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Montag, 1. Juni 2020

USZ-Skandal: Was man schon sagen kann

(Zuerst erschienen auf Insideparadeplatz vom 2.6.2010)

Vor 35 Jahren habe ich im Tiefenauspital Bern einen Skandal aufgedeckt: Korruption, gefälschte wissenschaftliche Daten, Erschleichung von Firmenhonoraren und Krankenkassenzahlungen für nicht erbrachte Leistungen. Auch damals wurden die Verantwortlichen von den übergeordneten Instanzen gedeckt. Die Details habe ich hier aufgeschrieben: https://lukasfierz.blogspot.com/2020/05/korruption-im-spital.html. Seither habe ich einige solche Skandale verfolgt, natürlich jetzt auch den Fall an der Herzchirurgie Zürich. Noch sind Untersuchungen im Gang und vieles ist unklar, aber man kann schon einige Aussagen machen:  

Zuerst einige allgemeine Feststellungen: Immer in solchen Fällen deckt sich die Führung reflexartig und gegenseitig. Whistleblower werden mundtot gemacht, gelegentlich sogar von Politikern, die sich damit brüsten, für die Schwächeren einzustehen (Fall Monika Stocker!). 

Ein Jurist, der für Korruptionsfälle in der Bundesverwaltung zuständig war belehrte mich darüber, dass Korruption infektiös sei. Wenn man in einem Verwaltungszweig einen Fall nachweise, sei es wahrscheinlich, dass man weitere finde, d.h. es gebe entweder gar keine oder vielfache Korruption.  

Dasselbe gilt für wissenschaftliche Qualität in einem Labor: Wenn bei nur einem Ergebnis Mauschelei nachgewiesen werden kann, so ist das in der Regel die Spitze eines Eisberges und stellt die ganze Tätigkeit in Frage.  

Wenn neue Techniken eingeführt werden, ist es unvermeidlich, dass Ärzte mit der Industrie zusammenarbeiten, mindestens als Berater, oft aber auch als Firmengründer und Risikokapitalgeber, weil die Finanzwelt am Anfang das Potential gar nicht sehen kann. Einem Arzt, der mit einer neuen Technik frühe Erfolge sieht, kann man auch kaum verbieten, Aktien der betreffenden Firma zu kaufen. 

Das imposanteste Beispiel ist die hierzulande erfundene Behandlung von Knochenbrüchen mit verschraubten Metallplatten (Osteosynthese). Diese verkürzt die Heilung von Wochen auf Tage und begründete eine Exportindustrie. Prof. Maurice Müller verdiente Hunderte von Millionen und stiftete das Paul Klee-Zentrum in Bern. Der asketisch lebende Hansjörg Wyss wurde Multimilliardär und stiftet Universitätsinstitute beidseits des Atlantiks. Die Schweiz ist stolz auf diese Leistung und der volkswirtschaftliche Nutzen für die Schweiz und die Welt rechtfertigt diese Einkünfte locker.

Nur darf darunter nie die kritische Überprüfung der Resultate leiden: Die Erfinder der Osteosynthese haben von Anfang an und aus eigenem Antrieb ein berühmtes Register über alle Resultate und Komplikationen geführt, um die Sicherheit und die Behandlungsergebnisse zu verbessern. Diese kritische Dokumentation war ein wesentlicher Faktor, nicht nur für den medizinischen, sondern auch den finanziellen Erfolg. Genaue Dokumentation wird heute schon von den Zulassungsbehörden gefordert, zum Beispiel bei der neuen nichtinvasiven Behandlung mit focussiertem Ultraschall, die zur Zeit unter anderem bei  Prostatacarcinom (EDAP), bei Schilddrüsentumoren oder bei Krampfadern (Theraclion) weltweit eingeführt wird. 

Um jetzt speziell auf die Herzchirurgie des USZ zu kommen: Dass der Whistleblower geschasst wurde entspricht dem normalen Lauf der Dinge. Aber er ist ein erfahrener Arzt. Er wusste, dass er mit seiner Meldung seine Zukunft im USZ aufs Spiel setzte. Nur wegen Finanzbeteiligungen oder Bagatellen hätte er diesen Schritt niemals getan: Er muss in einem erheblichen  Gewissenskonflikt gewesen sein. 

Und jedenfalls scheint schon erstellt und unbestritten, dass Bewilligungen der Swissmedic mit falschen Angaben erschlichen wurden, und dass schlechte Operationsresultate in Publikationen geschönt wurden. Das sind absolute No-Gos: Selbst wenn keine Strafverfolgung oder Verurteilung resultierte ist der verantwortliche Professor in der Wissenschaftswelt erledigt. Das USZ wird ihn nicht halten können, ohne sich lächerlich zu machen. Überdies würde ich einmal vermuten, dass wir erst die Spitze des Eisbergs kennen. Ob sich die Spitalleitung, die den Fall herunterzuspielen suchte halten kann ist unsicher. Der Whistleblower wird sicher an einem öffentlichen oder privaten Spital mit offenen Armen empfangen werden, falls das USZ nicht das Einsehen hat, ihn wieder einzustellen.