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Mittwoch, 12. August 2020

Die Lebenden werden die Toten beneiden

(Zuerst publiziert in www.Journal21.ch vom 12.8.2020)

In der New York Review of Books, 20. August 2020 (-> link to original article) bespricht Bill McKibben das Buch «The last warning: Six degrees climate emergency» («Die letzte Warnung: Sechs Grad Klimanotfall») von Mark Lynas, London: 4th Estate, 372 S., 27,99 USD. Hier diese Besprechung in deutscher Übersetzung: 

54 Grad Celsius

Durch COVID bekommen wir einen Begriff von einer umfassenden globalen Krise, die alles stört: Das normale Leben - Lebensmittel einkaufen, Hochzeit halten, zur Arbeit gehen, die Eltern sehen – alles verändert sich dramatisch. Die Welt fühlt sich anders an, und jede Annahme über Sicherheit und Vorhersehbarkeit ist auf den Kopf gestellt: Wirst du einen Job haben? Wirst du sterben? Wirst du jemals wieder mit der U-Bahn fahren oder ein Flugzeug nehmen? Es ist alles anders, als wir jemals gesehen haben.

Der Umbruch durch Covid-19 ist auch eine Art Generalprobe für die globale Erwärmung. Weil die Menschen die physische Funktionsweise des Planeten Erde grundlegend verändert haben, gehen wir einem Jahrhundert von Krisen entgegen, von denen viele gefährlicher sind als das, was wir jetzt durchleben. Hauptfrage ist, ob wir den Temperaturanstieg so eingrenzen können, dass wir diese Krisen wenn auch mit Aufwand und Leid bewältigen können, oder ob unsere Zivilisation überwältigt wird. Letzteres ist eine eindeutige Möglichkeit, wie Mark Lynas neues Buch «Our Final Warning» schmerzlich deutlich macht.

Lynas ist ein britischer Journalist und Aktivist. 2007 veröffentlichte er im Vorfeld der Klimakonferenz in Kopenhagen ein Buch mit dem Titel «Sechs Grad: Unsere Zukunft auf einem heißeren Planeten». Das neue Buch erinnert an die frühere Arbeit, die schon keineswegs fröhlich war. Aber weil Wissenschaftler im letzten Jahrzehnt das Verständnis der Erdsysteme dramatisch verbessert haben, während unsere Gesellschaft dasselbe Jahrzehnt dazu verschwendete, um immer mehr CO2 in die  Atmosphäre zu pusten ist dieses Buch weit, weit dunkler. Lynas stützt sich auf solide Quellen und eine breite Palette veröffentlichter Forschungsergebnisse. Eröffnend sagt er, dass er lange davon ausgegangen sei, dass wir „den Klimawandel wahrscheinlich überleben könnten. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher."

Die Nationen, welche fossile Brennstoffe in großen Mengen verbrauchen, haben die Temperatur des Planeten seit der industriellen Revolution um mehr als ein Grad Celsius angehoben. Die Marke wurde 2015 überschritten, zufällig auch das Jahr, in dem wir in Paris die ersten wirklichen globalen Abkommen über Klimaschutzmaßnahmen erreicht haben. Ein Anstieg um ein Grad klingt nicht nach viel, aber es ist viel: Jede Sekunde fangen der Kohlenstoff und das Methan, die wir abgegeben haben, Wärme ein, die der Explosion von drei Hiroshima-Bomben entspricht. Seit 1959 wird auf dem  Vulkan Mauna Loa in Hawaii die Kohlendioxidkonzentration erfasst. Ende Mai dieses Jahres war ein neues Rekordhoch von etwa 417 ppm CO2, das sind 100 ppm mehr als zur Zeit unserer Ururgrosseltern, und mehr, als es in den letzten drei Millionen Jahren je gegeben hat (ppm = parts per million).

