserer Armee Dienst tun, so stupid auch diese Armee organisiert war. Damals gab es keine weinende Rekruten und kaum Waffen- oder Dienstverweigerer. Das Erlebnis wiederholte sich 1969 mit der Niederschlagung des "Sozialismus mit menschlichem Gesicht" in Prag. Wir beherbergten monatelang eine eine grosse Flüchtlingsfamilie und taten was wir konnten. Und deshalb habe ich über drei Jahre meines Lebens in der Armee verbracht, zuletzt als Regimentsarzt. Dies nur, um die Erinnerungen zu beschreiben, die jetzt wieder hochkommen. 

Am Schluss geht es in der Ukraine darum, wer gewinnt. Und damit geht es um Zahlen. 

An aktiven Bereitschaftstruppen hat Russland insgesamt ca. 160  Battalion Tactical Groups (BTG), davon stehen ca. 120 - d.h. drei Viertel  - im Ukraineeinsatz (siehe: https://www.forbes.com/sites/davidhambling/2022/03/15/how-many-tanks-does-russia-have-in-ukraine-and-how-many-have-they-lost-so-far/?sh=780c43995682).

1 BTG hat einen Bestand von 600-800 Mann und einen (in der Praxis kaum erreichten) Sollbestand von ca. 85 gepanzerten Fahrzeugen mit

10 Tanks
 
3 Infanteriekompanien mit
10 kettengetriebene Schützenpanzer
20 radgetriebene Schützenpanzer
 
3 Granatwerferfahrzeuge
5 selbstfahrende Antitankgeschütze
6 152mm Selbstfahrgeschütze
6  Stalinorgeln
6 120mm schwere Mörser
 
3 Schützenpanzer mit portablen Fliegerabwehrraketen
6 Luftabwehrraketenwerfer mit Radar- und Kommandofahrzeugen.  
 
3 Kommandofahrzeuge
5 kettengetriebene Reparatur- und Abschlepppanzer
Aufklärungszug
 
11 Munitionslastwagen
5 Tankwagen
4 Ambulanzen
5 Werkstatt- und Reparaturfahrzeuge

Auf 10 konventionelle Panzer kommen somit 23 schwere Waffen mit Fernwirkung wie Artillerie und Raketenwerfer, was aus der BTG ein Angriffs- und Terrorelement macht, das den Gegner niederwalzen soll. 

Insgesamt hätte Russland somit gemäss Sollbeständen ca. 10200 gepanzerte Fahrzeuge an und in die Ukraine gebracht. Sollbestände werden nie erreicht, 90% wären sehr optimistisch, rechnen wir mit 80%, macht rund 1000 Tanks und 7000 andere gepanzerte Fahrzeuge. Der Mannschaftsbestand der eingesetzten BTGs beträgt an die 100'000 Mann, die gesamte Invasionsarmee incl. der schon lange in der Ostukraine stehenden Truppen wurde zwischen 150'000 und 200'000 geschätzt.

Besonders kritisch sind die knappen Bestände von kampftauglich ausgebildeten Soldaten (Rekruten wurden offenbar in bisher geringer Anzahl auch eingesetzt, "aus Versehen" gemäss Behauptung der Russischen Führung). Auf Russischer Seite ist von wohl über Zehntausend Toten auszugehen, davon auffallend viele hohe Offiziere und Generäle. Wenn man die Gefangenen, die Überläufer und die Verletzten dazuzählt kommt man auf Verluste von mehreren Zehntausend. Ausserdem scheint die Truppenmoral nicht überall gut.

An Fahrzeugen gingen der Russischen Seite gemäss der gut dokumentierten Website von Oryx bis 14.5.2022 verloren (https://www.oryxspioenkop.com/2022/02/attack-on-europe-documenting-equipment.html):

670 Tanks (von ursprünglich ca.1000)

>1700 übrige und gepanzerte Fahrzeuge (von ursprünglich ca. 7000, wieviele genau der verlorenen Fahrzeuge wie stark gepanzert sind konnte ich auf dieser Website nicht präzis feststellen)

Die Ukrainische Führung gibt auf ihrer Facebookseite am 14.5.2022 wesentlich höhere Zahlen an (https://www.facebook.com/MinistryofDefence.UA): 

The total combat losses of the enemies from 24.02 to 14.5.2022 were approximate:

Personnel Warehouse / personnel - close / about 27200 (+300) persons were liquidated / persons were liquidated,
tanks / tanks 8 1218 (+13) od,
Combat Armored Machines / APV бо 2934 (+34) od,
artillery systems - 551 (+9) od,
RSZV / MLRS - 195 (+2) from,
Anti-aircraft warfare systems - 88 (+0)
planes / aircraft-200 (+0) od,
helicopters-163 (+1) od,
UAV operational-tactical level - 411 (+6),
winged missiles / cruise missiles - 95 (+0),
ships / boats / warships / boats - 13 (+0) from,
Automobile equipment and autocistern / vehicles and fuel tanks-2059 (+17) od,
special equipment - 42 (+1).
Wahrscheinlich liegen die realen Werte irgendwo zwischen den Schätzungen von Oryx und denjenigen der Ukrainer.

