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Freitag, 7. Januar 2022

Der verschlampte Journalismus der NZZ

Sven Titz, Physiker und systemkonformer wissenschaftlicher Hofjournalist der NZZ liefert am 7.Januar eine säuerlich-relativierende Besprechung des Klimakatastrophenfilmes "Don't look up". Er schliesst mit folgender Betrachtung: 

"In vielen Industrieländern sind die Warnungen der Klimaforscher ja längst auf der höchsten Ebene angekommen.. Doch klare Erfolge lassen noch auf sich warten. Die Schuld dafür opportunistischen Politikern, profitgierigen Unternehmern, auf Aufmerksamkeit versessenen Journalisten und kommunikationsunfähigen Wissenschaftern in die Schuhe zu schieben, wie der Film dies tut, ist zu billig."

Da wir es hier mit einem Journalisten und der journalistischen Leistung seiner NZZ zu tun haben sei ein näherer Blick auf deren Rolle erlaubt:  

Der verstorbene hochangesehene Doyen der Schweizerischen Journalisten (und der NZZ-Journalisten) Arnold Hottinger war da ganz anderer Meinung: Er sagte mir ca. 2016, die ausbleibende Reaktion auf die Klimakatastrophe sei unter anderem auch "unserem Versagen" geschuldet, auf Nachfrage präzisierte er, er meine "wir Journalisten und die Medien".

Ein ganz übles Beispiel ist die NZZ. In derselben Ausgabe vom 7. Januar liest man Roman Bucheli auf einer ganzen Seite u.a. mit folgenden Auslassungen: "Emblematisch an dem Bericht des Club of Rome (1972) war die Feststellung, exponentielles Wachstum führe zu einem exponentiellen Rückgang der Lebensressourcen und ohne Korrektur unvermeidlich zum Ende unserer Zivilisation, wie wir sie kennen. Was "exponentiell" bedeutete, veranschaulichten Kurvendiagramme, deren Linien erst ganz harmlos verliefen, ehe sie jäh in die Höhe schossen oder gegen Null in die Tiefe stürzten. Man sah das grausame Schicksal über einem hineinbrechen. Was "exponentiell" im Alltag bedeutet, wissen wir freilich erst seit zwei Jahren.... Gleichzeitig könnte uns heute Hoffnung machen, dass es uns auch fünfzig Jahre nach dieser Lehrstunde in angewandter Mathematik, die uns der Club of Rome erteilt hatte, noch immer gibt. Denn wir haben dabei auch gelernt: Die Wirklichkeit hält sich nicht an jede Prognose..."

Es ist dem Germanisten, Philosophen und Alfred-Kerr-Preisträger Roman Bucheli durchaus nicht übel zu nehmen, dass er kein Wissenschaftler ist. Dagegen ist ihm (und, wie früher hier berichtet, auch NZZ-Redaktor Eisenring) übel zu nehmen,  dass ein der exakten Sprache verpflichteter Feuilletonist (bzw. ein den Quellen verpflichteter Wirtschaftsredaktor) sich abfällig über einen Text verbreitet, den er offensichtlich gar nicht  richtig gelesen hat: Der Club of Rome hat nie behauptet, dass das System zu irgendeinem bestimmten Zeitpunkt, z.B. jetzt nach 50 Jahren kippen werde. Er sagte von Anfang an, dass seine Kurven lediglich die Prinzipien illustrieren sollten, nach denen sich das Weltsystem verhalte. Entsprechend können sich die vorausgesagten Ereignisse auf der Zeitachse um Jahrzehnte nach vorn oder hinten verschieben. Die einzige bestimmte Prognose war ein Kippen vor 2100, mutmasslich irgendwann um die Mitte unseres Jahrhunderts.  



Aber wie einfaches Studium von Wikipedia lehren würde liegt der Club of Rome mit seiner mittleren business-as-usual-Prognose bisher richtig, genauso wie James Hansen mit seiner mittleren Prognose zur Klimaerwärmung von 1981 immer noch ziemlich richtig liegt. Man täte deshalb gut daran, auf die weiteren Prognosen dieser Experten zu hören.

Kommt unabhängig dazu, dass die Ereignisse des letzten Jahres den Beginn des Kippens doch anzudeuten scheinen, mit Wetterextremen, Waldbränden, Eisschmelze und Missernten, die in diesem Ausmass niemand vorausgesehen hatte. Und die offensichtliche Beschleunigung der Erwärmungskurve, sowie die unerbittlich sich häufenden Höchsttemperaturwerte aus aller Welt verheissen für die Zukunft wenig Gutes.   

Es ist traurig, dass die NZZ, welche einst die Zeitung der intellektuellen Elite der Schweiz war, sich in dieser zentralen Überlebensfrage eine handwerklich derart verschlampte Berichterstattung gestattet.

Es handelt sich übrigens keineswegs um Einzelfälle: Wie hier ebenfalls berichtet fuhr die NZZ vor der Coronaepidemie eine offensichtlich redaktionell gesteuerte Desinformationskampagne von über 20 (!) Artikeln, welche Greta Thunberg und die Klimajugend systematisch attackierte , ohne dabei auch nur einmal auf die sachliche Motivation dieser Kinder einzugehen.  

Und es ist ja nicht nur die NZZ: Ein weiteres schlimmes Beispiel ist die WELT, welche 2015 Schellnhubers testamentarisches Buch "Selbstverbrennung" in einem redaktionellen Artikel eines Wirtschaftspädagogen (!) als "Alarmismus mit Schielen auf den Nobelpreis" zerriss.

Solcher Journalismus und solche Medien sind massgeblich dafür verantwortlich, dass sich die Wissenschaft bisher nicht wirksam Gehör verschaffen konnte. 

Nein lieber Herr Titz, sie können die Hände des Journalismus und der NZZ nicht in Unschuld waschen!