Während wir fahren, heizen, beleuchten und bauen, geben wir jährlich etwa 35 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre ab. Momentan nehmen Ozeane und Wälder etwas mehr als die Hälfte davon auf, aber diese Gnade wird in Zukunft nicht anhalten, und auf jeden Fall bedeutet dies, dass wir der Luft jährlich etwa 18 Milliarden Tonnen hinzufügen . Dies ist bei weitem der wichtigste Einflussfaktor  für die Zukunft des Planeten.

Der Schaden, der bei einem Grad Erwärmung angerichtet wurde, ist beunruhigend und liegt in fast allen Fällen über dem, was Wissenschaftler vor dreißig Jahren vorhergesagt hatten (Wissenschaftler sind halt von Natur aus vorsichtig).  Lynas nimmt uns auf eine Horrortour,  von Grönland (wo die Eisschmelze bereits auf dem Niveau liegt, das einst für 2070 vorhergesagt wurde); in die Wälder der Welt (auf der ganzen Welt hat die Dauer der Waldbrandsaison um ein Fünftel zugenommen); in städtische Gebiete in Asien und im Nahen Osten, in denen in den letzten Sommern die höchsten zuverlässig gemessenen Temperaturen auf der Erde gemessen wurden, gegen 54 Grad. Das ist die Welt mit einem Grad Erwärmung, in der ein Gürtel aus gebleichten Korallen über den Tropen zu sehen ist - ein 90-prozentiger Zusammenbruch entlang des Great Barrier Reef, der größten lebenden Struktur des Planeten – oder die entsetzlichen Szenen aus Australien wo im Dezember Menschen ins Meer wateten,  um den Feuerstürmen zu entkommen.

Das wäre einmal die Ausgangsbasis. Wir werden definitiv nicht cooler. Aber betrachten wir jetzt das eigentliche Problem, die zukünftige Entwicklung, welche Wissenschaftler seit vielen Jahren zu vermitteln versuchen, welche aber weder in der Öffentlichkeit noch bei den politischen Führern wirklich angekommen ist. In den Worten von Lynas:

«Auf dem aktuellen Erwärmungspfad könnten wir bereits Anfang der 2030er Jahre zwei Grad Globalerwärmung haben, die drei Grad um Mitte des Jahrhunderts und vier Grad bis 2075. Wenn wir mit positiven Feedbackschleifen Pech haben - vom Auftauen des Permafrosts in der Arktis bis zum Zusammenbruch tropischer Regenwälder - könnten wir bis zum Ende des Jahrhunderts fünf oder  sechs Grad Globalerwärmung erreichen».

Das ist ein lesenswerter Absatz, eine unverbrämte Zusammenfassung der verfügbaren Wissenschaft (eine  Anfang Juli veröffentlichte Studie schätzt, dass wir die 1,5-Grad-Schwelle bis 2025 überschreiten könnten). Diese Sicht ist keinewegs abwegig und sie impliziert eine unvorstellbare Zukunft. Zwei Grad sind nicht doppelt so schlecht wie ein Grad, oder drei Grad dreimal so schlecht. Denn der Schaden nimmt nicht linear mit der Temperatur zu, sondern eher exponentiell, wobei bei steigender Temperatur jederzeit unvorhersehbare Kippunkte drohen. (Anmerkung des Übersetzers: eine bestimmte Globalerwärmung heisst ca. das doppelte oder mehr über den Landmassen, wo die Kühlung durch das Meer entfällt). 