Die Amerikaner meinen, dass eine BTG nach Verlusten von 30% nicht mehr einsatzfähig sei (https://www.benning.army.mil/armor/earmor/content/issues/2017/spring/2Fiore17.pdf). Bei den Tanks ist dieser Wert nach den obigen Zahlen (wohl über 70 Prozent) weit überschritten. Bei den übrigen und gepanzerten Fahrzeugen sind wir mit wohl über 25 Prozent Verlusten auch am kritischen Wert. Das Britische Verteidigungsministerium schätzte am 15.5.2022, dass Russland inzwischen einen Drittel der eingesetzten Kampftruppen verloren habe. Zwar verfügt Russland über riesige Mengen on eingemotteten älteren Panzern, die aber anscheinend grossteils gar nicht einsatzfähig seien, nachdem schon bei der regulären Truppe Wartungsprobleme bestehen.  

Gemäss übereinstimmenden Berichten hat Russland offenbar vor allem Mühe, die personellen Verluste aufzufüllen. Solange kein Krieg erklärt ist können Rekruten eigentlich nicht zum Einsatz gezwungen werden. Deshalb zieht man jetzt auch Söldner aus Tschetschenien und Syrien zu, was den Krieg weiter brutalisiert. Die grossen Verluste begründen die inzwischen bestätigten Rückzüge und Umgruppierungen. Ein Angriff mit starken Kräften auf Charkiv scheint abgewehrt. Russland konzentriert die Kämpfe jetzt auf den Südosten des Landes mit dem Ziel den Donbass und die Landbrücke zur Krim zu sichern und die Ukraine vom Meer abzuschneiden.  

Fachleute erwarten langdauernde Kämpfe. Wenn es Putin mittelfristig nicht gelingt, etwas zu erreichen, was er als "Sieg" verkaufen kann, so sind seine Tage gezählt, in einem Land in dem seit jeher vor allem das Recht des Stärkeren galt.  




Mittwoch, 2. März 2022

NZZ und Tagi verdrehen den Club of Rome-Bericht

Vor einer Woche hat sich Redaktorin Frau Claudia Mäder von der NZZ gemeldet, weil sie über den 50. Jahrestag des Berichts des Club of Rome schreiben wollte. 

Ich habe darauf kontrolliert, ob sie sich an der unsäglichen Hetze der NZZ-Redaktion gegen Greta Thunberg und die Klimajugend beteiligt hatte (NZZ gegen Wissenschaft), habe aber nichts gefunden. Was Frau Mäder über Greta Thunberg geschrieben hatte war vertretbar und fair.

So habe ich mich interviewen lassen und meine Aussagen wurden richtig wiedergegeben. Danke. Ich habe Frau Mäder auch dringend empfohlen, den Bericht des Club of Rome ganz genau zu lesen, weil er immer wieder falsch zitiert wird, um ihn zu entkräften. Das Gratis- pdf fände sich hier, wenn man es denn lesen wollte: https://www.donellameadows.org/wp-content/userfiles/Limits-to-Growth-digital-scan-version.pdf

Aber auch Frau Mäder ist offenbar nicht fähig, den Inhalt eines Sachberichts korrekt zu aufzufassen, wenn sie widerspruchslos einen Wissenschaftshistoriker mit der Aussage zitiert, man habe auch berechnet, was bei einer Verdoppelung der damals bekannten Ressourcen herauskomme (Club of Rome: Was hat "Die Grenzen des Wachstums" bewirkt? (nzz.ch)). 

Aber tatsächlich haben die Autoren nicht mit einer Verdoppelung, sondern mit einer Verfünffachung der bekannten Ressourcen gerechnet (Seite 56 ff des oben verlinkten Berichts): Auch mit dieser hohen Sicherheitsmarge verschob sich die Ressourcenverknappung bei weiterem exponentiellem Wachstum lediglich um einige Jahrzehnte, grob gesagt also von der ersten in die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts. 

