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Freitag, 18. März 2022

Zahlen zu Russlands Überfall (Update vom 15.5.2022)

1956 wurde der Aufstand in Ungarn niedergewalzt. Ich war damals 15 Jahre alt. Fassungslos sahen wir, wie sich junge Leute mit blossen Händen und Molotowcocktails gegen die Russischen Panzer stellten. Wir wollten mehr als Molotowcocktails, wir wollten schiessen lernen, wir wollten Waffen und wir wollten in unserer Armee Dienst tun, so stupid auch diese Armee organisiert war. Damals gab es keine weinende Rekruten und kaum Waffen- oder Dienstverweigerer. Das Erlebnis wiederholte sich 1969 mit der Niederschlagung des "Sozialismus mit menschlichem Gesicht" in Prag. Wir beherbergten monatelang eine eine grosse Flüchtlingsfamilie und taten was wir konnten. Und deshalb habe ich über drei Jahre meines Lebens in der Armee verbracht, zuletzt als Regimentsarzt. Dies nur, um die Erinnerungen zu beschreiben, die jetzt wieder hochkommen. 

Am Schluss geht es in der Ukraine darum, wer gewinnt. Und damit geht es um Zahlen. 

An aktiven Bereitschaftstruppen hat Russland insgesamt ca. 160  Battalion Tactical Groups (BTG), davon stehen ca. 120 - d.h. drei Viertel  - im Ukraineeinsatz (siehe: https://www.forbes.com/sites/davidhambling/2022/03/15/how-many-tanks-does-russia-have-in-ukraine-and-how-many-have-they-lost-so-far/?sh=780c43995682).

1 BTG hat einen Bestand von 600-800 Mann und einen (in der Praxis kaum erreichten) Sollbestand von ca. 85 gepanzerten Fahrzeugen mit

10 Tanks
 
3 Infanteriekompanien mit
10 kettengetriebene Schützenpanzer
20 radgetriebene Schützenpanzer
 
3 Granatwerferfahrzeuge
5 selbstfahrende Antitankgeschütze
6 152mm Selbstfahrgeschütze
6  Stalinorgeln
6 120mm schwere Mörser
 
3 Schützenpanzer mit portablen Fliegerabwehrraketen
6 Luftabwehrraketenwerfer mit Radar- und Kommandofahrzeugen.  
 
3 Kommandofahrzeuge
5 kettengetriebene Reparatur- und Abschlepppanzer
Aufklärungszug
 
11 Munitionslastwagen
5 Tankwagen
4 Ambulanzen
5 Werkstatt- und Reparaturfahrzeuge

Auf 10 konventionelle Panzer kommen somit 23 schwere Waffen mit Fernwirkung wie Artillerie und Raketenwerfer, was aus der BTG ein Angriffs- und Terrorelement macht, das den Gegner niederwalzen soll. 

Insgesamt hätte Russland somit gemäss Sollbeständen ca. 10200 gepanzerte Fahrzeuge an und in die Ukraine gebracht. Sollbestände werden nie erreicht, 90% wären sehr optimistisch, rechnen wir mit 80%, macht rund 1000 Tanks und 7000 andere gepanzerte Fahrzeuge. Der Mannschaftsbestand der eingesetzten BTGs beträgt an die 100'000 Mann, die gesamte Invasionsarmee incl. der schon lange in der Ostukraine stehenden Truppen wurde zwischen 150'000 und 200'000 geschätzt.

Besonders kritisch sind die knappen Bestände von kampftauglich ausgebildeten Soldaten (Rekruten wurden offenbar in bisher geringer Anzahl auch eingesetzt, "aus Versehen" gemäss Behauptung der Russischen Führung). Auf Russischer Seite ist von wohl über Zehntausend Toten auszugehen, davon auffallend viele hohe Offiziere und Generäle. Wenn man die Gefangenen, die Überläufer und die Verletzten dazuzählt kommt man auf Verluste von mehreren Zehntausend. Ausserdem scheint die Truppenmoral nicht überall gut.