Aber haben sich die Staats- und Regierungschefs der Welt im Pariser Klimaabkommen nicht  verpflichtet, den Temperaturanstieg auf „weit unter“ zwei Grad Celsius und so nahe wie möglich an 1,5 Grad zu halten? Sie taten es - in der Präambel. Aber dann fügten sie ihre tatsächlichen Zusagen Land für Land hinzu. Als Wissenschaftler diese Versprechen zusammenfassten - Emissionen zu senken, erneuerbare Energien aufzubauen, Wälder zu retten - und sie in einen Computer einspeisten, spuckte der die Nachricht aus, dass wir bei Einhaltung des Pariser Abkommens in diesem Jahrhundert auf eine Globalerwärmung um etwa 3,5 Grad zusteuern. Und nicht genug Länder halten die Pariser Versprechen - tatsächlich haben sich unsere USA, die in den letzten zwei Jahrhunderten weitaus mehr Kohlenstoff produziert haben als jedes andere Land, vollständig von den Abkommen zurückgezogen, angeführt von einem Präsidenten, der den Klimawandel als Scherz bezeichnet. Der En-ROADS-Online-Simulator, der von Climate Interactive, einem gemeinnützigen Think Tank, entwickelt wurde, sagt voraus, dass wir in diesem Jahrhundert einen globalen Temperaturanstieg von 4,1 Grad  erwarten können. Alles in allem ist Lynas 'sorgfältige schrittweise Analyse eine direkte Prognose für unsere Zukunft, und gleichzeitig eine Höllentour, es sei denn, wir ergreifen Massnahmen in einem Maßstab, den derzeit nur wenige Nationen planen.

Folgen wir Lynas auf dieser Tour in die Hölle:

Bei einer um zwei Grad erhöhten Globaltemperatur sind sagt die Wissenschaft ziemlich sicher einen im Sommer eisfreien Arktischen Ozean voraus. Schon jetzt hat der Eisverlust im Norden die Wettersysteme dramatisch verändert, den Jetstream geschwächt und die Wetterverhältnisse in Nordamerika und anderswo destabilisiert. 

Bei den zwei Grad könnten 40 Prozent der Permafrostregion abschmelzen, unter massiver Freisetzung von Methan und CO2, was uns näher an die drei Grad bringen würde. Aber wir greifen vor: Zwei Grad werden wahrscheinlich auch den irreversiblen Verlust der Westantarktischen Eisdecke auslösen. Selbst vorsichtige Schätzungen des resultierenden Meeresspiegelanstieges lassen erwarten, dass dadurch 79 Millionen Menschen vertrieben werden. Und der Schutz gefährdeter Städte entlang der Ostküste der USA hinter Deichen und Mauern würde bis zu 1 Million US-Dollar pro Person kosten. Lynas folgert: «Ich vermute, niemand wird mit so hohen Kosten für Deiche bezahlen wollen, und die am stärksten gefährdeten (und ärmsten) Gemeinden werden einfach aufgegeben».

Früher hofften die Forscher, dass eine Erwärmung um zwei Grad die Lebensmittelproduktion tatsächlich leicht steigern könne, aber „jetzt sehen diese rosigen Erwartungen gefährlich naiv aus.“ Lynas zitiert jüngste Studien, in denen vorausgesagt wird, dass zwei Grad die globale Lebensmittelverfügbarkeit um etwa 99 Kalorien pro Kopf und Tag verringern werden – und auch diese Last wird selbstverständlich nicht gleichmäßig oder gerecht verteilt werden.

Städte werden stetig heißer: Die derzeitige Erwärmung bedeutet, dass sich alle Menschen auf der Nordhalbkugel mit einer Geschwindigkeit von etwa 19 km pro Jahr effektiv nach Süden bewegen. Das ist ein halber Millimeter pro Sekunde, was mit bloßem Auge eigentlich leicht zu erkennen ist: „Ein sich langsam bewegendes riesiges Förderband“, das uns „immer tiefer in die Subtropen transportiert, mit der gleichen Geschwindigkeit wie der Sekundenzeiger einer kleinen Armbanduhr . ”

Aber dieser statistische Durchschnitt maskiert Extreme: Wir können immer stärkere Hitzewellen erwarten, so dass beispielsweise in China Hunderte Millionen Menschen mit Temperaturen umgehen müssen, denen sie noch nie zuvor begegnet sind. Die natürliche Welt wird dramatisch leiden - 99 Prozent der Korallenriffe werden wahrscheinlich sterben: Eine der faszinierendsten (und produktivsten) Ecken der Schöpfung wird auf „abgeflachte, algenbedeckte Trümmer“ reduziert.