Was sich trotz einer Verfünffachung der Ressourcen oder einer Verdoppelung der bekannten Agrarfläche nicht verschob war der Ökokollaps durch die Umweltverschmutzung, der ja jetzt schon unübersehbar begonnen hat: Kritisch sind nicht nur die steigenden Treibhausgase (im Bericht schon erwähnt!), sondern auch die Pestizide, die zusammen mit der Klimaerwärmung nicht nur zu einem weltweiten Insekten- und Vogelsterben geführt haben, sondern auch bis zu einer Halbierung der menschlichen Spermienzahl in den sog. "entwickelten" Ländern (Pesticides result in lower sperm counts – Harvard Gazette). Dazu kommt die Dezimierung der Meerestiere durch Plastikvermüllung und Ozeanversauerung, die Beispiele liessen sich beliebig mehren. 

Die Abwehr gegen diesen Bericht fusste und fusst immer auf dieser angeblich vorausgesagten und nicht eingetroffenen Verknappung der Ressourcen. Sie findet sich z.B. beim uninformierten NZZ-Wirtschaftsredaktor Eisenring (https://www.nzz.ch/meinung/ewiges-wachstum-ist-kein-hirngespinst-ld.1564968) und im unsäglichen heutigen Artikel von Wirtschaftsredaktor Sergio Aiolfi (https://www.nzz.ch/wirtschaft/club-of-rome-die-grenzen-des-wachstums-ld.1671750 ), welche beide den Bericht des Club of Rome gar nicht genau gelesen haben können. Der gute Aiolfi meint sogar, dass sich durch den Rohstoffpreis regulieren lasse, was nicht mehr vorhanden sei. Weiss er denn nicht, dass ein zu kleines "Energy return of investment" (EROI https://www.resilience.org/stories/2022-02-22/dennis-meadows-on-the-50th-anniversary-of-the-publication-of-the-limits-to-growth/) den Abbau der Energieträger abwürgt (dem ist die alte Sowjetunion zum Opfer gefallen), und, dass, wo nichts ist auch der Kaiser sein Recht verloren hat?  

Die Hoffnung, dass der Tages-Anzeiger einem besser informiere zerschlägt sich mit diesem Artikel: Faktencheck zum Umweltalarm – 50 Jahre «Grenzen des Wachstums»: Lag der Club of Rome richtig? | Tages-Anzeiger (tagesanzeiger.ch). Auch er behauptet wahrheitswidrig, dass der Club of Rome eine Ressourcenverknappung schon für den jetzigen Zeitpunkt vorausgesagt habe. Hat er eben nicht. 

Derweil tobt in der Ukraine schon ein Ressourcenkrieg, der nicht der erste ist und nicht der letzte sein wird. Dort geht es um die Kornkammer Europas in Zeiten sich abzeichnender Dünger- und Nahrungsknappheit; um die Hälfte der Weltproduktion an Neon, welches für die Chipproduktion unerlässlich ist; und um die Kontrolle über Gasexportleitungen.


Ich muss somit feststellen, dass weder die NZZ- noch die Tagi-Redaktoren fähig oder willens sind, einen klaren Bericht richtig aufzufassen und wiederzugeben, etwas, was – wenigstens noch im letzten Jahrhundert  - zu den Anforderungen der Gymnasialoberstufe gehörte. 

Offenbar wird das Wissen um die Realität durch den Glauben an die Wachstumsreligion verstellt.

 



Freitag, 7. Januar 2022

Der verschlampte Journalismus der NZZ

Sven Titz, Physiker und systemkonformer wissenschaftlicher Hofjournalist der NZZ liefert am 7.Januar eine säuerlich-relativierende Besprechung des Klimakatastrophenfilmes "Don't look up". Er schliesst mit folgender Betrachtung: 

"In vielen Industrieländern sind die Warnungen der Klimaforscher ja längst auf der höchsten Ebene angekommen.. Doch klare Erfolge lassen noch auf sich warten. Die Schuld dafür opportunistischen Politikern, profitgierigen Unternehmern, auf Aufmerksamkeit versessenen Journalisten und kommunikationsunfähigen Wissenschaftern in die Schuhe zu schieben, wie der Film dies tut, ist zu billig."

Da wir es hier mit einem Journalisten und der journalistischen Leistung seiner NZZ zu tun haben sei ein näherer Blick auf deren Rolle erlaubt:  

Der verstorbene hochangesehene Doyen der Schweizerischen Journalisten (und der NZZ-Journalisten) Arnold Hottinger war da ganz anderer Meinung: Er sagte mir ca. 2016, die ausbleibende Reaktion auf die Klimakatastrophe sei unter anderem auch "unserem Versagen" geschuldet, auf Nachfrage präzisierte er, er meine "wir Journalisten und die Medien".

