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Freitag, 10. April 2020

Coronakrise und Umweltkrise: Unterschiedliche Reaktion als Altersfrage?

(erschienen im Tages-Anzeiger vom 9.1.2020. Die Redaktion hat den Titel ohne Rücksprache geändert, besonders störend in der Online-Ausgabe: "Überschätzte Corona-Gefahr, unterschätzter Klimawandel  - Die Welt reagiert in grotesker Weise falsch auf beide Krisen. Das hat damit zu tun, wer heute die Entscheidungsträger sind"Diese Änderung ist sinnstörend. Ich bin nicht der Meinung, dass die Coronagefahr überschätzt wird, sie wurde in Europa und USA im Gegenteil unterschätzt. Ich bin nicht der Meinung, dass die Reaktion auf die Coronakrise in grotesker Weise falsch ist, sie ist völlig richtig).

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Prompte Reaktion auf die Coronavirusepidemie


Das Coronavirus hat bisher in vier Monaten soviele Menschen umgebracht, wie der weltweite Strassenverkehr in einem Monat. Im schlimmsten Fall wird die Epidemie anderthalb Jahre anhalten und die Opferzahlen werden vorübergehend die Grössenordnung der Verkehrstoten erreichen. Aber die Coronatoten werden im Gegensatz zu den Verkehrstoten vor allem alte Leute mit Vorerkrankungen sein, die sowieso in absehbarer Weise das Zeitliche gesegnet hätten. Zusätzlich wird es Kollateralschäden geben, weil wegen verstopften Intensivstationen andere Erkrankte nicht adaequat behandelt werden können. Die Wirtschaft wird eine empfindliche Delle erleiden, danach wird die Welt wieder zur Tagesordnung übergehen, genau wie nach der Grippeepidemie von 1918 oder nach der Finanzkrise. AHV und Pensionskassen werden Finanzverluste erleiden, andererseits durch Übersterblichkeit der Pensionäre etwas entlastet. Das Problem der Überbevölkerung bleibt unbeeinflusst.

Öffentlichkeit und Medien brauchten jeweils nur wenige Wochen bis Monate, um das Problem zu begreifen. Die Wissenschafter erhielten überall eine Plattform, die Reaktion der Politik wurde je nach Informationsstand, Kompetenz und Mut der Entscheidungsträger mehr oder weniger schnell hochgefahren, nicht überall rechtzeitig oder ganz adaequat, aber fast überall in beeindruckendem Ausmass. Die Medien sind zu einem gefühlten Viertel mit diesem Problem beschäftigt. Alle möglichen Szenarien werden ausgebreitet und auf hohem Niveau diskutiert. Der bestehende Grundkonsens wird nur von einigen Trollen und selbsternannten Pseudeoexperten gestört, beide nimmt kein seriöses Medium ernst. 

Und trotz all dieses Wirbels wird die Coronavirusepidemie spätestens im Jahr 2021 Geschichte sein. So what?

Inadequate Reaktion auf die Umweltkrise


Vergleichen wir die Reaktion auf die Klima- und Umweltkatastrophe: Durch Überbevölkerung und Überkonsum werden die Lebensgrundlagen gesprengt. Die Lebensmöglichkeiten für andere Kreaturen schwinden wegen Übernutzung sowie Verlust und Vergiftung von Lebensräumen. Geschädigte Ökosysteme und Monokulturen sind empfindlich auf neue Seuchen. Die Erhöhung der Temperatur durch Treibhausgase wurde schon 1988 durch James Hansen auf Jahrzehnte und bis jetzt zutreffend vorausgesagt. Die Folgen wie Überschwemmungen, Dürre, Hunger, Kriege und Migration zeigen sich schon jetzt.