Wenn wir darüber hinaus zu drei Grad Globalerwärmung gehen, "wird das unsere Zivilisation bis zum Zusammenbruch belasten." Die drei Grad bringen uns auf ein Niveau globaler Hitze, das noch kein Mensch erlebt hat – letztmals so warm war es vor drei Millionen Jahren im Pleistozän.

In seinem ersten Buch berichtete Lynas, dass Wissenschaftler den Zusammenbruch der Westarktischen Eisdecke bei vier Grad erwarteten. Wie oben ausgeführt erwartet man den Zusammenbruch heute  früher, bei zwei Grad Erwärmung ist er eine tödliche Möglichkeit, bei drei Grad eine Gewissheit. Höhere Meeresspiegel bedeuten, dass Sturmfluten wie der Superstorm Sandy vom Jahr 2012 durchschnittlich dreimal im Jahr zu erwarten sind.

In einer Dreigrad-Welt werden die rekordverdächtigen Hitzewellen von 2019 „als ungewöhnlich kühler Sommer gelten“. Über eine Milliarde Menschen würden in Zonen des Planeten leben, "in denen es unmöglich wird, außerhalb künstlich gekühlter Umgebungen sicher zu arbeiten, selbst im Schatten". Der Amazonas stirbt,  der Permafrost bricht zusammen. Die Veränderung verstärkt sich selber: Bei drei Grad wird die Reflexion des Planeten stark vermindert, weil weißes Eis, das den Sonnenschein zurück in den Weltraum reflektiert, durch blaues Meer oder braunes Land ersetzt wird, das diese Strahlen absorbiert und den Prozess verstärkt.

Und dann kommen die vier Grad: Der Mensch als Spezies ist damit nicht vom Aussterben bedroht - noch nicht. Aber die fortschrittliche industrielle Zivilisation mit ihrem ständig steigenden Materialverbrauch, Energieverbrauch und Lebensstandard - das System, das wir Modernität nennen – kommt ins Wanken.

In Orten wie Texas, Oklahoma, Missouri und Arkansas werden die Höchsttemperaturen jedes Jahr höher sein als die 50 und mehr Grad, die man jetzt im Death Valley findet. Drei Viertel der Weltbevölkerung werden „mehr als 20 Tage pro Jahr tödlicher Hitze ausgesetzt sein ” – in New York 50 Tage pro Jahr, in Jakarte alle Tage des Jahres. Ein „Gürtel der Unbewohnbarkeit“ wird durch den Nahen Osten verlaufen, den größten Teil Indiens, Pakistans, Bangladeschs und Ostchinas. Die Ausweitung der Wüsten wird ganze Länder "vom Irak bis nach Botswana" verbrauchen.

Je nach Studie steigt das Risiko von „sehr großen Bränden“ in den westlichen USA zwischen 100 und 600 Prozent; Das Hochwasserrisiko in Indien steigt um das Zwanzigfache. Derzeit ist das Risiko, dass die größten Getreideanbaugebiete aufgrund von Dürre gleichzeitig Ernteausfälle erleiden, „praktisch Null“, aber bei vier Grad „steigt diese Wahrscheinlichkeit auf 86%“. Riesige «marine Hitzewellen“ werden die Ozeane durchkämmen: „Eine Studie geht davon aus, dass die Meerestemperaturen in einer Welt mit vier Grad in vielen tropischen Meeresökoregionen über der thermischen Toleranzschwelle von 100% der Arten liegen werden.“ Das Aussterben an Land und auf See wird sicherlich das schlimmste seit dem Ende der Kreidezeit vor 65 Millionen Jahren sein, als ein Asteroid dazu beitrug, das Zeitalter der Dinosaurier zu beenden. "Der Unterschied", bemerkt Lynas, "besteht darin, dass der" Meteor "diesmal Jahrzehnte im Voraus sichtbar war, aber wir haben uns einfach abgewandt, als er am Himmel immer größer wurde."