Ein ganz übles Beispiel ist die NZZ. In derselben Ausgabe vom 7. Januar liest man Roman Bucheli auf einer ganzen Seite u.a. mit folgenden Auslassungen: "Emblematisch an dem Bericht des Club of Rome (1972) war die Feststellung, exponentielles Wachstum führe zu einem exponentiellen Rückgang der Lebensressourcen und ohne Korrektur unvermeidlich zum Ende unserer Zivilisation, wie wir sie kennen. Was "exponentiell" bedeutete, veranschaulichten Kurvendiagramme, deren Linien erst ganz harmlos verliefen, ehe sie jäh in die Höhe schossen oder gegen Null in die Tiefe stürzten. Man sah das grausame Schicksal über einem hineinbrechen. Was "exponentiell" im Alltag bedeutet, wissen wir freilich erst seit zwei Jahren.... Gleichzeitig könnte uns heute Hoffnung machen, dass es uns auch fünfzig Jahre nach dieser Lehrstunde in angewandter Mathematik, die uns der Club of Rome erteilt hatte, noch immer gibt. Denn wir haben dabei auch gelernt: Die Wirklichkeit hält sich nicht an jede Prognose..."

Es ist dem Germanisten, Philosophen und Alfred-Kerr-Preisträger Roman Bucheli durchaus nicht übel zu nehmen, dass er kein Wissenschaftler ist. Dagegen ist ihm (und, wie früher hier berichtet, auch NZZ-Redaktor Eisenring) übel zu nehmen,  dass ein der exakten Sprache verpflichteter Feuilletonist (bzw. ein den Quellen verpflichteter Wirtschaftsredaktor) sich abfällig über einen Text verbreitet, den er offensichtlich gar nicht  richtig gelesen hat: Der Club of Rome hat nie behauptet, dass das System zu irgendeinem bestimmten Zeitpunkt, z.B. jetzt nach 50 Jahren kippen werde. Er sagte von Anfang an, dass seine Kurven lediglich die Prinzipien illustrieren sollten, nach denen sich das Weltsystem verhalte. Entsprechend können sich die vorausgesagten Ereignisse auf der Zeitachse um Jahrzehnte nach vorn oder hinten verschieben. Die einzige bestimmte Prognose war ein Kippen vor 2100, mutmasslich irgendwann um die Mitte unseres Jahrhunderts.  



Aber wie einfaches Studium von Wikipedia lehren würde liegt der Club of Rome mit seiner mittleren business-as-usual-Prognose bisher richtig, genauso wie James Hansen mit seiner mittleren Prognose zur Klimaerwärmung von 1981 immer noch ziemlich richtig liegt. Man täte deshalb gut daran, auf die weiteren Prognosen dieser Experten zu hören.

Kommt unabhängig dazu, dass die Ereignisse des letzten Jahres den Beginn des Kippens doch anzudeuten scheinen, mit Wetterextremen, Waldbränden, Eisschmelze und Missernten, die in diesem Ausmass niemand vorausgesehen hatte. Und die offensichtliche Beschleunigung der Erwärmungskurve, sowie die unerbittlich sich häufenden Höchsttemperaturwerte aus aller Welt verheissen für die Zukunft wenig Gutes.   

Es ist traurig, dass die NZZ, welche einst die Zeitung der intellektuellen Elite der Schweiz war, sich in dieser zentralen Überlebensfrage eine handwerklich derart verschlampte Berichterstattung gestattet.

Es handelt sich übrigens keineswegs um Einzelfälle: Wie hier ebenfalls berichtet fuhr die NZZ vor der Coronaepidemie eine offensichtlich redaktionell gesteuerte Desinformationskampagne von über 20 (!) Artikeln, welche Greta Thunberg und die Klimajugend systematisch attackierte , ohne dabei auch nur einmal auf die sachliche Motivation dieser Kinder einzugehen.  

Und es ist ja nicht nur die NZZ: Ein weiteres schlimmes Beispiel ist die WELT, welche 2015 Schellnhubers testamentarisches Buch "Selbstverbrennung" in einem redaktionellen Artikel eines Wirtschaftspädagogen (!) als "Alarmismus mit Schielen auf den Nobelpreis" zerriss.

Solcher Journalismus und solche Medien sind massgeblich dafür verantwortlich, dass sich die Wissenschaft kein Gehör verschaffen kann. 

Nein lieber Herr Titz, sie können die Hände des Journalismus und der NZZ nicht in Unschuld waschen!