An Fahrzeugen gingen der Russischen Seite gemäss der gut dokumentierten Website von Oryx bis 14.5.2022 verloren (https://www.oryxspioenkop.com/2022/02/attack-on-europe-documenting-equipment.html):

670 Tanks (von ursprünglich ca.1000)

>1700 übrige und gepanzerte Fahrzeuge (von ursprünglich ca. 7000, wieviele genau der verlorenen Fahrzeuge wie stark gepanzert sind konnte ich auf dieser Website nicht präzis feststellen)

Die Ukrainische Führung gibt auf ihrer Facebookseite am 14.5.2022 wesentlich höhere Zahlen an (https://www.facebook.com/MinistryofDefence.UA): 

The total combat losses of the enemies from 24.02 to 14.5.2022 were approximate:

Personnel Warehouse / personnel - close / about 27200 (+300) persons were liquidated / persons were liquidated,
tanks / tanks 8 1218 (+13) od,
Combat Armored Machines / APV бо 2934 (+34) od,
artillery systems - 551 (+9) od,
RSZV / MLRS - 195 (+2) from,
Anti-aircraft warfare systems - 88 (+0)
planes / aircraft-200 (+0) od,
helicopters-163 (+1) od,
UAV operational-tactical level - 411 (+6),
winged missiles / cruise missiles - 95 (+0),
ships / boats / warships / boats - 13 (+0) from,
Automobile equipment and autocistern / vehicles and fuel tanks-2059 (+17) od,
special equipment - 42 (+1).
Wahrscheinlich liegen die realen Werte irgendwo zwischen den Schätzungen von Oryx und denjenigen der Ukrainer.

Die Amerikaner meinen, dass eine BTG nach Verlusten von 30% nicht mehr einsatzfähig sei (https://www.benning.army.mil/armor/earmor/content/issues/2017/spring/2Fiore17.pdf). Bei den Tanks ist dieser Wert nach den obigen Zahlen (wohl über 70 Prozent) weit überschritten. Bei den übrigen und gepanzerten Fahrzeugen sind wir mit wohl über 25 Prozent Verlusten auch am kritischen Wert. Das Britische Verteidigungsministerium schätzte am 15.5.2022, dass Russland inzwischen einen Drittel der eingesetzten Kampftruppen verloren habe. Zwar verfügt Russland über riesige Mengen on eingemotteten älteren Panzern, die aber anscheinend grossteils gar nicht einsatzfähig seien, nachdem schon bei der regulären Truppe Wartungsprobleme bestehen.  

Gemäss übereinstimmenden Berichten hat Russland offenbar vor allem Mühe, die personellen Verluste aufzufüllen. Solange kein Krieg erklärt ist können Rekruten eigentlich nicht zum Einsatz gezwungen werden. Deshalb zieht man jetzt auch Söldner aus Tschetschenien und Syrien zu, was den Krieg weiter brutalisiert. Die grossen Verluste begründen die inzwischen bestätigten Rückzüge und Umgruppierungen. Ein Angriff mit starken Kräften auf Charkiv scheint abgewehrt. Russland konzentriert die Kämpfe jetzt auf den Südosten des Landes mit dem Ziel den Donbass und die Landbrücke zur Krim zu sichern und die Ukraine vom Meer abzuschneiden.  

Fachleute erwarten langdauernde Kämpfe. Wenn es Putin mittelfristig nicht gelingt, etwas zu erreichen, was er als "Sieg" verkaufen kann, so sind seine Tage gezählt, in einem Land in dem seit jeher vor allem das Recht des Stärkeren galt.  




Mittwoch, 2. März 2022

NZZ und Tagi verdrehen den Club of Rome-Bericht

Vor einer Woche hat sich Redaktorin Frau Claudia Mäder von der NZZ gemeldet, weil sie über den 50. Jahrestag des Berichts des Club of Rome schreiben wollte. 

Ich habe darauf kontrolliert, ob sie sich an der unsäglichen Hetze der NZZ-Redaktion gegen Greta Thunberg und die Klimajugend beteiligt hatte (NZZ gegen Wissenschaft), habe aber nichts gefunden. Was Frau Mäder über Greta Thunberg geschrieben hatte war vertretbar und fair.