Wir werden nicht lange bei Lynas' Beschreibungen darüber verweilen,  was bei fünf oder sechs Grad Globalerwärmung passiert. Diese sind leider nur allzu plausibel -  besonders wenn die Menschheit sich nicht auf eine Kursänderung einigt - aber sie sind pornographisch. Wenn die Erwärmung dieses Ausmass erreicht, werden die Lebenden die Toten wirklich beneiden: Eine Welt, in der die Menschen versuchen, sich nach Patagonien oder vielleicht auf die Südinsel Neuseelands zu drängen, eine Welt, in der massive Monsune den Boden bis zum Felsen wegspülen. wo die Ozeane anoxisch oder völlig ohne Sauerstoff sind. Vergessen wer die Praezedenzfälle der Kreidezeit und der Asteroideneinschläge - bei sechs Grad nähern wir uns dem Schaden, der zu Ende des Perms eintrat, der größten biologischen Katastrophe in der Geschichte des Planeten, als vor 250 Millionen Jahren 90 Prozent der Arten verschwanden. Ist das übertrieben? Nein, denn momentan erhöhen unsere Autos und Fabriken die CO2-Konzentration des Planeten ungefähr zehnmal schneller als die riesigen sibirischen Vulkane, die damals die Katastrophe ausgelöst haben.

Angesichts der Klimakrise ist die Rückkehr zum „Normalen“ kein realisierbares Ziel - niemand wird einen Impfstoff herstellen (*). Das heißt nicht, dass wir keine Möglichkeiten haben. Tatsächlich haben wir derzeit mehr Optionen als zu irgendeinem früheren Zeitpunkt, aber wir müssten sie in dramatischem Umfang und mit dramatischer Geschwindigkeit einsetzen.

Zum einen haben die Ingenieure ihre Arbeit gut gemacht. Vor etwa einem Jahrzehnt begann der Preis für erneuerbare Energien zu sinken, und dieser Rückgang beschleunigt sich weiter. Der Preis pro Kilowattstunde Solarenergie ist seit 2010 um 82 Prozent gefallen. In diesem Frühjahr wurde in den sonnigen Wüsten Dubais der Zuschlag für die weltweit größte Solaranlage abgegeben, sie produziert für etwas mehr als einen Cent pro Kilowattstunde. Der Preis für Windkraft ist fast ebenso dramatisch gefallen. Jetzt rasen die Batterien die gleiche Kurve hinunter. In vielen Jahren wird es vielerorts tatsächlich billiger sein, neue Solaranlagen zu bauen, als bereits gebaute und bezahlte Gas- und Kohlekraftwerke weiter zu betreiben. (Das liegt daran, dass die Sonne die Kraft gratis liefert).

Aus diesen Gründen und aufgeschreckt durch Kampagnen setzen sich Investoren für erneuerbare Energien ein. Damit wird auch die Macht der fossilen Brennstoffindustrie geschwächt, die ihre Schlagkraft seit drei Jahrzehnten genutzt hat, um den Übergang zu neuen Energieformen zu blockieren.