James Hansen wird polizeilich abgeführt
Aber Öffentlichkeit, Medien und Politik haben auch nach Jahrzehnten nicht begriffen, was auf uns zukommt. Die Wissenschaft wurde im regierungsabhängigen Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) insofern neutralisiert, als sie die matchentscheidenden Feedback-Mechanismen verschweigt, welche den offiziell vorausgesagten Temperaturanstieg verdoppeln oder sogar jederzeit unkontrollierbar beschleunigen können. Wer wie der erprobte Experte James Hansen trotzdem ausspricht, was Sache ist (Climate Change in a Nutshell - The gathering storm") wird ignoriert oder polizeilich abgeführt.

Soweit die Wissenschaft überhaupt zu Wort kommt wird sie in einer Flut klimaskeptischen Unsinns ersäuft. Sogar sogenannt "seriöse" Medien verunglimpfen Wissenschaftler als "alarmistisch" und deren begründeten Lösungvorschläge als "extrem". Die Folge ist eine durch Deklarationen wie das Pariser Abkommen getarnte politische Reaktionslosigkeit, die bisher nicht einmal imstande war, die absurden Milliardensubventionen für die Fossilindustrie einzustellen.  

Wieso die unterschiedliche Reaktion?


Wir stellen eine Diskrepanz fest: Die Coronavirusepidemie erhält eine riesige und recht effiziente mediale und politische Reaktion, obschon sie eigentlich ausser den sehr Alten niemanden gross bedroht. Die Umwelt- und Klimakrise erhält dagegen nur eine kleine, verharmlosende und völlig ineffiziente mediale und politische Reaktion, obschon sie in den nächsten Jahrzehnten oder sogar Jahren mit grösster Gewissheit die Existenz unserer Zivilisation, diejenige der Menschheit und von grossen Teilen der Biosphäre bedroht.   

Woher diese groteske Diskrepanz? Das Coronavirus bedroht vor allem die Älteren, also jene Altersgruppe, welche in Anzug und Kravatte, in Verwaltungsräten und Regierungen die Gesellschaft faktisch leitet. Nur sie hat die Schalthebel, um Medien, Politik und Gesellschaft dazu zu bringen, ihr altes Leben und ihre alten Interessen zu verteidigen und das tut sie auch.  

Dagegen spart die Umwelt- und Klimakrise genau diese älteren Entscheidungsträger aus, denn sie werden ja wahrscheinlich sterben, bevor die Probleme akut werden. Deshalb ist für sie das Bequemste ein "weiter so" und den Leidtragenden - der jungen Generation – bleibt nur die Möglichkeit, die «alarmistischen» und «extremen» Einsichten der Wissenschaft in wirkungslosen Protesten zu wiederholen.




Samstag, 4. April 2020

Different Reactions to Coronavirus and Climate Crisis: A Question of Age Group?

(appeared first on Ugo Bardi's Blog Cassandra's Legacy)

Prompt response to an epidemic

So far, the coronavirus has killed as many people in four months as the global traffic in one month. Only in the worst case will the epidemic last a year and a half and the order of magnitude of the killed will be comparable to the numbers of road accidents for some time. In contrast to the traffic fatalities, the corona dead will be mainly old people with previous illnesses who would have blessed the time anyway in a foreseeable future. In addition, there will be collateral damage other sick people not being adequately treated because of clogged intensive care units. The economy will suffer a severe dent, after which the world will return to the order of the day, just like after the flu epidemic of 1918 or after the financial crisis. Pension funds will suffer financial losses, but will be somewhat relieved by over-mortality of pensioners. The problem of overpopulation remains unaffected.

The public and the media only needed a few weeks to months to understand the problem. Everywhere the scientists were given a platform, and depending on the level of information, competence and courage of the decision-makers, the political reaction came more or less quickly, not everywhere in time or quite adequately, but finally reaching impressive proportions almost everywhere.

An estimated quarter of media content is concerned with this problem. All possible scenarios are expanded and discussed at a high level. The existing basic consensus is only disturbed by some trolls and a few self-proclaimed pseudoexperts, neither of whom are taken seriously by serious media.

And despite all this agitation, the coronavirus epidemic will be history by 2021 at the latest. So what?