So habe ich mich interviewen lassen und meine Aussagen wurden richtig wiedergegeben. Danke. Ich habe Frau Mäder auch dringend empfohlen, den Bericht des Club of Rome ganz genau zu lesen, weil er immer wieder falsch zitiert wird, um ihn zu entkräften. Das Gratis- pdf fände sich hier, wenn man es denn lesen wollte: https://www.donellameadows.org/wp-content/userfiles/Limits-to-Growth-digital-scan-version.pdf

Aber auch Frau Mäder ist offenbar nicht fähig, den Inhalt eines Sachberichts korrekt zu aufzufassen, wenn sie widerspruchslos einen Wissenschaftshistoriker mit der Aussage zitiert, man habe auch berechnet, was bei einer Verdoppelung der damals bekannten Ressourcen herauskomme (Club of Rome: Was hat "Die Grenzen des Wachstums" bewirkt? (nzz.ch)). 

Aber tatsächlich haben die Autoren nicht mit einer Verdoppelung, sondern mit einer Verfünffachung der bekannten Ressourcen gerechnet (Seite 56 ff des oben verlinkten Berichts): Auch mit dieser hohen Sicherheitsmarge verschob sich die Ressourcenverknappung bei weiterem exponentiellem Wachstum lediglich um einige Jahrzehnte, grob gesagt also von der ersten in die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts. 

Was sich trotz einer Verfünffachung der Ressourcen oder einer Verdoppelung der bekannten Agrarfläche nicht verschob war der Ökokollaps durch die Umweltverschmutzung, der ja jetzt schon unübersehbar begonnen hat: Kritisch sind nicht nur die steigenden Treibhausgase (im Bericht schon erwähnt!), sondern auch die Pestizide, die zusammen mit der Klimaerwärmung nicht nur zu einem weltweiten Insekten- und Vogelsterben geführt haben, sondern auch bis zu einer Halbierung der menschlichen Spermienzahl in den sog. "entwickelten" Ländern (Pesticides result in lower sperm counts – Harvard Gazette). Dazu kommt die Dezimierung der Meerestiere durch Plastikvermüllung und Ozeanversauerung, die Beispiele liessen sich beliebig mehren. 

Die Abwehr gegen diesen Bericht fusste und fusst immer auf dieser angeblich vorausgesagten und nicht eingetroffenen Verknappung der Ressourcen. Sie findet sich z.B. beim uninformierten NZZ-Wirtschaftsredaktor Eisenring (https://www.nzz.ch/meinung/ewiges-wachstum-ist-kein-hirngespinst-ld.1564968) und im unsäglichen heutigen Artikel von Wirtschaftsredaktor Sergio Aiolfi (https://www.nzz.ch/wirtschaft/club-of-rome-die-grenzen-des-wachstums-ld.1671750 ), welche beide den Bericht des Club of Rome gar nicht genau gelesen haben können. Der gute Aiolfi meint sogar, dass sich durch den Rohstoffpreis regulieren lasse, was nicht mehr vorhanden sei. Weiss er denn nicht, dass ein zu kleines "Energy return of investment" (EROI https://www.resilience.org/stories/2022-02-22/dennis-meadows-on-the-50th-anniversary-of-the-publication-of-the-limits-to-growth/) den Abbau der Energieträger abwürgt (dem ist die alte Sowjetunion zum Opfer gefallen), und, dass, wo nichts ist auch der Kaiser sein Recht verloren hat?  

Die Hoffnung, dass der Tages-Anzeiger einem besser informiere zerschlägt sich mit diesem Artikel: Faktencheck zum Umweltalarm – 50 Jahre «Grenzen des Wachstums»: Lag der Club of Rome richtig? | Tages-Anzeiger (tagesanzeiger.ch). Auch er behauptet wahrheitswidrig, dass der Club of Rome eine Ressourcenverknappung schon für den jetzigen Zeitpunkt vorausgesagt habe. Hat er eben nicht. 

Derweil tobt in der Ukraine schon ein Ressourcenkrieg, der nicht der erste ist und nicht der letzte sein wird. Dort geht es um die Kornkammer Europas in Zeiten sich abzeichnender Dünger- und Nahrungsknappheit; um die Hälfte der Weltproduktion an Neon, welches für die Chipproduktion unerlässlich ist; und um die Kontrolle über Gasexportleitungen.


Ich muss somit feststellen, dass weder die NZZ- noch die Tagi-Redaktoren fähig oder willens sind, einen klaren Bericht richtig aufzufassen und wiederzugeben, etwas, was – wenigstens noch im letzten Jahrhundert  - zu den Anforderungen der Gymnasialoberstufe gehörte. 

Offenbar wird das Wissen um die Realität durch den Glauben an die Wachstumsreligion verstellt.