Aber die Wirtschaft selbst wird uns nicht schnell genug bewegen. Trägheit ist eine mächtige Kraft - Trägheit und die Notwendigkeit, Billionen an „gestrandeten Vermögenswerten“ aufzugeben: Riesige  Öl- und Gasreserven, die derzeit den Wert von Unternehmen (und von Ländern, die sich wie Unternehmen verhalten – man denke an Saudi-Arabien) stützen, müssten im Boden belassen werden. Infrastrukturen wie Pipelines und Kraftwerke müssten lange vor Ablauf ihrer Nutzungsdauer geschlossen werden. Dieser Prozess würde wahrscheinlich mehr Arbeitsplätze schaffen als beseitigen, denn fossile Energie ist in der Regel kapitalintensiv, während erneuerbare Energien arbeitsintensiver sind. Aber die politischen Systeme reagieren eher auf drohende Arbeitsplatzverluste als auf ihren möglichen Ersatz. Von den ärmsten Nationen sollte nicht erwartet werden, dass sie für den Übergang so viel bezahlen wie die reichen Nationen: Sie sind bereits belastet mit den horrenden Kosten des Meeresspiegelanstiegs und der Gletscherschmelze, zu deren Verursachung sie kaum beigetragen haben. Auch ohne Führer wie Trump ist der erforderliche Aufwand enorm - genau deshalb blieben die Zusagen der Unterzeichner in Paris so weit hinter den selbst gesetzten Zielen zurück. Und Führer wie Trump scheinen sich zu vermehren: Der Brasilianer Jair Bolsonaro kann die Klimamathematik im Alleingang umschreiben, indem er einfach weiterhin den Amazonas entwaldet. Es wird eine mächtige und andauernde Bewegung erfordern, um den Wandel zu beschleunigen.

Was Lynas 'Buch vielleicht etwas deutlicher hätte machen sollen, ist, wie wenig Spielraum wir haben, um diese Aufgaben zu erfüllen. In einer Coda schreibt er tapfer: „Es ist nicht zu spät, und tatsächlich wird es nie zu spät sein. So wie 1,5 ° C besser als 2 ° C ist, so ist 2 ° C besser als 2,5 ° C, 3 ° C ist besser als 3,5 ° C und so weiter. Wir sollten niemals aufgeben.“ Dies ist zumindest emotional unbestreitbar. Nur machen die von ihm zitierten Studien deutlich, dass zwei Grad Erwärmung Rückkoppelungen erzeugen können, die uns automatisch höher bringen. Ab einem bestimmten Punkt wird es zu spät sein. Die erste dieser Fristen könnte 2030 sein - das Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC)  teilte 2018 mit, dass wir bis zu diesem Datum eine „grundlegende Umgestaltung“ der Energiesysteme benötigen, da sonst die in Paris festgelegten Ziele unerreichbar blieben (Mit „grundlegender Transformation“ war ein Rückgang der Emissionen um 50 Prozent gemeint). Das heißt, die Jahre, in denen wir noch größte Hebelwirkung und Einfluss haben können wir unseren zehn Fingern abzählen.

Die Covid-Pandemie zeigt, wie wichtig der Zeitfaktor in solchen Krisen ist. Südkorea und die USA meldeten die ersten Fälle am selben Januartag. Amerikas Regierung und Präsident verschwendeten den Februar mit Zögern und Twittern. Und jetzt ist Seoul nahe an der Normalität, und in den USA sind wir dem Chaos nahe (An einem einzigen Julitag  meldete Florida mehr Fälle, als Südkorea in der ganzen Pandemie). Und so wie die USA den Februar verplemperten, verplemperten wir für den Planeten dreißig Jahre. Geschwindigkeit ist wichtiger denn je. Die Proteste gegen Black Lives Matter erinnern daran, dass Aktivismus erfolgreich sein kann und dass Umweltbemühungen stark mit anderen Kampagnen für soziale Gerechtigkeit verbunden sein müssen. Der von der Biden-Kampagne im vergangenen Monat angekündigte Klimaplan ist ein glaubwürdiger Start für die notwendigen Anstrengungen.

Die Pandemie gibt auch einen tauglichen Masstab dafür, wie viel wir ändern müssen, um die Klimakrise zu bewältigen. In diesem Frühjahr haben wir «business as usual» eine Zeit lang beendet, fast auf der ganzen Welt - und unseren Lebensstil weitaus mehr verändert, als wir je für möglich gehalten hatten. Wir haben aufgehört zu fliegen, haben aufgehört zu pendeln, haben viele Fabriken gestoppt. Im Endeffekt sind die Emissionen gesunken, aber nicht so stark, wie man hätte erwarten können: Nach vielen Berechnungen kaum mehr als 10 oder 15 Prozent. Das deutet darauf  hin, dass der größte Teil der Faktoren, die unsere Erde zerstören, fest in unseren Systemen eingebaut und verdrahtet sind. Nur wenn wir diese Systeme angreifen - indem wir die mit fossilen Brennstoffen betriebenen Eingeweide herausreißen und durch erneuerbare Energien und weitaus effizientere  Techniken ersetzen, können wir die Emissionen so weit senken, dass wir eine Chance haben. Und zwar – das macht Lynas leider klar - nicht die Chance, die globale Erwärmung zu stoppen. Aber wenigstens eine Chance, zu überleben.