Inadequate response to the environmental crisis

Let us compare the reaction to the climate and environmental catastrophe: overpopulation and overconsumption blow up the foundations of life. Space for nonhuman creatures is rapidly disappearing due to overuse and to loss and poisoning of habitats. Damaged ecosystems and monocultures are sensitive to new plagues. An increase in temperature due to greenhouse gases was predicted by James Hansen back in 1988 and his predictions have turned out accurate up to now. The consequences such as floods, droughts, hunger, wars and migration are already apparent.

But even decades later, the public, the media and politics have not understood what will come. Science has been neutralized in the government-dependent Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) which hides the match-determining feedback mechanisms, that can double the officially predicted temperature rise or even accelerate it uncontrollably at any time. Anyone who, like the tried and tested expert James Hansen, still speaks out what's going on (Climate Change in a Nutshell - The gathering storm ") is ignored or taken away by the police (picture).

And even as far as science has its say, it is drowned in a flood of climate-nonsense. Even so-called "reputable" media denigrate scientists as "alarmist" and their reasoned proposals as "extreme". The result is a lack of political response disguised by declarations such as the Paris Agreement which has not even been able to stop the absurd billion dollar subsidies for the fossil industry.

Why the different reaction?

The coronavirus epidemic is receiving a huge and quite efficient media and political response, even though it doesn't really threaten anyone except the very old. The environmental and climate crisis, on the other hand, receives only a small, trivializing and completely inefficient media and political reaction, although in the coming decades or even years it will most certainly threaten the existence of our civilization, that of humanity and of large parts of the biosphere.

Where can this grotesque discrepancy come from? With the older people, the corona virus threatens exactly the age group that actually leads society, sitting in suits and ties on boards of directors and governments. They have the leverage to get the media, politics and society to defend their old lives and interests and they certainly use it.

In contrast, the environmental and climate crisis is sparing these same older decision-makers, because they are likely to die before the problems become acute. Therefore, the most comfortable thing for them is "business as usual" and the sufferers - the young generation - have little leverage to defend themselves, except repeating the “alarmist” and “extreme” teachings of science in impotent protests.


Some other posts in English:


 


Mittwoch, 1. April 2020

NZZ gegen Virologie

Man erinnert sich mit Wehmut an die alten Zeiten, wo die Wissenschaft in der Neuen Zürcher Zeitung unter der umsichtigen Leitung von Herbert Cerutti ein unangetastetes Reservat hatte. 

Inzwischen stösst man in der NZZ nicht nur im Klimabereich auf allerlei wissenschaftlich Unausgegorenes, so meldet sich jetzt zur Coronakrise auch ein gewisser Reinhard K.Sprenger, Philosoph und Unternehmensberater mit dem steilen Titel: "Virologen regieren die Welt - Politiker gebärden sich als Erfüllungsgehilfen"

Schon der Titel ist falsch: Eine grosse Pandemie erwartet man seit Jahren, und wenn die Virologen wirklich regierten, wäre man besser vorbereitet gewesen. Ein Pandemieplan besteht zwar seit 2004, aber der Chef des Bundesamtes für Gesundheit BAG Dr. med. Thomas Zeltner stellte 2018 in einem Gutachten fest, dass er ungenügend umgesetzt sei mit der Folgerung: "Entsprechend wird man nun vor harte Realitäten gestellt". So hat sich das BAG in der Coronakrise mit seinen untauglichen Faxstatistiken blamiert. Ein Praeventionsgesetz, welches die Krankheitsstatistik schweizweit vereinheitlichen und beschleunigen wollte wurde 2011 von SVP, CVP und Gewerbeverband als eine "Gesundheitsdiktatur" versenkt, welche "eine Büchse der Pandora öffne" (Bild: William Waterhouse (1849-1917): Pandora's Box, 1896).