(*) Einige fordern "Geoengineering"-Lösungen für die globale Erwärmung - Techniken wie das Sprühen von Schwefeldioxid in die Atmosphäre, um die einfallenden Sonnenstrahlen zu blockieren. Das würde nichts dazu beitragen, die andere schlimme Krise zu verlangsamen, die durch den Kohlenstoffstoß verursacht wird: Die Versauerung der Ozeane. Und man könnte damit durchaus neue Formen des Chaos anrichten.

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Übersetzung: Lukas Fierz, Bern.

Veröffentlicht mit Genehmigung New York Review of Books.

Link zum Originalartikel: https://www.nybooks.com/articles/2020/08/20/climate-emergency-130-degrees/

 

 

Montag, 7. Oktober 2019

Negativzinsen oder "Der Markt hat immer recht"

(Zuerst erschienen auf Journal21.ch am 6.10.2019)

Negativzinsen sind eine Zusatzsteuer auf parkiertem Geld. Offiziell sollen sie zu Investitionen zwingen und so die Wirtschaft ankurbeln, eine Art finanzielles Zauberlehrlingsspiel, gespielt von  Zentralbankern für Regierungen, die im Sattel bleiben wollen. So wird es uns erklärt. 
Aber könnte es nicht sein, dass es gar kein Zauberlehrlingsspiel ist, sondern ein Symptom, ein Abbild der Realität? 

Im Grunde genommen ist Zins eine Wette auf eine profitable Zukunft: Du bringst Dein überschüssiges Geld zur Bank, die leiht es jemandem, der damit Geld verdient, der am Schluss Zins und geliehenes Kapital zurückzahlt und den Rest behält - eine Win-Win-Situation. 

So könnte ein Negativzins auch signalisieren, dass es diese Win-Win-Situation nicht mehr gibt, weil es keine profitable Zukunft  gibt, etwa derart, dass man in Zukunft mit Geld weder viel verdienen noch kaufen kann. 

Ja, was ist mit dieser Zukunft? Der Ausstoss von Treibhausgasen wird jährlich grösser, nicht kleiner. Die IPCC-Reports berichten nur die Hälfte der Kalamität. Bis 2030 kommen anderthalb Grad globaler Klimaerwärmung, zwei Grad bis 2040 und vier bis fünf oder mehr Grad bis 2100. Rockström, der Direktor des Klimainstituts Potsdam, meint, dass eine vier Grad wärmere Erde kaum 8 Milliarden Menschen, und vielleicht nicht einmal die Hälfte davon wird ernähren können.  Schon jetzt leidet ein Viertel der Menschheit an Wassermangel. Weltweit sterben Bienen, andere Insekten, Fischpopulationen, Landlebewesen, während die Weltbevölkerung weiter explodiert. 

Derweil sind wirkungsvolle Gegenmassnahmen nicht festzustellen, nur wirkungslose Absichtserklärungen (Kyoto, Paris) und Alibimassnahmen (CO2-Kompensation). Im Endeffekt sind wir unterwegs zu einem unbewohnbaren Planeten, mit Verhältnissen wie im Mittleren Osten, Hungersnöten, Seuchen, Massenmigrationen, Staatszerfall und Krieg. In einer solchen Welt werden Geld und seine Derivate den Wert verlieren. Wie, wenn uns die Negativzinsen genau das signalisieren wollten? Schliesslich hat der Markt immer recht...