                                                                                                           
Virologen waren damals nicht beteiligt. Und wenn die Virologen wirklich regierten, wäre man mit Massnahmen gegen das Coronavirus viel schneller gewesen: Man erinnere sich an die frühe Warnung von Prof.Althaus (Bern), der den Verzicht auf Tests "nicht nachvollziehen konnte" und an die dringenden Alarmrufe von Prof.Aguzzi (Zürich) und Prof.Neher (Basel), welche raschere und schärfere Massnahmen forderten. 

In Südkorea ist der erste Coronafall am gleichen Tag aufgetreten wie in den USA. Südkorea hat gemacht, was die Virologie lehrt: Durch flächendeckende Kontrollen und Eingrenzung des Virus blieb es bei 10'000 Infektionen mit 174 Toten, das kostete Millionen. Trumps Resultate in den USA werden Grössenordnungen schlechter sein, mit Kosten von Billionen, und wir liegen irgendwo dazwischen mit Kosten von Milliarden. Wo die Virologen nichts zu sagen haben entstehen Schlamassel und Kosten. 

Um die verschwurbelten Gedankengänge der NZZ-Redaktion besser zu verstehen habe ich den Artikel von Herrn Sprenger dann ganz genau studiert: Sprenger spricht davon, dass "die Politik handlungsfähig bleiben müsse, indem sie das Wechselspiel der gesellschaftlichen Subsysteme moderiere. Dafür brauche sie Urteilskraft und die Fähigkeit der Priorisierung. Diese könne nicht langfristig die Logik der Virologen totalisieren (was immer das heissen mag). Politik müsse insbesondere Spät- und Nebenwirkungen kalkulieren, wie zerstörte Partnerschaften, Firmenkonkurse und irreparable wirtschaftliche Strukturschäden. Für die ganze Gesellschaft bräuchten wir daher Balancen, die alle gesellschaftlich relevanten Aspekte diskutieren und gewichten, nicht nur solche der Virologie..." 

Aber Herr Sprenger kann beruhigt sein, die gesellschaftlich relevanten Aspekte wurden hier alle diskutiert: Nicht die Virologen, sondern die Politik hat den Lockdown beschlossen, weil diesmal die Alten gefährdet sind, diese Alten, welche in Anzug und Kravatte, in Boardrooms und Regierungskabinetten die Welt regieren. Sie schauen gut für sich. 

Und wir können Herrn Sprenger weiter beruhigen: Bei der Umweltkatastrophe, welche ausser diesen regierenden Alten alles bedroht, die meisten Tierarten, Insekten und Meeresbewohner, ja die Zivilisation und die Menschheit, dort wird selbstverständlich nicht auf Fachleute gehört, seien es nun Virologen oder Physiker, sondern zugunsten der Wirtschaft entschieden.  In Sprengers eigenen Worten: "Genau für solche Situationen gibt es Führungskräfte... Menschen, die sich schuldig machen - aus Sicht jener, die anders entschieden hätten... Die, spreche ich es aus, das Dilemma zwischen den Überlebensschancen der Alten und den Zukunftschancen der Jungen entscheiden. Und die - dies vor allem! - in der Inszenierung der Alternativlosigkeit nicht nur einen Anschlag auf die menschliche Intelligenz erkennen, sondern einen auf unsere Freiheit schlechthin." 

Tatsächlich, das Handeln nach Vernunft und Vorsicht ist nicht alternativlos! Man kann auch wissentlich defekte Flugzeuge in den Tod fliegen lassen, abgasmanipulierte Autos und giftige Pestizide vermarkten oder wider besseres Wissen Klimaleugner finanzieren. Dies zu unterbinden wäre wahrlich ein Anschlag auf unsere Freiheit. Das hören die Manager gern, die unsere Welt ruinieren. So wundert nicht, dass sich Reinhard Sprenger auf seiner Website damit rühmt, Beratungsmandate bei sämtlichen DAX-Konzernen in Deutschland gehabt zu haben. Die Resultate sind entsprechend, und die "Führungskräfte" werden ihn gut bezahlt haben.